Drogen-Delikte nehmen zu: Auf Streife im Regensburger Bahnhofsviertel

Das Regensburger Bahnhofsviertel ist ein Kriminalitätsschwerpunkt – vor allem was Drogen-Delikte angeht. Jede fünfte Straftat in Verbindung mit Betäubungsmitteln wird hier verübt. Jetzt hat sich die Polizei dazu entschlossen, verstärkt Präsenz zu zeigen. Die MZ war bei einem Streifzug dabei.
Ins Blickfeld der Polizisten gerät gegen Mittag ein schwankender Mann: „Wann haben Sie das letzte Mal Heroin konsumiert?“ – „Vor ein paar Stunden.“ Gerade stehen fällt dem Mann schwer. Immer wieder neigt sich sein Körper ungewollt nach hinten. Er hat auffällige Tattoos an den Armen und am Hals. Unter anderem „ACAB“ ist auf seinem rechten Unterarm verewigt. Das Kürzel steht für den englischen Spruch „All cops are bastards“. Trotz dieses Tattoos verhält er sich während der Personenkontrolle ruhig und kooperativ gegenüber den vier Bereitschaftspolizisten. Den Beamten scheint das „Kunstwerk“ nicht aufgefallen zu sein. Sie ließen es zumindest unkommentiert.
Die Polizisten haben den Mann im Bahnhofpark unweit des St.-Peters-Wegs aufgehalten. Sein Blick wirkt leer, ein wenig weggetreten. Die Beamten durchsuchen seine Taschen – und werden fündig. In einer Plastiktüte befinden sich mehrere Tabletten-Blister. Es ist Tilidin, ein verschreibungspflichtiges Medikament. „Ich habe starke Schmerzen“, sagt er und hebt seinen linken Arm leicht in die Höhe, der mit einem roten Verband umwickelt ist. Er ist gebrochen. „Haben Sie ein Rezept für das Tilidin?“ – „Ja“, sagt der Mann. Er nennt den Namen eines Arztes. Als er merkt, dass die Polizisten dort anrufen wollen, sagt er verwaschen: „Ich bin jetzt ehrlich zu Ihnen: Das Tilidin ist nicht vom Arzt, sondern von meiner Mutter. Sie bekommt das verschrieben.“ Auf Nachfrage eines Beamten räumt er ein, die Tabletten geklaut zu haben.
Alarmierende Zahlen in der Kriminalstatistik der Polizei
Im Bahnhofsumfeld sind Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz und vor allem gegen das Betäubungsmittelgesetz keine Seltenheit. In der polizeilichen Kriminalstatistik bilden sogenannte BtM-Delikte seit Jahren die deutliche Mehrheit. 2019 waren es insgesamt 366. Im vergangenen Jahr lag die Gesamtzahl der BtM-Delikte bei 248, davon 77 in Zusammenhang mit Heroin und 136 mit Cannabis. Jede fünfte Tat in Regensburg in Verbindung mit Betäubungsmitteln wird im Bahnhofsviertel verübt.
Die Polizei nehme in letzter Zeit aber auch eine steigende Zahl an Gewalt- und Raubdelikten wahr, sagt Markus Reitmeier, Pressesprecher der Polizeiinspektion Regensburg Süd. Um nun verstärkt Präsenz zu zeigen und Kontrollen durchzuführen, habe man Unterstützung der Bereitschaftspolizei angefordert, so Reitmeier.
Am vergangenen Mittwoch also rollen kurz nach 11 Uhr mehrere Polizeibusse im Bahnhofsumfeld an. Etwa 20 Beamte verteilen sich auf dem Gelände zwischen Hauptbahnhof, Albertstraße, Fürst-Anselm-Allee und St.-Peters-Weg. Wegen des Regens eilen anfangs nur Passanten durch die Straßen und den Park. Wirkliche Menschenansammlungen gibt es nur an den Bushaltestellen. Kaum durchbrechen die ersten Sonnenstrahlen die Wolkendecke, ändert sich die Situation.
Verschärfte Personenkontrollen im Bahnhofspark
Vier Bereitschaftspolizisten steuern auf „das Schwammerl“ zu. Auf dem Weg dorthin wollen sie zwei Männer kontrollieren, die auf einer Parkbank sitzen. Ruhig, aber bestimmt, erklärt ein Polizist ihnen, was jetzt passieren wird. Einer von ihnen, er hat blondes Haar und ist schwarz gekleidet, wirkt gelangweilt. Das fällt auch den Beamten auf. Bei der Körperdurchsuchung bewegt er seine Hände immer wieder in Richtung seiner Hosentaschen, anstatt sie auszubreiten. „Es geht um unsere Sicherheit“, mahnt ein Beamter.
Auch die Schuhe müssen die beiden ausziehen, obwohl sie unmittelbar an einer großen Pfütze stehen. Sie sind ein potenzielles Drogenversteck. Doch die Polizisten finden nichts. Dafür wird der Grund für den niedrigen Kooperationswillen deutlich: Die Männer wurden hier nicht zum ersten Mal kontrolliert. „Es passiert hier ständig etwas, deshalb werden die Kontrollen schärfer. Das ist nichts gegen euch“, heißt es von Seiten der Polizei.
Präsenz der Polizei fällt Passanten auf
Vor allem Gruppen sollen im Fokus der Kontrollen stehen. Das Ziel: eine Verhaltensänderung, sagt Reitmeier. Und: „Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung stärken.“ Man wolle die BtM-Szene verunsichern, gleichzeitig aber auch dafür sorgen, dass sich die Kriminalität nicht einfach 100 Meter weiter weg verlagert. Rechtlich gesehen seien verdachtsunabhängige Personenkontrollen an einem Ort wie dem Bahnhofsviertel, wo regelmäßig Straftaten verübt werden, erlaubt.
Die Präsenz der Polizei zieht viele Blicke auf sich. Denn durch den Park laufen auch an diesem Tag viele Touristen und Einheimische. Will man vom Hauptbahnhof in die Innenstadt, ist das der direkte Weg.
Gestohlene Gegenstände im Schlosspark?
Eine Polizistin entdeckt im abgezäunten Schlosspark der Fürstin von Thurn und Taxis ein Fahrrad sowie einen schwarzen Rucksack. Zwei Beamten klettern über den Zaun und heben beide Gegenstände darüber. Ein Polizist durchsucht den Rucksack und zieht unter anderem eine Unterhose und eine Sporthose heraus.
Auch das vordere Fach wirkt fein säuberlich gepackt. In einer Klarsichtfolie ist ein Bild verpackt – mit blauen und roten Farben bemalt und der Aufschrift „Papa“. Ein kleiner, schwarzer Geldbeutel inklusive Kinderbildern und Karten ist noch vorhanden.Das schwarze Damenfahrrad stellen die Beamten auf den Kopf, um sich die Rahmennummer zu notieren und an die Dienststelle weiterzugeben. Treffer: Das Fahrrad wurde als gestohlen gemeldet.
Verschreibungspflichtiges Arzneimittel entdeckt
An der Albertstraße halten die vier Kollegen drei Passanten auf, die an der Ampel stehen – zwei Frauen und einen Mann. Zwei Kontrollen verlaufen unspektakulär. Bei einer Frau finden die Beamten ein kleines, weißes Fläschchen. Es ist ein Substitutionsmittel, ein Ersatzstoff für Süchtige.
Weil auch dieses Mittel verschreibungspflichtig ist, wollen die Beamten die Angaben der Frau durch einen Anruf bei der Ärztin überprüfen. Die Frau wirkt gelassen und sitzt auf einer Steinkante am Gehweg. Laut der Ärztin müsste das Fläschchen leer sein. „Ich teil mir das halt auf“, sagt die Frau.
Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Frau das Mittel verkauft, verständigen sich die Beamten mit ihr und der Ärztin darauf, den Rest nun wegzuschütten. Sie steht auf und schüttet das Opioid in einen Gullideckel. Die Beamten setzen ihren Streifzug fort, die Frau geht ihrer Wege. Kurz darauf ruft die Ärztin noch einmal an. Es stellt sich heraus, dass die Frau das Mittel doch nicht besitzen durfte.
CBD Blüten bei Ukrainern gefunden
Zurück im Park fallen den Beamten zwei junge Männer auf. Sie folgen ihnen schnellen Schrittes. Als sie die beiden ansprechen, schauen sie etwas irritiert – auch, weil sie die Sprache nicht verstehen. Sie kommen aus der Ukraine.
Ein Beamter kommuniziert auf russisch mit ihnen. Die jungen Männer haben zusammen in Kiew studiert. Der Vater des einen kämpft derzeit in der Armee, bringt der Polizist in Erfahrung. In ihren Taschen finden sie eine kleine Verpackung mit CBD Blüten (Cannabidiol). Die Beamten müssen die Herkunft und und Legalität überprüfen. Entwarnung: Die beiden dürfen gehen.
Um circa 14 Uhr endet der Streifzug. Wegen des schlechten Wetters war im Bahnhofsviertel nicht viel los, die Bilanz der vier Bereitschaftspolizisten ist dementsprechend mager: Sie haben etwa zehn Personen kontrolliert, ein illegales Arzneimittel sichergestellt. Aber es geht nicht nur darum, was die Polizisten wahrnehmen, sondern, dass sie selbst wahrgenommen werden. Den Bürgern, sagt Reitmeier, falle diese Präsenz positiv auf.
Straftaten im Bahnhofsviertel im vergangenen Jahr
Gesamt: 2022 lag die Zahl der Straftaten im Bahnhofsviertel bei insgesamt 748. Damit nähert man sich wieder an die Vor-Corona-Jahre an. 2018 lag die Zahl der Delikte beispielsweise bei insgesamt 875, während es 2021 nur 530 waren.
Rohheitsdelikte: Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 92, fünf davon Raub und 70 Körperverletzungen.
Diebstahl: 114 Mal wurden 2022 im Bahnhofsviertel Diebstähle registriert, davon waren 49 Fahrraddiebstähle.
Sachbeschädigung: Insgesamt 68 Sachbeschädigungen wurden in diesem Bereich registriert.
BtM-Delikte: Die Gesamtzahl der Delikte liegt bei 248, davon 77 Heroin- und 136 Cannabis-Delikte.
