Nach dem Angriff mit Traktor in Parsberg: Jetzt spricht das Opfer

Der Schreck steckt Martin R. (Name geändert) noch in den Gliedern. Er und ein mutiger Mann, der ihm zu Hilfe gekommen war, sind Opfer eines versuchten Tötungsdelikts geworden. Jetzt schildern R. sowie Zeugen die Vorgeschichte und was sie am Sonntagabend in einem kleinen Dorf im Gemeindegebiet der Stadt Parsberg erlebt haben.
Abgespielt hat sich die Geschichte in einem kleinen Dorf im Gemeindegebiet von Parsberg. Es besteht aus wenigen Häusern. Dort betreibt der Nebenerwerbslandwirt und Hausmeister Martin R. (43) eine Hofstelle.
Er selbst lebt mit seinen 15 und 18 Jahre alten Töchtern sowie seinem elfjährigen Sohn im Nachbarort. R. ist geschieden und zieht die drei Kinder alleine groß. Die Hofstelle hat er vor rund zehn Jahren übernommen. Erst als Pächter, später hat er sie gekauft. In dem früheren Bauernhaus hat er Wohnungen eingerichtet, die er vermietet. Drei Familien mit insgesamt sechs Kindern wohnen dort.
Opfer hatte immer wieder Probleme mit dem Nachbarn
„Wir hatten von Anfang an immer wieder Schwierigkeiten mit ihm“, sagt R. über den heute 70-jährigen Landwirt, der ihn am Sonntagabend gegen 22.15 Uhr angegriffen hat. Seines Wissens kommunizierten die Nachbarn nur per Anwalt mit ihm. Der Mann sei Junggeselle, früher habe ihn die inzwischen verstorbene Schwester versorgt. Es gebe zwar einige Neffen und Nichten, „im Endeffekt hält er es aber offensichtlich mit niemanden lange aus.“
Der 43-Jährige berichtet von mehreren früheren Gewaltausbrüchen, die bei der Polizei aktenkundig seien. Darauf angesprochen, bestätigt Joachim Baumer, Pressesprecher des Polizeipräsidium Oberpfalz, lediglich, dass es in der Vergangenheit mehrere Vorfälle gegeben habe, die von der Polizei aufgenommen wurden. Auch Details zum Geschehen wolle er aus ermittlungstechnischen Gründen und um eine Vorverurteilung zu verhindern, nicht nennen. Die Schilderungen des 43-Jährigen kommentiert er ebenfalls nicht.
Nachbarin geohrfeigt und Steine nach Kind geworfen
Dieser berichtet zum Beispiel, dass der Landwirt einmal eine Nachbarin aus dem Auto herausgezogen und geohrfeigt habe. Ein anderes Mal – das sei schon einige Jahre her – sei sein heute elfjähriger Sohn das Opfer gewesen: Der Landwirt habe den Buben mit einem großen Stein beworfen. „Damals wurde ihm untersagt, sich unserer Hofstelle weiter als 500 Meter zu nähern.“ Der Gerichtsbeschluss sei dann ausgelaufen und er habe auch nicht versucht, ihn zu erneuern. Denn zwischenzeitlich sei etwas Frieden eingekehrt.
Vor rund 18 Monaten traf es erstmals R. selbst: Der 70-Jährige habe ihn mit einer Mistgabel angegriffen und am Bein verletzt. „Danach war es eine Zeit lang ruhig. Deshalb habe ich über viele Kleinigkeiten hinweggesehen.“ Wie zum Beispiel die Tatsache, dass der Landwirt mit einem Traktor fahre, der seit rund 30 Jahren nicht mehr beim TÜV gewesen sei. Ich kann ihn doch nicht wegen jeder Kleinigkeit anzeigen, habe er sich gedacht. „Wir wollten halt Ruhe und Frieden im Dorf.“
Dorffrieden hält nicht und die Situation eskaliert
Doch dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Am Sonntagabend eskalierte die Situation. „Ich war gerade dabei, Brotkisten in meinen Lieferwagen zu laden, als ich ihn schon von Weitem gehört habe“, berichtet der 43-Jährige. Der Landwirt sei mit dem Traktor von seinem Feld gekommen und habe „wie wild“ gehupt. Auf dem Frontlader transportierte er einen Quaderballen Stroh.
R. habe ihm zugerufen, dass er nur noch eine Kiste einladen müsse und gleich fertig sei. Das sei dem Landwirt aber scheinbar nicht schnell genug gegangen. Anstatt zu warten, habe er einfach mit dem Traktor den Lieferwagen des 43-jährigen die Straße hinunter geschoben. Dabei saß R.‘s Sohn noch drin. „Ich musste zur Seite springen. Ich dachte, jetzt fährt er mich über den Haufen. Mein Sohn ist irgendwann rausgesprungen und hat sich versteckt.“
Parsberg: Landwirt benutzt Traktor als Tatwaffe
Aus Schreck und Panik habe er dem Landwirt „sakrisch“ hinterhergeschrien. „Da hat er rot gesehen.“ Der Landwirt sei mit seinem Traktor wieder die Straße zurückgefahren. „Er hat mich regelrecht verfolgt.“ Mit dem Strohballen habe er ihn wie ein Stier auf die Hörner genommen. „Ich habe den Boden unter den Füßen verloren und wurde gegen den Container gequetscht.“
Nur weil dieser nicht verankert war, sei er einigermaßen glimpflich davongekommen. „Außerdem hat er freundlicherweise ja einen Strohballen genommen und nicht eine Frontladerschaufel“, sagt R. mit einer Portion Galgenhumor. Trotzdem ist R. klar, dass der Vorfall auch anders hätte ausgehen können.
Mutiger Nachbar versucht den Angreifer zu stoppen
Ein Nachbar hat vielleicht Schlimmeres verhindert. Der Lebensgefährte einer Mieterin eilte ihm zu Hilfe. „Mein Freund ist auf den Traktor gesprungen und hat versucht, den Mann zu stoppen“, erzählt die Mieterin. Der Landwirt habe ihn dann zwar ebenfalls angegriffen, aber nicht verletzt. Die Polizei berichtet von Stichen mit einer Eisenstange, die der Ermittlungsrichter als versuchten Totschlag einstufte – genauso wie den Angriff gegen R..
Die körperlichen Folgen der Tat sind für Martin R. überschaubar: Prellungen, Quetschungen, starke Schmerzen. Er hinkt beim Gehen. Am Morgen nach dem Vorfall konnte er aber das Krankenhaus, wohin ihn ein Rettungshubschrauber geflogen hatte, wieder verlassen. Die seelischen Wunden sitzen bei ihm und den Menschen, die am Sonntag unmittelbar dabei waren, aber tief.
Hilflosigkeit quält die Beobachter der Tat
„Das Schlimmste war die Hilflosigkeit. Wenn er nicht aufgehört hätte und Bock gehabt hätte, ihn zu überfahren, als er am Boden lag, hätten wir nichts tun können“, sagt die Mieterin. Es habe gefühlt eine Ewigkeit gedauert, bis der Landwirt von seinen Opfern abgelassen habe. Damit müssten sie jetzt erst mal umzugehen lernen.
„Mit den Nachwehen haben wir sicher alle noch lange zu kämpfen“, sagt R.. Und dann bleibe da aus seiner Sicht die Frage: „Wie geht es weiter? Der Mann ist ja eine tickende Zeitbombe, sollte er zurückkommen. Allein in diesem Haus wohnen jetzt sechs Kinder und die spielen alle auf der Straße.“
„Jeder hat gefragt,was noch alles passieren muss, bis man etwas gegen den Mann unternimmt“, sagt die 18-jährige Tochter, der ihr Vater nun das Dreschen beibringt, weil er es gerade nicht kann. Die Arbeit auf dem Hof muss weitergehen. Am Wochenende soll es regnen. Der Nachbar sitzt derweil in Untersuchungshaft, seine Tiere wurden unter Aufsicht der Polizei gefüttert. „Wir hoffen, dass er nie wieder hierher zurückkommt“, sagt das Mädchen.
