Medizin aus dem Automaten: Apotheken im Kreis Schwandorf bieten speziellen Service

Von Philipp Breu · 4. September 2023 um 19:00

Medizin von der Apotheke abholen, auch wenn diese gar nicht offen hat – das ist auch im Kreis Schwandorf möglich. In Nabburg und Schwarzenfeld zum Beispiel haben die Betreiber diesen Service installiert. Doch ist das überhaupt sinnvoll?

Thomas Wittleben steht mit einem Zettel vor einem Automaten, der an eine Schlüsselausgabebox erinnert, wie man sie vom Urlaub kennt. „Das Prinzip ist eigentlich das gleiche“, erklärt der Inhaber der St. Nikolaus Apotheke in Schwarzenfeld. Vor etwa zwei Jahren haben er und seine Kollegen einen Automaten neben der Eingangstüre an der Neuen Amberger Straße angebracht, durch den Kunden Medikamente bekommen, auch wenn die Apotheke gar nicht offen hat.

Niederländer dienen als Vorbild für die Schwandorfer Apotheken-Automaten

Wittleben gibt einen sechstelligen Code ein, der im Vorfeld von einem Computer generiert wurde, und schon springt eines der acht Schließfächer auf. Diese werden im Vorfeld mit Arzneien befüllt, die der Kunde telefonisch, persönlich oder online bestellt hat. Ventilatoren im Inneren kühlen die Medikamente. Auch Rezepte können in dem Automaten eingeworfen werden, daneben informiert die Apotheke auf einem eingebauten Display über Notdienstapotheken, Öffnungszeiten oder Regeln zur Eingrenzung des Coronavirus.

Die Idee, einen solchen Automaten in seiner Apotheke zu implementieren, entstand bei einem Aufenthalt in den Niederlanden vor einigen Jahren, wie Wittleben erklärt. „Die sind bei vielem einfach viel weiter als wir“, sagt der 64-Jährige mit Blick auf die beispielsweise nahezu vollständig abgeschaffte Barzahlung. Auch die Supermärkte seien dort moderner gestaltet – eben auch mit Schließfächern, bei denen bestellte und bezahlte Waren abgeholt werden könnten. „Da habe ich mir gedacht, dass das doch auch für unsere Kunden in der Apotheke hilfreich sein könnte“, sagt Wittleben. Diese Idee sei schließlich Ende 2021 in die Tat umgesetzt worden.

Schichtarbeiter auf

Denn nicht jeder hätte die Möglichkeit, während der Öffnungszeiten sich vor Ort seine Medizin zu holen, wie zum Beispiel Schichtarbeiter. Die St.Nikolaus Apotheke biete zwar auch einen Lieferservice an, doch auch da könne es sein, dass Betroffene eben gerade nicht zuhause sind, ihre Arzneien aber dringend bräuchten. Die Zielgruppen, die den Automaten nutzten, seien laut Wittleben bunt gemischt. Von besagten Arbeitern bis hin zu neugierigen Kunden, egal welchen Alters, hätten den Automaten schon viele ausprobiert.

Auch in der Paracelsus-Apotheke in Nabburg sei der Automat bisher gut angekommen. Seit etwa drei Wochen ist er dort in Betrieb. Bis auf einen kleinen Fehler in der ersten Testphase laufe der Betrieb reibungslos, heißt es. In Pfreimd gibt es seit Februar diesen Jahres ebenfalls eine Abholstation. Laut Inhaber Matthias Lotter würden etwa zehn Kunden täglich den Automaten nutzen. „Er wird gut angenommen“, so der Tenor.

Christian Bauer, Apotheker aus Burglengenfeld und Sprecher des Bayerischen Apothekenverbands im Landkreis Schwandorf, ist dagegen etwas skeptisch, was die Abholautomaten betrifft. „Ich sehe dafür keinerlei Notwendigkeit“, sagt er auf Nachfrage der Mittelbayerischen. Für den Automaten sei eine Investition im fünfstelligen Bereich nötig, dafür seien die Abholzahlen aber überschaubar. Außerdem gebe es ja einen Lieferservice, der sich schon seit Jahren bewährt habe und gut genutzt würde.

Ein großes Manko sieht Bauer auch darin, dass durch die Automaten die Beratung durch qualifiziertes Personal zu kurz komme. Auch die notwendige Kühlung mancher Medikamente halte er für nicht ausreichend gewährleistet – gerade im Sommer. Schließlich seien die Automaten im Freien angebracht und damit der Sonne voll ausgesetzt. „Ab 25 Grad steigt das Risiko, dass Medikamente ihre Wirkung verändern oder verlieren. So kann eine Antibabypille beispielsweise plötzlich nur noch eine Wirkung von 20 Prozent haben“, sagt Bauer.

Nicht jede Arznei darf in den Automaten rein

Thomas Wittleben will diesbezüglich aber beruhigen. Die Automaten würden ausreichend durch Ventilatoren gekühlt. „Und wenn wir ein bestimmtes Mittel haben, das sehr kühl gelagert werden muss, Insulin beispielsweise, können wir das auch noch in eine separate Kühltasche packen, und diese dann in den Automaten stellen.“ Außerdem dürften auch nicht alle Medikamente von Haus aus per Automat abgeholt werden. Starke Betäubungsmittel wie Opiate zum Beispiel, denn diese erforderten gesetzlich eine persönliche Aushändigung.

Auch die Befürchtung, dass die Beratung zu kurz komme, könne er nicht bestätigen. Schließlich müssten die Kunden ja die Medikamente telefonisch oder vor Ort bestellen, bevor sie in die Schließfächer gepackt werden. Da haben wir ja auch die Möglichkeit, über die einzelnen Arzneien aufzuklären, sagt Wittleben. Auch bei Online-Bestellungen würden die Mitarbeiter im Zweifelsfall mit dem Kunden in Kontakt treten.

Der Apotheker aus Schwarzenfeld sehe die Automaten mehr als zusätzlichen Service und damit auch als Investition in die Zukunft. Denn eins sei klar: Die Struktur in der Gesellschaft verändere sich. Es gebe eben auch in seinem Kundenstamm immer mehr Berufstätige, denen es schwer falle, während der eigentlichen Öffnungszeiten vorbeizukommen. Da sei es umso wichtiger, am Puls der Zeit zu sein. „Die Wirtschaft ist ein ewiger Fluss. Entweder man geht mit dem Markt oder man lässt es eben bleiben“, so Wittleben.

Mit Ventilatoren werden die Arzneien gekühlt. Foto: Philipp Breu
Jede Menge Technik ist in dem Automaten verbaut. Foto: Philipp Breu