Durchdachte Schnapsidee: Bei der Brennerei Anleitner rückt Lifestyle an die Stelle der Tradition

Von Julian Alexander Fischer · 27. August 2023 um 11:00

Christina Anleitner hat von ihren Eltern eine Traditionsbrennerei übernommen und mit ihrem Mann Johannes einen radikalen Schritt gewagt: Sie haben den Namen, die Produktpalette und das Haus komplett verändert. Lifestyle rückt an die Stelle der Tradition.

Johannes Anleitner hält sein Glas unter den klaren Strahl, der seit Stunden fortlaufend aus einem kupfernen Kessel sprudelt. Er wartet, bis sich ein wenig Flüssigkeit im Glas gesammelt hat, riecht kurz daran und nickt zufrieden. Dann kippt er den Inhalt des Glases zum Rest der ausgeströmten Flüssigkeit. Ein intensiver süßlicher Erdbeergeruch liegt in der Luft – ähnlich wie bei Fruchtbonbons aus der Kindheit. Noch ist alles gut. Doch Anleitner muss wachsam sein. Würde er nur kurz nicht aufpassen, wäre die Flüssigkeit ungenießbar und seine Arbeit hinfällig.

Anleitner ist ein hagerer Typ, kurzes blondes Haar, etwas tief sitzende Jeans, schwarzer Pulli mit der kleinen Aufschrift „Team“. In den Kesseln vor ihm befindet sich ein frisch eingebrannter Erdbeerschnaps, der als Grundlage für einen neuen Likör dienen soll. Der Brennmeister ist immer auf der Suche nach neuen Produkten, die das Portfolio der Anleitner-Erlebnisbrennerei erweitern. Schließlich will das kleine Unternehmen in Bad Kötzting mit der Zeit gehen.

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Als er gemeinsam mit seiner Frau Christina 2016 das Unternehmen von deren Eltern übernommen hatte, stand das junge Ehepaar vor der Herausforderung, vor der viele junge Unternehmer zweiter oder dritter Generation stehen: Die Tradition wahren, aber das Unternehmen in die Moderne führen.

Radikaler Neuanfang

Und die beiden entschieden sich für die radikale Variante: Abriss der alten Brennerei, Neubau, andere Name, mehr Produkte, neues Image. Nicht das Betrinken soll im Fokus stehen. „Wir wollten, dass sich unsere Gäste hier wohlfühlen und den Aufenthalt verlängern“, sagt Christina Anleitner.

Sie sitzt mit beigem Blazer und grünem T-Shirt an der Theke inmitten des neuen, weitläufigen Verkaufsraums. Viel Holz, gepaart mit metallenen Elementen des Industriestils. Gemütliche Sessel stehen vor einer moosbedeckten Wand, an anderer Stelle stehen zum Sitzen Hocker aus Metallrohren.

An die Gastronomie einer angeschlossenen Brennerei erinnert wenig. In der Vitrine der Theke stehen frische Kuchen, die Kaffeemaschine läuft und in den Regalen der Verkaufsfläche sind Knoblauch-Linguine, Socken und Handtücher drapiert. Es wirkt mehr wie ein hippes Café, integriert in einen Geschenkartikelladen.

„Es soll nicht primär um Spirituosen gehen. Der Genuss steht bei uns im Mittelpunkt“, betont Christina Anleitner. Sie und ihr Mann haben erkannt, dass die Trinkkultur sich verändert hat. Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt seit Jahrzehnten. Trank ein Deutscher 1980 noch durchschnittlich 15,1 Liter reinen Alkohol pro Jahr, sind es mittlerweile über fünf Liter weniger. Wirtshäuser sterben aus, Frühschoppen ebenfalls. Die jüngeren Generationen wollen mehr ausprobieren.

Bis zum Einstieg der Anleitners in den elterlichen Betrieb wurde dort vor allem Bärwurz und Blutwurz produziert. Klare, traditionelle Schnäpse in einer Tonflasche. Dazu kamen Kräuter- und Fruchtliköre – alles eher mit einem angestaubtem Image.

Also entwickelten sie neue Produkte, die eben heute mehr getrunken werden: Whisky, Rum, Gin. Gemeinsam mit einer Agentur entwickelte man neue Designs und Marken. Der Gin heißt etwa Horsetown – eine lokale Reminiszenz an die Pfingstreiterstadt Bad Kötzting. Allerdings mit einer weiblichen Reiterin im Gegensatz zu den Männern auf den Pferden beim Pfingstritt. Tradition und moderne geben sich die Hand.

Das ist auch beim Publikum in der Brennerei sichtbar. An einem Tisch sitzt eine Frau mit blauem T-Shirt und Brille am Laptop, ihre Tochter spielt mit den Kissen auf der Nachbarcouch. Ein paar Tische weiter trinken zwei junge Männer Kaffee, während an der Theke ein Mann mit Sonnenbrille lehnt und einen Gin probiert. Ein älteres Ehepaar hat gerade ein paar Flaschen Gin gekauft und sitzt mit Heißgetränken auf der Terrasse und genießt die Sonnenstrahlen.

Es ist zwar nicht viel los, aber es kommen Leute auch unter der Woche an einem Vormittag in eine Schnapsbrennerei. Doch die Neuausrichtung hat auch Leute verschreckt, sagt Christina Anleitner: „Der Umbau hat nicht jedem gefallen. Es gibt Traditionalisten der älteren Generation, die lieber nichts verändert hätten.“

„Glas kann man recyceln“

Doch der Wandel musste kommen: „Trotz der großen Investitionen stehen wir besser da als vorher. Es kommen viel mehr Besucher.“ Die alten Tonflaschen gibt es weiterhin, doch auch die sollen nach und nach verschwinden, erste Produkte der traditionellen Schnäpse sollen auch in Glasflaschen angeboten werden. „Ton kommt auf den Bauschutt. Glas kann man recyceln“, argumentiert Christina Anleitner. Manchmal stehen sich Tradition und Moderne dann doch im Weg.

Zurück bei Johannes Anleitner und dem Brennprozess. Vier Stunden wurde der Erdbeerschnaps erhitzt und abgekühlt, sodass das fertige Produkt aus dem Kessel in den Auffangbehälter floss. Trotz aller Automatisierung braucht es zum Schluss aber Anleitners Expertise, damit die Spirituosen auch genießbar bleiben. „Nur wenn man dabei ist, kommt was G‘scheids raus“, betont er. Denn nur der sogenannte Mittellauf schmeckt auch. Das, was am Anfang und am Ende aus den Tanks kommt, ist nicht genießbar, erklärt Anleitner: „Irgendwann beginnt die Flüssigkeit modrig zu riechen. Da muss ich aufpassen, dass ich den Mittel- und den Nachlauf trenne.“

Anleitner nimmt sich also wieder sein Glas, lässt ein wenig Flüssigkeit reinlaufen und riecht. Er steckt ein zweites Mal die Nase rein. Noch passt alles. Ein paar Minuten später greift er erneut zum Glas, das gleich Prozedere. Doch jetzt verzieht Anleitner die Nase leicht. Der Nachlauf hat begonnen. Schnell leitet er die Flüssigkeit in einen anderen Behälter. Nichts davon soll in seinen Qualitätsschnaps. Diesen verschließt er schnell. Jetzt muss er für drei Monate lagern.

Der süßliche Duft von Erdbeere liegt noch immer in der Luft. Anleitner geht zum zweiten Behälter mit dem ungenießbaren Nachlauf und riecht noch einmal daran: „Scheußlich.“ Es ist eine Kunst, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Die neue Brennerei hat auch von außen nichts mehr mit dem ursprünglichen Haus zu tun.
Mit viel Holz und modernen Elementen ist der Verkaufsraum gestaltet.