„Grenzübergang“ mitten in Woffenbach: Dorfjugend knüpft an witzige Tradition an

Von Heidi Bauer · 1. September 2023 um 05:00

Vermutlich wissen es noch nicht einmal die Neumarkter: Woffenbach ist ein geteiltes Dorf. Die Grenze verläuft mitten durch den Ort. Die Schwarzach teilt ihn ins Ermerdorf (altes Dorf) und Bühl. Warum es einen Schlagbaum gibt, erklärt die Dorfjugend und auch welches Anliegen sie hat.

Woffenbach ist ein geteiltes Dorf. Die Grenze verläuft mitten durch den Ort: Die Schwarzach teilt ihn ins Ermerdorf (altes Dorf) und Bühl, und hinter der Bahnlinie gibt‘s noch „Iwadabahn“. So ist es auf dem Schild zu lesen, das am Fußweg von der Kneipp- zur Bühlerstraße direkt an der Brücke am Riedl-Weiher steht. Just da, wo sich der „Grenzübergang Picco Bäcker“ befindet.

Die rote-weiße Holzschranke erstrahlt in frischer Farbe, die Holztafel glänzt neu lackiert und die „Grenzposten“ zupfen ihre Uniformen zurecht, um für die Kontrollen der Passanten ein adrettes Bild abzugeben: Die Jugend aus dem „Ermerdorf“ um Martin Seger, Johna Lurk und Sebastian Beck knüpft mit ihrer aus Jux inszenierten Aktion an alte Plänkeleien an, die seit rund 30 Jahren zwischen den „Ermerdorfern“ und den „Bühler Hacht‘n“ gepflegt werden – früher weit intensiver als in den vergangenen Jahren.

Bühler Straße ein einziger großer Festplatz

Mit ihren frechen Frotzeleien gegen die Bühler möchten sie dem gesellschaftlichen Leben in Woffenbach frischen Wind geben und demonstrieren, dass alle drei Ortsteile Woffenbachs zu einer starken Dorfgemeinschaft zusammengewachsen sind, sagt Martin Seger. Sie wünschen sich, dass wie in den 1990er Jahren wieder „Hacht‘n Feste“ gefeiert werden.

Diese waren legendär, erinnert sich Gerhard Härteis aus der Bühlerstraße, als er in seinem alten Fotoalbum blättert und Bilder aus jenen Tagen zeigt. Die Bühlerstraße und die anliegenden Höfe seien für zwei Tage zu einem einzigen Festplatz geworden.

Auftakt sei mit einem Umzug durchs „Bühlergassl“ gewesen, bei dem der Feuerwehrvorsitzende Johann Ulrich Laterne schwenkend vorausmarschierte. Begleitet wurde er vom Bühler „Bürgermeister“ mit Amtskette und Ortsschild. Ihnen folgten die Frauen, die „das Gassl fegten“, erzählt Härteis.

Als der „Bühler Nationalgedanke“ geboren wurde

Wie auf der Woffenbacher Homepage nachzulesen ist, wurde „die Idee für das Fest und den ,Bühler Nationalgedanken‘ auf einem Faschingsball der Freiwilligen Feuerwehr 1992“ geboren. Dabei sollen die „Ermerdorfer“ den „Bühlern“ vorgeworfen haben, selbst kein solches Fest organisieren zu können.

„Die Bühler wollten das nicht auf sich sitzen lassen, sie bildeten einen Elferrat und wählten aus ihrer Mitte den ersten Bürgermeister von Bühl, Erwin Federhofer“, heißt es weiter. Der „Oberste Bühler Rat“ pflegte fortan das „Bühler Gefühl“ und gab für die „Ermerdorfer“ eine eigene Satzung heraus: „Jeder, der die Anordnungen befolgt, darf am jährlichen Bühler fest bei freiem Trunk und freier Kost teilnehmen“, steht da. Gefeiert wurde am letzten Juniwochenende, bis strengere Auflagen dem ein Ende bereiteten, berichtet Gerhard Härteis.

Er zaubert aus seinem Fundus in der Garage neben einem Bühler Ortsschild auch eine Fahne hervor, die den „Bühler Hacht‘n“ zeigt. „Hacht“ sei eine alte Bezeichnung für einen Raubvogel. Auf den Spitznamen sei man gekommen, weil den Herrn des alten Schlosses in Bühl ein einnehmendes Wesen nachgesagt und sie deshalb „Bühlerhachten“ genannt worden seien.

Teilung reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück

Historischer HintergrundLudwig Seger, Woffenbacher Ortschronist und Leiter des Amtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung Neumarkt, hat recherchiert, dass die Ursprünge der beiden Ortsteile Woffenbachs ins Jahr 1432 zurückreichen. Die Eigenständigkeit habe sich bis ins 20.Jahrhundert gehalten, erinnern sich Seger und Härteis: Die Woffenbacher südlich des Grabens seien nach Neumarkt zur Schule gegangen, die aus dem nördlichen Teil, die „Bühler“, pfarrlich und schulisch Pölling zugeordnet gewesen.

Martin Seger und seine Jungs meinen augenzwinkernd, der frisch sanierte Grenzübergang ermögliche den „Bühler Hacht’n“ nun, dass sie die „Satzung für Ermerdorfer“ wieder umsetzen können. Doch bei aller humorvoller Stichelei haben sie auch ein ernstes Anliegen: „Wir sehen die Schranke allgemein als Symbol, dass Grenzen überwunden werden sollen, weil sie immer offen ist.“

Mit einem Greifvogel als Wappentier und eigener Fahne: Gerhard Härteis erinnert sich noch gut an die Zeiten, als die „Bühler Hacht'n“ sehr aktiv waren. Foto: Heidi Bauer
Sebastian Beck, Jonas Lurk und Martin Seger (von links) haben mit ihren Plänkeleien rund um Ermerdorfer und Bühler Hacht ein ernstes Anliegen. Foto: Heidi Bauer
In Woffenbach gibt es die Bühlerstraße, von der die Bühlergasse abzweigt. Die "Bühler Hacht'n" haben sogar ein eigenes Ortsschild in ihrem Fundus. Foto: Heidi Bauer