Nach 23 Uhr geht’s erst richtig los: Anwohner und Gastronomen leiden zur Dultzeit

Von Heike Haala · 7. September 2023 um 05:00

Katrin Kaltofen reichte es. Zwei Stunden habe sie alle zehn Minuten zwei bis drei Wildpinkler beobachtet, die sich während der Regensburger Dult an ihrem Gartenzaun Erleichterung verschafften. Die Frau, die gegenüber des Festplatzes wohnt, schnappte sich einen Schlauch und drehte auf.

„Aber die haben nur gelacht“, erinnert sie sich. Kaltofen ist nicht die einzige, die zur Dultzeit leidet. Mehrere Anwohner und Gastronomen aus Stadtamhof und vom Oberen Wöhrd klagen über Gegröle, Aggression, Vandalismus und Ausscheidungen jeder Art, mit denen sie nach Schankschluss im Bierzelt um 23 Uhr zur Dultzeit konfrontiert sind – und nur zur Dultzeit, wobei die Maidult schlimmer sei, wie alle Befragten sagen.

„Die machen bis drei Uhr in der Nacht Party. Da kann man nicht einmal bei geschlossenem Fenster schlafen“, sagt Kaltofen. Drei Wochen dauere es, ehe der Uringeruch über ihrem Garten nach dem Volksfest wieder aus der Luft sei.

Den kennt auch Gisbert Waldhorst aus der Nachbarschaft, bei ihm entstehe der zur Dultzeit aber in der Garageneinfahrt. Wobei er einräumt, dass es gerade moderater ablaufe. Moderater bedeute in diesem Fall aber lediglich: noch keine eine abgeschlagenen Autospiegel, noch keine Sachbeschädigung an seinem Haus. „Aber sonst ist alles da: das Gegröle, das Wildgepinkel und auch das Geschmiere“, beschreibt der Anwohner die Situation. Um weitere Zerstörung zu verhindern, räume er die Blumenkübel vor dem Haus zum Startschuss weg.

Strategien zur Dultzeit

Mehrere Gastronomen im Umfeld des Dultplatzes haben inzwischen Strategien entwickelt, um sich rücksichtslose Volksfestheimkehrer vom Hals zu halten. Karl Grabinger, Vorstand der Genossenschaft der Klappe, sperrt die Kneipe während der zwei Wochen seit einigen Jahren bereits um 23 Uhr zu, nachdem ein Dultgast einem seiner Mitarbeiter einen Schlag verpasste, dass dem das Trommelfell platzte. Da verzichte der Klappe-Genossenschafter lieber auf Umsätze. „Manche von denen schaffen es nicht rechtzeitig aufs Klo. Einmal hat mir einer noch vor dem ersten Anzapfen in den Eingang gekotzt“, berichtet er.

Die Chefs vom Lokal Meier in Stadtamhof haben extra den Betriebsurlaub auf die Herbstdult gelegt, um sich so zwei von drei Wochenenden zu ersparen, an denen rücksichtslose Dultheimkehrer das Lokal aufsuchen könnten, erklärt Servicekraft Anna Wöss. „Zur Dultzeit arbeite ich abends nie alleine im Lokal, obwohl ich das sonst schon mache“, sagt sie und spricht von Pöbeleien, die ihrer Beobachtung nach vor allem ältere Herren an den Tag legen würden, die dem Alkohol auf dem Volksfest zugesprochen haben.

Auch Alexander Irmisch, Chef im Schierstadt und SPD-Stadtrat, sperrt zur Dultzeit inzwischen um 23 Uhr zu und nicht wie sonst um Mitternacht unter der Woche oder um 1 Uhr am Wochenende. Zu schlimm habe die Toilette ausgesehen, als sie Dultgäste auf dem Rückweg in die Stadt aufgesucht hatten, zu laut seien die Streitigkeiten zwischen ihnen im Lokal gewesen. „So komme ich zurecht“, sagt er. Security vor dem Café habe er nicht engagieren wollen.

Zu diesem Schritt hat sich dagegen Tobias Sorgenfrei entschieden, nachdem ihm während der Dultzeit Deko zerstört oder geklaut wurde oder Salz- und Pfefferstreuer fehlten. Der Türsteher sei ein Bekannter, den die Stammgäste kennen. Zur Sicherheit schalte Sorgenfrei ab 22.30 Uhr auch die Außenbeleuchtung aus, um nicht einladend auf wüst betrunkene Heimkehrer vom Dultplatz zu wirken. Auch auf der anderen Seite der Donau sagt Matthäus Sledziecki, Betriebsleiter der Heimat, dass die Securitys vor der Bar zur Dultzeit signifikant mehr betrunkene Menschen aussortieren, die sie nicht reinlassen.

Anwohnerin Kaltofen klagt: „Die Stadt macht nichts. Dabei wohnt die Bürgermeisterin doch um die Ecke.“ Natürlich kenne sie die Vorkommnisse, zuständig sei aber das Ordnungsamt, entgegnet Bürgermeisterin Astrid Freudenstein. „Polizei und Ordnungsamt sind sehr gut präsent und können viele Ausschreitungen verhindern“, sagt sie und wiederholt ihre Forderung nach Kameras im Umfeld der Dult.

Rücksicht auf Anwohner

„Eine ständige Überwachung ist aber nur mit Personal nicht zu leisten. Dafür bräuchte es eine temporäre Videoüberwachung an den lebhaften Dultabenden, also Freitag und Samstag – etwa von 21 Uhr bis 2 Uhr früh, wenn die letzten Dultbesucher heimwackeln“, bezieht Freudenstein Position. Um Raufereien, Körperverletzungen und Vandalismus im Umfeld des Dultplatzes durch schnelles Eingreifen zu verhindern oder zumindest die Täter im Nachhinein ermitteln und bestrafen zu können, sei eine Videoüberwachung hilfreich. „Bei allen anderen Volksfesten dieser Größenordnung wird das längst durchgeführt“, argumentiert die Bürgermeisterin. Das könne doch auch die Sicherheit von Dultbesuchern und Anwohnern verbessern.

Durch Beschwerden bei der Stadt oder Anzeigen bei der Polizei mache sich dieses Verhalten im Moment noch nicht bemerkbar. Verena Bengler von der städtischen Pressestelle zählt zwei Beschwerden beim Kommunalen Ordnungsservice (KOS). Es gebe kein auffällig erhöhtes Beschwerdeaufkommen wie gewohnt zu dieser Zeit, sagt Wolfgang Fritsch, Pressesprecher der Polizeiinspektion Nord. Sollten KOS oder Polizei jemanden erwischen, werden Ordnungswidrigkeiten- oder Strafverfahren eingeleitet – eventuell gebe es Platzverweise, erklären sie. Trotzdem fordert auch Bengler: „Generell wäre mehr Rücksichtnahme auf Anwohnende wünschenswert.“