Gewalt und Diebstahl: So gefährlich ist der Hauptbahnhof in Regensburg

Trotz der Kameraüberwachung und des Alkoholverbots ist derRegensburger Hauptbahnhofein Kriminalitäts-Hotspot. Die Zahl der Gewaltdelikte nimmt drastisch zu. Und mehr als 1500 Diebe wurden im Edeka erwischt.
Edeka-Betreiber Raphael Dirnberger hat sogar gegendert: „Dieb*innen erwischt & angezeigt“ steht auf einer Tafel am Eingang zu dem Supermarkt am Hauptbahnhof. Erst kürzlich wurde die Marke von 1000 überschritten, wenige Wochen später waren es schon mehr als 1500 Diebe und Diebinnen, die das Personal erwischt hat.
„Der Security-Dienst kostet uns jährlich 90.000 Euro“, sagt Dirnberger. „Aber wir haben uns darauf eingestellt, als wir den Markt übernommen haben.“ Die Kassierer kommen an das Bargeld, das von den Kunden in einen Automaten gesteckt werden muss, gar nicht erst ran. So können sie es Räubern auch gar nicht aushändigen. Für Dirnberger und seine Mitarbeiter ist Kriminalität an der Tagesordnung. Was ihn besonders stört: „Wir bekommen hauptsächlich Einstellungen unserer Strafanzeigen zurück.“ Das müsse vor allem für die Polizisten deprimierend sein, sagt der Marktbetreiber. „Die kommen oft drei mal, vier mal am Tag wegen dem selben Täter – und müssen sich dann noch anspucken und beleidigen lassen.“
Hauptbahnhof Regensburg: Während Corona war Ruhe
Der Hauptbahnhof ist einKriminalitäts-Hotspot. Das belegen auch die Zahlen der Bundespolizei. Dabei war es in den Corona-Jahren plötzlich ganz friedlich. „Vor allem in den Jahren 2020 und 2021 hatten die wegen der Corona-Pandemie erlassenen Einschränkungen Einfluss auf das Besucheraufkommen am Hauptbahnhof“, sagt Thomas Dvorak, Sprecher der Bundespolizei. Dementsprechend waren dort Rückgänge zu beobachten. Seither steigen die Zahlen rasant. Laut Dvorak haben die Gewaltdelikte 2022 im Vergleich zu den Jahren 2020 und 2021 am Hauptbahnhof deutlich zugenommen. Während 2020 nur 34 Gewaltdelikte zur Anzeige gebracht wurden, waren es 2021 schon 48 und 2022 mit 136 fast dreimal so viele. „Das Vor-Corona-Niveau von 76 registrierten Gewaltdelikten im Jahr 2019 ist 2022 somit signifikant gestiegen“, sagt Dvorak.
Die häufigsten Delikte sind allerdings Diebstähle – mit Abstand. 25 Diebstähle verzeichneten die Bundespolizisten, als der Supermarkt monatelang wegen des Umbaus 2020 geschlossen war. 2021 waren es dann fast 400 Strafanzeigen.
Vor allem ein Problem ist nach wie vor der Alkohol. 30 Prozent der Körperverletzungen sowie die Hälfte aller Angriffe auf Polizisten wurden von Betrunkenen verübt. Dabei gilt am Bahnhof ein Alkoholverbot. „Dementsprechend waren die allermeisten Tatverdächtigen bereits alkoholisiert an den Bahnhof gekommen“, sagt Dvorak.
Justiz mit Vielzahl von Delikten überfordert?
Edeka-Betreiber Dirnberger sagt, das Problem sei, dass der Rechtsstaat häufig nicht mehr funktioniere. „Wir haben einen Fall, da hat jemand elfmal etwas geklaut. Konsequenzen scheint das für ihn aber nicht zu haben.“ Er wisse nicht, ob die Justiz mit der Vielzahl von Delikten überfordert sei.
Der Sprecher der Regensburger Staatsanwaltschaft, Thomas Rauscher, findet es schwierig, Eindrücke zu bewerten. Er nennt Zahlen: „Tatsächlich ist der Edeka Markt Dirnberger seit dem Jahre 2020 in unserer EDV bereits über 600 mal als Geschädigter vermerkt“, so Rauscher. „Hierbei handelt es sich schwerpunktmäßig um Diebstahlsvorwürfe, jedoch auch sehr viele Hausfriedensbrüche, da die erwischten Diebe Hausverbot bekommen und bei erneutem Betreten des Edeka einen Hausfriedensbruch begehen.“
Grundsätzlich, so der Oberstaatsanwalt, würden alle Ladendiebe gleich behandelt. Vorausgesetzt, die Tat sei nachweisbar, wird bei jedem Ersttäter ohne Eintrag ins Strafregister bei einem Wert der gestohlenen Ware von unter zehn Euro folgenlos eingestellt. Grundlage ist die Strafprozessordnung, der Grund lautet Geringfügigkeit. Ersttäter, die einen Diebstahl von Waren bis zu einem Wert von 150 Euro begehen, kommen ebenfalls mit einer Einstellung davon – allerdings gegen Geld- oder Arbeitsauflage. „Bei bereits straffällig gewordenen Tätern, erfolgt grundsätzlich eine Anklage beziehungsweise ein Strafbefehl“, sagt Rauscher. „Im Übrigen finden sich unter der Klientel auch Personen die regelmäßig straffällig werden und bei uns teilweise bereits mehrere schwerer Straftaten anhängig haben“, so Rauscher. Auch in solchen Fällen könne es zu einer Einstellung des Verfahrens kommen, aber nicht, weil der Diebstahl nicht geahndet wird, sondern weil er im Vergleich zu den anderen angeklagten Straftaten nur gering ins Gewicht fällt.
Kriminalität am Regensburger Hauptbahnhof: Überall sind Kameras
Edeka-Betreiber Dirnberger unterscheidet, wer zu den Tätern gehört. „Wir haben hier am Bahnhof sehr viele Suchtkranke. Da zähle ich einen Diebstahl eher zur Beschaffungskriminalität.“ Diese Menschen seien krank, „denen muss man helfen“. Aber er erlebe auch andere, „die das immer wieder tun und bei denen ich den Eindruck habe: Die haben gar kein Unrechtsbewusstsein. Für die ist es fast schon normal, wenn sie ein paar Sachen klauen“.
Hilfreich sei, dass der Bahnhof weitgehend videoüberwacht ist. „Grundsätzlich kann eine Kameraüberwachung sowohl für Zwecke der Gefahrenabwehr, als auch für Zwecke der Strafverfolgung hilfreich sein: Gefahren können früher erkannt und Straftäter im Nachgang identifiziert werden“, sagt Sprecher Dvorak. „Hinzu kommt der präventive Effekt.“

