Verbraucherschützer raten zu neuen Stromverträgen: Lohnen sich dynamische Tarife?

Von Christoph Eberle · 20. August 2023 um 19:02

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) riet Verbrauchern am Wochenende, sich nach neuen Gas- und Stromverträgen umzusehen. Auf Vergleichsportalen wie Verivox und Check24 tauchen dabei immer öfter dynamische Stromtarife auf. Lohnt sich das?

Wenn in Deutschland viel Strom aus regenerativen Energien erzeugt wird, gehen die Strombörsenpreise nach unten. Der Endverbraucher merkt davon nichts, sondern zahlt immer denselben, vertraglich vereinbarten Preis. Wer hingegen einen der relativ neuen dynamischen Stromtarife abgeschlossen hat, kann kräftig sparen: Zeitweise gibt es die Kilowattstunde dann für rund einen Cent Börsenpreis plus Steuern und Abgaben – im Juli sank er zeitweise sogar ins Negative.

So zum Beispiel wieder am Sonntag beim Stromanbieter Tibber: Um Mitternacht verlangte dieser noch 28,46 Cent je Kilowattstunde, danach ging es langsam und schrittweise nach unten.

Ab 9 Uhr – wenn die Photovoltaikanlagen bei der Stromproduktion so richtig Fahrt aufnahmen – ging es dann schneller runter: Von 25,2 Cent über 23,62 Cent (10 Uhr) und 20,13 Cent (11 Uhr) bis auf 16,47 Cent (13 Uhr). Während der Tiefpreiszeit von 13 bis 14 Uhr lag der reine Strompreisanteil sogar nur bei 1,32 Cent. Steuern und Abgaben sorgen dann für den Endkundenpreis von 16,47 Cent.

Im Juni und Juli bekamen Kunden zeitweise sogar Geld, wenn sie Strom verbrauchten

Im Juni und Juli ging es auf der Börsenpreiskurve noch weiter runter: Hier kam es zeitweise vor, dass der Bruttopreis negativ war. Sprich: Kunden bekamen dann sogar Geld dafür, wenn sie Strom verbrauchten. „In den betreffenden Zeitfenstern besteht – einfach ausgedrückt – ein so großes Überangebot an Strom, dass Erzeuger für die Abnahme ihrer Energie kurzzeitig Geld bezahlen, anstatt welches zu bekommen“, erklärt der Stromanbieter Tibber.

Das klinge marktwirtschaftlich betrachtet erst einmal wenig sinnvoll. Tatsächlich nehmen konventionelle grundlastfähige Stromproduzenten, wie Kohlekraftwerksbetreiber, diese befristeten Verluste jedoch in Kauf. Das Hochfahren der Anlagen nach dem Abschalten wäre laut Tibber für sie in der Regel deutlich kostspieliger.

Lohnt es sich daher für Kunden, so einen dynamischen Stromtarif abzuschließen – insbesondere wenn man „Stromfresser“ wie Elektroautos, Wärmepumpen oder einen Swimmingpool zuhause hat? Die Mediengruppe Bayern fragte Benjamin Weigl aus Regensburg, Energieexperte beim Portal Finanztip.

Verbraucher können tatsächlich einiges sparen, aber negative Preise kommen fast nie vor

Negative Strompreise sind in dynamischen Stromtarifen regelmäßig möglich, sie kommen aber laut dem Energieexperten meist nur wenige Stunden am Stück vor. „Und im Regelfall auch nur dann, wenn gerade sehr viel Strom durch Wind und Sonne erzeugt wird, der Strombedarf aber gleichzeitig niedrig ist, etwa am Wochenende oder an Feiertagen“, sagt Benjamin Weigl.

Verbraucherinnen und Verbraucher können ihm zufolge von günstigen oder sogar negativen Strompreisen profitieren, wenn Sie einen dynamischen Stromtarif wählen, der die Börsenpreise für Strom direkt weitergibt. „Dafür benötigt man einen intelligenten Stromzähler, das sogenannte Smart Meter“, sagt er.

Richtig lohnt sich diese Kombination aus Smart Meter und dynamischem Stromtarif aber erst, wenn man in seinem Haushalt große Stromverbraucher hat, die ferngesteuert, automatisch und zeitlich flexibel genau dann den Strom verbrauchen können, wenn er gerade so günstig ist. Dann könne die Ersparnis aber schnell mehrere hundert bis über 1000 Euro pro Jahr betragen.

„Auch moderne Haushaltsgeräte lassen sich zunehmend auf diese Weise fernsteuern. Hier ist der Einspareffekt aber nicht ganz so groß, weil sie schlichtweg nicht so viel Strom verbrauchen“, sagt Benjamin Weigl.

Strompreise bei neuen Verträgen sinken aktuell wieder, aber die Wechselbereitschaft ist niedrig

„Die Preise bei Strom und Gas sinken gerade bei neuen Verträgen“, sagte vzbv-Chefin Ramona Pop den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montagsausgabe). Gleichzeitig sei die Bereitschaft von Verbrauchern und Verbraucherinnen, zu einem anderen Anbieter zu wechseln, recht niedrig.

„Wir wissen, dass Menschen inzwischen vorsichtig sind, ihren bestehenden Vertrag zu wechseln und sicherheitshalber bei ihrem Anbieter bleiben“, sagte Pop. „In der Hochkrisenzeit gab es Anbieter, die Verbrauchern einfach von einem Tag auf den anderen gekündigt haben.“ Es sei trotzdem ratsam, „sich umzuschauen, ob es nicht vielleicht doch günstigere Anbieter gibt“. Wichtig sei aber darauf zu achten, „ob der neue Anbieter auch seriös ist“.

1,32 Cent Börsenpreis je Kilowattstunde plus Steuern und Abgaben macht einen Endpreis von 16,47 Cent. −Screenshot: Tibber/Eberle