Gesetz gegen Medikamentenmangel: Neumarkter Ärzte und Apotheker dennoch besorgt wegen Winter

Von Wolfgang Endlein · 18. August 2023 um 05:00

„Es ist nach wie vor dramatisch“, beschreibt Apothekerin Ingrid Popp die Lage bei etlichen Medikamenten im Landkreis Neumarkt. Inzwischen gibt es ein Bundesgesetz, dass den Engpass beheben soll. Wie Ärzte und Apotheker aus der Region die Lösungsansätze der Politik bewerten. Und: Wie ist die Lage im Klinikum?

Ende Juni hat der Bundestag das Gesetz beschlossen. Viel Zeit, um Wirkung zu entfalten, hatte das Gesetz nicht. „Der Mangel geht von rechts nach links im Sortiment“, sagt Popp, die Sprecherin der Apotheker im Landkreis ist. Und so hat der Neumarkter Hals-Nasen-Ohren-Arzt Gerd Ebert nach wie vor das Problem, dass Patienten beispielsweise manche Antibiotika nicht oder nur sehr schwer bekommen. Er müsse auf Ersatz ausweichen – wenn es den gibt. Eine optimale Behandlung der Patienten sei dadurch nicht immer gewährleistet. „Es ist ein Durchwurschteln“, beschreibt Ebert die aktuelle Lage, mit der er alles andere als zufrieden ist.

Umso mehr, als das Problem der Engpässe schon seit Monaten bestehe. Dass es allein seit der Corona-Pandemie fortbestehende Lieferkettenprobleme sind, glaubt der Mediziner nicht mehr. „Es ist traurig, dass es so lange braucht für Lösungen“, sagt Ebert, der dabei auch im Namen seiner im Ärztenetz Neumarkt vereinigten niedergelassenen Arztkollegen spricht. Ebert schlussfolgert daraus, dass die Politik das Problem verharmlose.

Medikamentenproduktion nach Deutschland zurückholen

So weit geht der Neumarkter Apotheker Peter Dorfner nicht. Er sieht vielmehr die Politik in ihren Möglichkeiten für kurzfristige Lösungen begrenzt. Die Entwicklungen, die zu dem aktuellen Mangel geführt hätten, seien über Jahre hinweg entstanden. Entsprechend wird es seiner Ansicht nach auch länger dauern, um Abhilfe zu schaffen. Beispielsweise, indem wieder mehr in Deutschland und Europa produziert wird.

Es ist nur ein Punkt in einer komplexen Gemengelage, die meist mit Geld zusammenhängt. Je nachdem, wer darauf schaut, erklärt die Ursachen zudem anders. Beispiel: Ist der deutsche Markt für die international agierenden Pharmakonzerne nicht attraktiv genug, weil die Medikamentenpreise zu sehr gedrückt werden?

„Deutschland ist bei Medikamenten kein Hochpreisland“, sagt Apothekerin Ingrid Popp. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach in diesem Zusammenhang von einer „übertriebenen Ökonomisierung“ durch Festbeträge und Rabattverträge. Vertreter der Krankenkassen sehen das anders und verweisen auf die europäischen Nachbarländer. Dort gebe es keine Instrumente, um den Preis zu regulieren, und trotzdem seien dort auch Medikamente teils knapp.

Apotheken sollen mehr Medikamente bevorraten

Dennoch beinhaltet das neue Gesetz Elemente, die den Preisdruck dämpfen sollen. Ein weiterer Bausteine sind erweiterte Pflichten für Apotheken, bestimmte Medikamente zu bevorraten. „Ich kann aber nur bevorraten, was da ist“, schränkt Ingrid Popp ein. „Wir haben uns so weit es geht bevorratet, aber wir können keine Garantien abgeben.“ Die Apothekerin sieht vielmehr den Staat gefordert, eine Notversorgung mit wichtigen Medikamenten auf die Beine zu stellen.

Mehr Vorräte anzulegen, sei schon länger sein Ansatz, sagt Popps Kollege Peter Dorfner und dass er dafür einiges an Geld investiert habe. Letztlich verschiebe der Wettlauf um die knappen Medikamente aber nur den Mangel innerhalb Deutschlands, ist er überzeugt.

Wie schlimm wird die Erkältungssaison?

Diesen Mangel bestmöglich für die Patienten zu managen, bedeute für Apotheken einen erheblichen Mehraufwand, sagt Ingrid Popp. Bei der Vergütung gebe es jedoch nach wie vor Nachholbedarf. Eine weitere Forderung von Apotheken-Vertretern: Mehr Freiheit, wenn es darum geht, fehlende Medikamente durch ein wirkstoffgleiches Präparat zu ersetzen. Das Gesetz sieht vor, dies zu erleichtern.

Ob das neue Bundesgesetz tatsächlich etwas bewirkt, wird wohl spätestens die kommende Erkältungs-Saison zeigen. Ingrid Popp ist aber nicht zu optimistisch, dass es nicht auch diesen Winter wieder zu größeren Engpässen kommen könnte.

„Wir werden im Winter wieder das gleiche Problem haben“, glaubt auch Hals-Nasen-Ohren-Arzt Gerd Ebert. Immerhin hat der Mediziner jedoch etwas Hoffnung auf einen im Vergleich zum vergangenen Winter milderen Verlauf der Erkältungs-Saison.

So ist die Lage im Klinikum Neumarkt

Medikamente: Auch am Klinikum haben sich Umfang und Dauer der Engpässe in den vergangenen Jahren verschlechtert. Als Beispiele für knappe Arzneien nennt das Klinikum bestimmte Mittel bei Schlaganfall oder Herzinfarkt, gewisse Schmerzmittel, aber auch Antibiotika oder Zytostatika für die Krebsbehandlung.

Quote: Die eigene Apotheke schaffe es jedoch, die Quote der tatsächlich fehlenden Medikamente niedrig zu halten. Aktuell liefere die Industrie 136 von 1520 Lagerartikel der Klinikapotheke nicht oder nicht in ausreichender Menge. Davon seien jedoch lediglich zehn Arzneimittel im Klinikum tatsächlich nicht verfügbar.

Patienten: Es könne in Einzelfällen vorkommen, dass Arzneimittel tatsächlich nicht verfügbar sind und die Arzneimitteltherapie angepasst werden müsse, erklärt das Klinikum. Meist könnten Ärzte und Apotheker Lösungen finden. Bei sehr wenigen Patienten könne es aber auch zu Einschränkungen in der Therapie kommen.

HNO-Arzt Gerd Ebert aus Neumarkt