Kreisjugendring Neumarkt braucht mehr Personal – Landkreis sieht keinen Bedarf

Von Nicole Selendt · 8. September 2023 um 18:00

Für die Kinder und Jugendlichen ist es der pure Spaß. Für das Team des Kreisjugendrings ist es Arbeit. Und diese nimmt zu: Denn immer mehr Kinder sind psychisch belastet und brauchen Unterstützung. Damit stößt das kleine Team in der KJR-Geschäftsstelle aber zunehmend an seine Grenzen.

Für sie sowie die ehrenamtlichen Helfer gibt es jetzt Hoffnung: Ein Institut aus Essen (Inso) hat 14 Stadt- und Kreisjugendringe unter die Lupe genommen und deren Arbeit nach wirtschaftlichen Kriterien beschrieben. Sie belegen schwarz auf weiß: Für das, was der KJR Neumarkt leistet, braucht er mehr fest angestellte Mitarbeiter.

Derzeit arbeiten in der Geschäftsstelle – auf dem Papier – ein Geschäftsführer, eine Verwaltungskraft und ein pädagogischer Mitarbeiter, aufgeteilt auf zwei Teilzeitkräfte. In der Praxis ist es ein wenig komplizierter. Jedoch erklärt Geschäftsführer Markus Ott die Strukturen ganz vereinfacht so: Damit er seine Pädagogen Jochen Hirschmann und Christine Brönner in Vollzeit beschäftigen kann, jongliert er laufend mit Stunden, Stellen und Zuständigkeiten.

Unterm Strich bleibe es aber dabei: Trotz Unterstützung von Semesterpraktikanten, Ehrenamtlichen aus der Vorstandschaft und vielen freiwilligen Helfern häufen die Hauptamtlichen Überstunden an, um die Arbeit bewältigen zu können. Welche Arbeit das ist und wie viel Personal der KJR dafür bekommt, steht in einem Grundlagenvertrag zwischen Landkreis Neumarkt und Kreisjugendring.

Andere Landkreise stocken Personal des Kreisjugendring auf

Das Inso hat nun im Auftrag des Sozialministeriums über den Bayerischen Jugendring errechnet, wie viel Personal tatsächlich nötig wäre und gibt in einem entsprechenden Handbuch eine Empfehlung ab. Basierend auf den Aufgaben aus dem Grundlagenvertrag, der Qualität, die dafür nötig ist, und der Gesetzgebung kommt Inso-Vorsitzender Marco Szlapka zu dem Schluss, dass der KJR Neumarkt zusätzliche eineinhalb Stellen bräuchte.

Szlapka hat für das Handbuch nicht nur den Kreisjugendring Neumarkt untersucht. Er hat die Daten von insgesamt 14 Stadt- und Kreisjugendringen zu Grunde gelegt und eine Empfehlung für jeden einzelnen Jugendring erstellt. Denn: Nicht alle Grundlagenverträge sind gleich, Vergleiche nur schwer möglich. In einigen Regionen passt laut Inso die Personalausstattung. In anderen wiederum fehlt Personal – so auch in Neumarkt.

In zwölf der 14 untersuchten Städte und Landkreise haben die entsprechenden Gremien bereits reagiert. Dort sind die Ergebnisse in den Grundlagenvertrag aufgenommen, im Jugendhilfeausschuss besprochen oder in den Haushaltsberatungen berücksichtigt worden. Oder die Stellen wurden einfach ohne einen Beschluss bewilligt.

Landkreis Neumarkt hat noch nicht reagiert

Der Landkreis Neumarkt dagegen hat noch nicht auf die neuen Daten reagiert – obwohl sie laut Informationen des Inso seit Februar 2023 im Kreisjugendamt vorliegen. Das Landratsamt teilte lediglich mit, auf Basis des Grundlagenvertrags – zuletzt angepasst 2021 – sei die Personalausstattung im KJR angemessen.

Allerdings hieß es aus dem Landratsamt auf Anfrage unseres Medienhauses auch: „Die Jugendarbeit hat im Landkreis Neumarkt einen sehr hohen Stellenwert.“ Landrat Willibald Gailler setze sich persönlich für die Jugendarbeit in den Vereinen und Verbänden ein. Dort werde sehr viel geleistet.

Im Landratsamt werde es darüber hinaus begrüßt, wenn Kommunen mit Jugendpflegern des Kreisjugendrings die Arbeit der Ehrenamtlichen vor Ort unterstützten – vor allem dort, wo diese an ihren Grenzen stießen.

Derweil versucht Geschäftsführer Markus Ott, sein Team zu entlasten, wo es geht. Seit er 2015 beim KJR angefangen hat, hat er Organisation und Anmeldemodalitäten für die Ferienpassfahrten umstrukturiert sowie Programmpunkte gestrichen. Und er treibt die Digitalisierung voran.

Für die Vorstandschaft des KJR sei die Personalsituation schon lange eine Gratwanderung, sagt die ehrenamtliche Vorsitzende, Stefanie Meier. Denn die Vorstandschaft – gewählt aus den Reihen der Vereine und Verbände, die vom KJR vertreten werden, − legt die Richtung fest, in die der KJR steuert. Und sie müsse angesichts der Überlastung in der Geschäftsstelle auch immer mitentscheiden: Können wir ein Thema aufgreifen, das die Jugend grade beschäftigt? Und gleichzeitig: Was lassen wir dafür weg? „Wir müssen sehr sensibel vorgehen, damit wir die Geschäftsstelle nicht überfrachten.“

Muss KJR Angebote streichen?

Marco Szlapka befürchtet am Ende tatsächlich Streichungen oder Qualitätseinbußen. Denn seiner Einschätzung nach könnten auf lange Sicht auch Überstunden und ehrenamtlicher Einsatz die eineinhalb Stellen nicht kompensieren.

Genau davor hat Markus Ott Angst und setzt auf den Zusammenhalt der KJR-Familie. Denn er wüsste nicht, wo er streichen sollte: „Beim Programm? Weniger Erreichbarkeit? Irgendwann vergessen uns die Vereine und stehen mit ihren Anliegen im Regen.“