Zoff um Trennwände beim Ex-Chaplin: Kulturkampf tobt in Regensburger Biergarten

Noch bevor in der Regensburger Filiale der Hamburgerei der erste Burger serviert wird, muss sich die Münchner Kette mit schlechten Bewertungen auseinandersetzen.
Von der Biergarten-Saison 2023 wird die Hamburgerei nicht mehr groß profitieren. Eigentlich hätte die Münchner Burger-Kette ihre Regensburger Niederlassung im ehemaligen Chaplin schon Ende Juli eröffnen und den herrlichen Außenbereich des Lokals auskosten wollen. Doch Lieferfristen haben diesen Plan durchkreuzt.
„Wir brauchen noch vier Wochen, die Küche kommt erst am 10. September“, sagt Hamburgerei-Geschäftsführer Karsten Grünberg und fügt bitter hinzu: „Wir haben aber auch so schon 25 Ein-Sterne-Bewertungen bei Google.“
Wie kann es sein, dass ein Restaurant schon weit vor seiner Eröffnung von Internet-Kritikern verrissen wird? Im Fall der Hamburgerei hat das nichts mit unzufriedenen Gästen zu tun, sondern mit Gartengestaltung. Vor etwa zwei Wochen begannen Mitarbeiter von Grünberg damit, neben zwei vorhandene Holzwände zwei weitere zu stellen.
„Berliner Mauer“ im Idyll?
Sinn der Übung war, eine deutliche optische Trennung zwischen dem Garten der Hamburgerei und dem der benachbarten Kinokneipe zu schaffen. „Wir müssen das machen. In der Kinokneipe kostet die Halbe 3,60 Euro, bei uns wird es mehr sein. Da sollte es für die Gäste doch klar ersichtlich sein, wo sie sich hinsetzen. Zumal es um eine Fläche geht, die eindeutig von uns gemietet ist“, verteidigt Grünberg dieses Vorgehen.
Beim Publikum der Kinokneipe sorgte es allerdings für Empörung. „Sehr unsympathischer erster Eindruck“, „kein Zugang zur Regensburger Gemeinschaftskultur“ oder „Wagenburgmentalität“ lauten einige der Kommentare, die immer noch online sind. Im direkten Kontakt wurden die Mitarbeiter laut Grünberg als Faschisten beschimpft und gefragt, ob sie Berliner Mauer wieder aufbauen wollen. Es gab sogar ein Flugblatt mit dem Aufruf an die Ostenviertler, sich gegen Profitgeilheit zu wehren.
Ohne etwas Böses im Schilde zu führen, ist der Münchner Unternehmer also auf die knallharte Tour mit einer speziellen Regensburger Befindlichkeit konfrontiert worden. Die Kinokneipe ist in der nahezu vollständig gentrifizierten Innenstadt eine der letzten Orte, der das Flair einer Berliner Kiez-Pinte verströmt. Seit über 50 Jahren funktioniert das so – ein neuer Nachbar, der quasi als erste Amtshandlung Trennwände aufstellt, wird als feindlicher Fremdkörper wahrgenommen.
Auch wenn die Palisaden mittlerweile wieder weg sind, ist das Misstrauen geblieben. Das geht so weit, dass selbst die Botschaft eines Werbeplakats für Irritationen sorgt. „222 Burger für Dich“, ist in einem Fenster des Chaplin zu lesen. Grünberg wurde deshalb als „großkotziger Yuppie“ bezeichnet, der so tut, als hätte er den Hamburger neu erfunden. „Dabei ist die Botschaft nur, dass wir zur Eröffnung 222 Burger verschenken.“
Bei den Trennwänden selbst fühlt sich der Münchner ebenfalls missverstanden. Konkret geht es ihm um den Vorwurf, den Biergarten mit Elementen in Baumarkt-Optik verschandelt zu haben: „Wir waren doch noch gar nicht fertig! Natürlich wäre das alles begrünt worden.“
„Sind auf einem guten Weg“
Die Macher der Kinokneipe wirken indes peinlich berührt von dem Hickhack der letzten Tage. Keiner will groß drüber reden und schon gar nicht namentlich genannt werden. „Die Trennwände sind weg, wir haben ein vernünftiges Gespräch geführt und sind auf einem guten Weg“, sagen sie nur. „Wir müssen zusammenarbeiten, weil wir davon alle profitieren. Alles andere wäre Blödsinn.“ Grünberg sieht den jüngsten Austausch ebenfalls positiv: „Das Gespräch mit den Jungs von der Kinokneipe war gut. Es wurden viele Missverständnisse und Ängste besprochen und direkt geklärt.“
So hofft nun auch der Chef der Hamburgerei auf ein gedeihliches Miteinander, vor allem im Sinne seiner Regensburger Standortleiterin Daniela Fernandes: „Es geht um die Existenz einer zweifachen Mutter, die den Mut hat, sich in wirtschaftlich schwieriger Zeit selbstständig zu machen und den Traum vom eigenen Restaurant zu erfüllen.“ Fernandes sei eine tolle Köchin und herzliche Gastgeberin. „Das sollte das Thema sein.“
KOMMENTAR: Rauft euch zusammen!
Profitgeiler Münchner Unternehmer bedroht letzten Rest der Regensburger Kneipenkultur: Selbst die theoretische Möglichkeit dieser Konstellation lässt die Emotionen hochkochen, wie das aktuelle Beispiel aus dem Chaplin-Garten zeigt.
Die hiesigen Kneipengänger reagieren eben empfindlich, wenn sie eine der wenigen verbliebenen Boazn in Gefahr sehen. Prinzipiell haben sie damit auch Recht, denn im geschleckten, jeden Tag teurer werdenden Regensburg gibt es viel zu wenig Läden mit einem zwar ranzigen, aber gleichwohl großstädtischen Charme.
Ob die Fans der Kinokneipe im konkreten Fall übers Ziel hinausgeschossen haben oder die Macher der Hamburgerei besser kommunizieren hätten sollen, sei dahingestellt. Fest steht nur: Sie sollten sich zusammenraufen. Denn der Blick über die Donau auf den Unteren Wöhrd zeigt, zu was Uneinigkeit führt. Da sind die früheren Kneipen Einhorn, Zimmer 4 und Tarantino’s zu Wohnungen mutiert. Die Hauseigentümer haben damit die sichere Gewinner-Karte gezogen – und jedwede Art von Gastronomie hat verloren.