Steinwürfe, Überfälle, Schläge: Wie sicher ist der Regensburger Hauptbahnhof?

Im Vorjahr kam es am Regensburger Hauptbahnhof zu 136 Gewaltdelikten – 2023 waren es bis Juli schon 91. Auch die Drogenkriminalität nimmt zu.
In seinem Büro im Bahnhofs-Edeka sitzt Raphael Dirnberger vor einem Bildschirm. Darauf sieht er alle Bereiche des Einkaufsmarkts. Eine Person lässt er nicht mehr aus den Augen, weil diese immer wieder zum selben Regal zurückkehrt. Dirnberger kennt das Verhalten der Langfinger. Manchmal beobachtet er live, wie ein Dieb nach einer Flasche Schnaps im Regal greift und sie einsteckt. „Da bin ich schon öfter gerannt“, sagt der Edeka-Betreiber.
Etwa 1000 Mal im Jahr wird in dem Supermarkt gestohlen. An einem Augustsonntag haben zehnmal Diebe zugegriffen. Mitgenommen wird alles – vom Regenschirm über Alkohol bis zu Nüssen. Dirnberger zeigt jeden Dieb an und schützt den Markt mit einem Sicherheitsdienst. In der ersten Zeit habe es ausgereicht, wenn von Donnerstag bis Sonntag die Security unterwegs war. Weil die Diebstähle zunehmen, beschäftigt er inzwischen täglich Sicherheitsleute.
Schottersteine geworfen
„Wir werden heuer die 100000-Euro-Marke knacken“, sagt der 34-Jährige. So viel kostet die Überwachung. „Das kann doch nicht Normalität sein.“ Die Aufpasser ertappen in dem Supermarkt, der von 6 Uhr bis Mitternacht geöffnet ist, laufend Diebe. Dennoch fühlt sich der Händler machtlos, weil 98 Prozent der Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt würden. „Das heißt, es passiert gar nichts“, sagt Dirnberger. Ein Langfinger habe 13 Mal gegen das Hausverbot verstoßen. Jedes Mal muss die Bundespolizei eingreifen und ihn des Gebäudes verweisen.
Die für den Regensburger Hauptbahnhof zuständige Bundespolizeiinspektion in Waldmünchen bestätigt, ein Großteil der Diebstähle werde im Einkaufsmarkt begangen – mit steigender Tendenz.
Entwickelt sich der Hauptbahnhof zum Kriminalitäts-Hotspot? Ein paar Vorfälle von vielen: Am 28. August holt sich eine 15-Jährige Schottersteine aus dem Gleisbett und wirft sie gegen eine Anzeigetafel am Bahnsteig. Als ein 33-Jähriger sie auffordert, die Steine wegzulegen, droht das Mädchen, ihn zu erschlagen.
Ein Schwarzfahrer im String-Tanga schlägt in der Nacht zum 24. Juli einen Polizeibeamten ins Gesicht. Am 13. Juni prügeln drei Täter einen 20-Jährigen, weil er ihnen seine Wertsachen nicht aushändigen will. Am 8. Mai wird ein 26-Jähriger von einem Stein am Hinterkopf getroffen und stürzt schwer verletzt aufs Gleis. 2022 haben die Beamten 136 Gewaltdelikte am Hauptbahnhof festgestellt. Dazu zählen Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Bedrohung. Heuer wurden allein zwischen Januar und Juli schon 91 Gewaltdelikte registriert. Im gesamten Vor-Corona-Jahr 2019 waren es 76 gewesen. Es liegt also eine deutliche Steigerung vor.
Eine Zunahme von Gewalt und Raub in letzter Zeit bestätigt Polizeihauptmeisterin Kerstin Stolze von der PI Süd für das Bahnhofsumfeld. Deshalb zeigen die Beamten dort mehr Präsenz und kontrollieren häufiger. „Einerseits um das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken, andererseits um der aktuellen Entwicklung entgegenzuwirken.“
Intensiviert hat sich die Drogenkriminalität. 2021 hat die Bundespolizei am Hauptbahnhof 27 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz ermittelt, 2022 waren es 34. Von Januar bis Juli 2023 kam es zu 29 Drogendelikten. Wegen der Gesamtzahl verweist die Bundespolizei auf die PI Süd, weil diese die Sachbearbeitung jeweils abschließe.
Auf die Frage, wie sicher der Hauptbahnhof noch sei, antwortet Sprecherin Sylvia Hieninger, die Dienststelle befinde sich direkt beim Bahnhof. Die Beamten seien schnell am Einsatzort. Die Kameraüberwachung helfe, Gefahr früher zu erkennen und Straftäter zu identifizieren.
Nürnberg gilt als gefährlich
Im Bahnhofsumfeld stellte die PI Süd 2022 fast 750 Straftaten fest, darunter 248 Drogenverstöße. Das sind weniger Delikte als im Vor-Corona-Jahr 2019.
Raphael Dirnberger sieht jedoch ein erhebliches Sicherheitsdefizit. Dass die Deutsche Bahn nur zwei Security-Leute einsetze, kritisiert er scharf.
Immerhin zählt der Regensburger Hauptbahnhof nicht zu den gefährlichsten in Deutschland. Nürnberg dagegen ist mit 548 Gewaltdelikten auf dem traurigen dritten Platz gelandet – nach Hamburg und Hannover.

