Das Waldmünchner Mehrgenerationenhaus: Ein Schatz und noch mehr Schätze

Von Petra Schoplocher · 13. September 2023 um 05:00

„Miteinander. Füreinander“ steht dick auf den Postkarten, die im Foyer ausliegen. Eine Zufallsbegegnung und doch könnte es keine bessere Zusammenfassung geben zu 15 Jahren Mehrgenerationenhaus (MGH) Waldmünchen. Gemeinsam, mit anderen, ja, das trifft es.

Weil hinter dieser Philosophie Gesichter stehen.Wie das von Erika Wagner, die ab der Stunde null, sprich der Einweihung im September 2008, einen Klosterarbeiten-Treff initiierte, der bis heute besteht. Weil unter all denen sicher jemand vergessen würde, nehmen wir sie stellvertretend.

Die Menschen sind das Wichtigste

Damals wie heute sind es Menschen, die das MGH mit Leben erfüllen. Indem sie Sprachkurse anbieten oder Kindern ein paar schöne Stunden bereiten, in Vorträgen Wissen(swertes) vermitteln oder einfach dafür sorgen, dass man sich besser fühlt. Hinter ihnen Menschen, die das Organisatorische abwickeln, Finanzierungen klären, Räume verteilen. Das Haus, in ihm greifen viele Zahnräder ineinander.

Genau das macht es aus, genau sie machen die Gesamtgeschichtte spannend. Vom Französisch-Stammtisch bis zur schamanischen Trommelreise. Vom Modelleisenbahntreff für Acht- bis Achtzigjährige über Yoga bis zu Sprechstunden der Erziehungsberatungsstelle. Jede einzelne: wertvoll.

Ein Geschenk für Ursula von der Leyen

Erika Wagner erinnert sich noch gut an den Besuch Ursula von der Leyens zur Eröffnung. Und die schlaflose Nacht zuvor, schließlich sollte die Ministerin ein Geschenk erhalten, einer spontanen Eingebung folgend. „Also hab‘ ich mich bis nachts um drei hingesetzt und was gebastelt.“ Um es der Ministerin dann als Gemeinschaftswerk zu „verkaufen“. Auch das sagt viel aus über den Geist aus, der in diesem MGH herrscht. Das Engelchen im Rahmen, Ursula von der Leyen war ver- und entzückt. „Das bring‘ ich meiner Kleinen mit“, verriet sie, das Kunstwerk an sich drückend, beschreibt Erika Wagner einen für sie berührenden Moment.

Verbundenheit zum MGH bleibt

Wagner ist auch in anderer Weise Sinnbild für das MGH. Zwar besucht sie die 14-tägigen Treffen „ihrer“ Gruppe (das nächste Anfang Oktober) nur noch sporadisch besuchen – eine Augenerkrankung verhindert, dass sie die filigranen Arbeiten weiter ausführen kann – Teil des Ganzen ist sie aber dennoch.

Lesen Sie hier: Konkrete Hilfe

Neben dem Handwerken wird nämlich auch geratscht, „das gehört dazu“, betont ihre Nachfolgerin Irmi Althammer. Der Klosterarbeitentreff ist ein Angebot der ersten Stunde. Vor Eröffnung des MGH trafen sich interessierte Frauen, die sich bei einem entsprechenden Kurs gefunden hatten, nur lose. Seit 2008 ist das MGH ihre Heimat, wenngleich sie immer weniger werden. Dabei seien Klosterarbeiten „eine wunderbare Beschäftigung“, vor allem an winterabenden. Außer Geduld, ein wenig Geld (billig sind Silber- und Gold, Perlen und Stoffe nicht) und Geschick ist nichts weiter nötig, rühren sie die Werbetrommel.

Filigrane Kunstwerke

Das Besondere sind nicht nur Kunstwerke in Rahmen, auf Straußen- und Hühnereiern oder als Engel. Vieles, wie andere Materialien, im Internet erworben, seit es in Waldmünchner kein Geschäft à la Obergaßner mehr gibt. Oder aus Nachlässen, die dafür sorgen, dass für Anfängerinnen (die jederzeit willkommen sind) eine Grundausstattung zur Verfügung stünde.

Die Frauen suchen sich ein Motiv, ein Stück Papier einem alten Gebetbuch, eine Brosche, eine Hutschenreuther-Platte und beginnen, ohne Muster oder Entwurf. „Man muss halt Fantasie haben“, lächelt Erika Wagner.

Idee kam aus der Familie

Sie ist in vielerlei Hinsicht mit dem MGH eng verbunden. Als Eigentümerin seit 1989 mit ihrem Mann Siegfried, als Mama von Projektleiterin Susi Nock. Letztere war es, die seinerzeit die Idee eines Mehrgenerationenhauses mit nach Hause brachte – und damit der Vision des Vaters, die Tradition des Hauses (das schon Café und zuletzt „Gockerlstube“ war) fortzuführen, einen Begegnungspunkt am besten mit überregionaler Bedeutung zu schaffen, einen Inhalt gab.

Lesen Sie hier: Ein Leben für Waldmünchen

Denn eine Pilskneipe, nein, die wollte der Waldmünchner Ehrenbürger nicht. Wie auch nicht den vornehmen Nachtclub, für den der entsprechende Interessent schon Pläne eines hochdekorierten Innenarchitekten (und auch Damen) in petto hatte. „Nix da!“ Lieber ließ es der Bauunternehmer das Gebäude oberhalb des Marktplatzes erst einmal leer stehen, um „das richtige Leben dafür zu suchen“.

Stolz auf die Tochter

Der Impuls sollte besagter Vorstoß der Tochter werden. Nachdem er sich eingehend mit dem Thema MGH beschäftigt und eines in Frauenau besichtigt hatte, erkannte er: „Das ist ideal für unser Haus und die Stadt!“ Das hat sich 15 Jahre später nicht geändert. „Unsere Überlegungen und Wünsche von damals, sie sind allesamt voll gelungen.“ Nicht zuletzt dank Susis Einsatz, fügt er leise(r), aber nicht weniger stolz hinzu.

Wagners haben viel Geld investiert

Zweimal, 2014 und 2019, haben er und seine Frau nach der grundlegenden Sanierung eine Menge Geld in die Hand genommen, um das mehr als 250 Jahre alte Gebäude zu verbessern. Neugestaltungen, ein neues Foyer, Barriere-Armut (Freiheit ist baulich nicht möglich), Dachausbau. Jetzt ist alles auf Stand. Und doch gibt es Überlegungen zum Stadl im Innenhof („ein eingezogener Giebel?“) oder dem Gewölbekeller, ein Gedanke, der vor allem Erika Wagner gefällt. „Mal sehen“, lächelt der 86-Jährige geradezu spitzbübisch.

Wagners Lächeln. Es passt nur allzu gut zu diesem Anlass, das am Rande des Herbstfestes am 24. September in kleinem Rahmen gefeiert werden soll. Mit Begegnungen, Gesprächen, Mitmach-Angeboten, Informationen und einem Rückblick. 15 Jahre wunderbares Miteinander und Füreinander in Bildern – und in den Köpfen und Herzen vieler Menschen.

Großer Moment: Die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (Mitte) besuchte und eröffnete das Haus im September 2008. Foto: Susi Nock
Auch das ist das MGH: Als Eigentümer Siegfried Wagner im Herbst 2016 mit Gästen auf eine Teilsanierung anstieß, wollte er bewusst einen Geflüchteten dabei haben.