Aus dem Bayerwald nach Ostindien: Die unglaubliche Familien-Geschichte von Johan Reinholtd

Eine Rückmeldung zu einem MZ-Artikel, verfasst auf niederländisch, sie alleine ist ungewöhnlich. Doch sie brachte eine schier unglaubliche Geschichte ins Rollen - ausgehend von einem verschwundenen Dorf im deutsch-tschechischen Grenzgebiet bis hin zu einer Anekdote in Niederländisch-Ostindien. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte: Grafenried, ein Dorf, das es heute nicht mehr gibt.
Das Grafenried, aus dem Johan Reinholdts Vorfahren abstammen. Sein Name selbst muss einem nichts sagen – der 75-jährige Holländer hat die „alte“ Heimat nie besucht. Was seiner Neugier keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Zeitlebens verfolgt er aufs Genaueste, was sich dort tut. Am und mit dem Ort, was die Menschen aus und mit ihm machen. Selbst aus der Ferne stellt er fest: „Die europäische Idee, sie wird hier gelebt.“
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Wer also ist dieser Johan Reinholdt? Die Wurzeln seiner Familie liegen in Seeg, damals schrieben sie sich noch Reimer. Die spätere Namensänderung hat wohl mit der Militärvergangenheit seines Großvaters zu tun. Der wurde 1791 in Grafenried geboren und trat als 16-Jähriger in die Armee ein, geriet aber 1809 in Gefangenschaft. Dann zog er als französischer Soldat nach Spanien in die Schlacht gegen England/Portugal, desertierte aber 1811 und wechselte die Fronten nach England.
Fünf Jahre hielt er es aus, ehe er erneut desertierte und nach einer Zeit in Emden nach Harderwijk in Holland ging, wo damals das Rekrutierungsbüro für die Kolonien ansässig war. Es folgten zwölf Jahre in Indien und zwei in Ost-Indien, ehe er dienstunfähig wurde. Auflage für die Altersrente war ein Wohnsitz in Holland oder den Kolonien. Also wurde er in dem kleinen Ort Bathmen sesshaft.
Von Reimer zu Reinholtd
Nicht ohne Kuriosität ging auch die Namensänderung über die Bühne. Das „d“ nämlich erklärt sich durch die Angewohnheit Thomas Reinholts, bei Unterschriften einen Schweinehaken angehängt – den irgendein Beamter schließlich als d gedeutet und übernommen hat.
Johan Reinholtd hatte zudem einen Großonkel Thomas, der auf andere Art im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte schrieb. Sein Schicksal, beziehungsweise das „seiner“ Konkubine Minah ist Bestandteil eines bahnbrechenden Buchs zu dieser lange sehr düsteren holländischen Historie. „De njai“ von Reggie Baay (erschienen 2008) gilt als Tabubruch. Njai wurden in Java und Sumatra die Partnerinnen der Europäer genannt. Thomas, 1869 geboren, kam 1890 in Sumatra an und kam 1909 als Aufseher in einer Kohlenmine zu Tode. Mit Minah hatte der (wohl) vier Kinder, von denen sich mit Ausnahme der jüngsten Tochter die Spuren verlieren. Ihr gilt aktuell Reinholtds Forschungsdrang.
In der Tat hatte der vor Jahren einen Besuch beim Grafenrieder Heimattreffen geplant – und sogar schon den Aufenthalt am Moierhof in Eglsee (ehemals Maria Ertlmaier) gebucht. Nur kam etwas dazwischen, der Holländer wandte sich mit der Bitte um Unterstützung bei seinen Recherchen an besagte Maria. Die wiederum reichte den Brief an Frank Maier weiter, der schon viele Male zu Gast bei ihr war und von dem sie um seinen Forschungseifer wusste. So kommt der Brandenburger „ins Spiel“. 1811 heiratete eine Anna Maria Dirscherl (deren Familie seit 1720 in Seeg ansässig war) einen Jakob Maier (!) aus Hocha.
Auch Frank Maier, der seit 2006 regelmäßiger Gast der Heimattreffen ist, kann Kurioses beitragen: Der Hausname der Familie lautete stets Dorfreimer, obwohl in den Haus bis zur Vertreibung immer nur Maiers wohnten. „Meine Oma Theresia war auch immer nur das Reimer Resl“, ergänzt er.
Suche in Kirchenbüchern
Aktuell durchforstet Maier die „endlich“ öffentlichen Kirchenbücher des Bistums Regensburg. Auch ohne neue Erkenntnisse klingt die Geschichte „seiner“ Maiers aufregend: Die Schlaglichter in seinen Worten: Vor 1580 Müllergeschlecht in Lixendöfering, dann ein Kind Bauer in Hocha. Generationen später Heirat ins böhmisch gewordene Seeg bei Grafenried, ein Großonkel kurzzeitig Sägewerksbesitzer in Seeg, der Urgroßvater beim Brunnenbau im böhmischen Mauthaus im Schacht erschlagen.
Ein halbes Jahr später wird ein weiterer Großonkel in Haselberg von seinem besten Freund erschossen. 1946 die Vertreibung und Verteilung der Familie in ganz Deutschland...
Maier und Reinholtd pflegen engen Kontakt, Maier ist vor allem von dem Militärbuch beeindruckt, das den Werdegang jenes Johann Thomas Reimer detailliert nachzeichnet. „Ein wirklich beeindruckender Lebenslauf“, sagt Maier.
Die Geschichte aus dem im kolonialen Niederländisch-Ostindien, die er ihm später als Seiten eines holländischen Buchs zukommen ließ, „ein Sahnehäubchen obendrauf“. Weltgeschichte, mit Ursprung in Seeg und Grafenried...
Und Johan Reinholtd selbst? Er war – nicht zu glauben – seit seinem 29. Lebensjahr Grenzbeamter bei der „Koninklijke Marechaussee" , hat an vielen verschiedenen Grenzübergängen im Nordosten der Niederlande Dienst geleistet, gelegentlich am Flughafen Schiphol und im Zug Amsterdam-Berlin-Amsterdam. Die Hobbys des Familienmenschen mit drei Kindern und sechs Enkeln: Malen und Zeichnen, Gartenarbeit, Radfahren und Wandern in der Natur. Das könnte auch einer von „hier“ auf die entsprechende Frage angeben.
Hier. Das ist in und um Grafenried, in dem Geschichte und Geschichten, Europa und Schicksale ihren Ursprung nahmen und nehmen. Das ist das, was Reinholtd, Maier und andere sammeln. Und was im Schlussgruß des Niederländers Reinholtd zu besagten „Können Sie mir einen Artikel zu Grafenried zusenden?“ in den Worten endet: „Hartelijk dank“. Für deine, Ihre Geschichte(n).




