Mehr Linien, aber weniger Fahrgäste: Bilanz fällt durchwachsen aus

Seit 30 Jahren fährt der Stadtbus in Neumarkt. Eine Berg- und Talfahrt, lässt Dominique Kinzkofer, Geschäftsführer der Stadtwerke Neumarkt (SWN), durchblicken. Wo geht die Reise also hin? Könnte man in Neumarkt selbstfahrende Busse auf Tour schicken?
Denn trotz aller Bemühungen sinken die Fahrgastzahlen leicht. Die zwölf Busse fahren auf manchen der 13 Linien außerhalb der Kernzeit oft mit nur wenigen Passagieren und jedes Jahr ein Millionen-Defizit ein: 2022 waren es 1, 76 Millionen Euro. Das müssen die SWN mit Gewinnen aus anderen Bereichen ausgleichen.
Dafür regnet es viel Kritik – Wege aus den roten Zahlen hat Kinzkofer ad hoc nicht parat. Wären eine Ringlinie und eine andere Taktung der Busse sinnvoller, als alle Linien zentral auf den Bahnhof auszurichten? Nein, sagen er und Melanie Ullermann, Geschäftsbereichsleiterin Öffentlicher Personennahverkehr der SWN. Experten des VGN hätten dies in einer Analyse als kontraproduktiv eingestuft.
Klares „Nein“ zu einer Ringlinie für Neumarkt
Neumarkt sei nicht vergleichbar mit Großstädten wie München oder Berlin, wo die Linien viel kürzer getaktet seien. In Neumarkt verkehren die Stadtbusse im Halb- und Stundentakt. Mit einer Ringlinie müssten die Fahrgäste teilweise mehrmals umsteigen und längere Wartezeiten in Kauf nehmen, erläutern Kinzkofer und Ullermann. Der ÖPNV verliere dadurch an Attraktivität.
In Neumarkt seien alle Linien sternförmig auf den Bahnhof ausgerichtet, weil er zentrale Drehscheibe für die Weiterfahrt von Pendlern sei – und sie nutzten den Stadtbus am häufigsten.
Landkreis Kelheim sieht Elektrobusse als Chance
Kelheim setzt in einem bundesweiten Pilotprojekt auf fahrerlose Elektrobusse. „Das ist die Zukunft“, sagt Landrat Martin Neumeyer. „Daran kommen wir künftig beim ÖPNV und beim Lkw-Verkehr nicht vorbei.“ Dafür nennt er mehrere Gründe: Zum einen werde es immer schwieriger, Fahrer zu finden, zum anderen stiegen die Ansprüche der Fahrgäste, die zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie an Sonn- und Feiertagen ein ÖPNV-Angebot haben wollten. „Das ist die Chance für uns“, ist Neumeyer überzeugt.
„KelRide“ ist ein Forschungsprojekt, welches vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr gefördert wird und im März 2021 gestartet ist. Was im Landkreis Neumarkt der Rufbus, ist im Landkreis Kelheim der „Kexi“. Ziel ist es, die Kexi-Flotte zu einer gemischten aus herkömmlichen Bussen mit fahrer und fahrerlosen E-Bussen zu kombinieren.
Die Linien und Angebote wurden und werden schrittweise ausgeweitet. Die Strecken ebenfalls – von anfangs vier Kilometern sollen bald auch die Stadtteile angebunden werden. In Kelheim selbst seien derzeit sechs autonome Busse unterwegs, sagt Neumeyer und gibt offen zu, dass nicht alle Bürger davon begeistert sind.
Auflagen für E-Busse bei der Geschwindigkeit
„Andere Länder sind uns schon voraus, weil es dort weniger Auflagen gibt als in Deutschland.“ Eine Auflage betrifft die Geschwindigkeit: „Die Busse dürfen aus Sicherheitsgründen nicht schneller als 20 Stundenkilometer fahren.“ So manch einer empfindet die Shuttles mit sechs Sitzplätzen und Platz für etwa zwölf Personen deshalb als Verkehrshindernis.
Auch seien die Sensoren der aktuellen Baureihe so sensibel, dass sie Regentropfen, Schnee oder einen Grashalm nicht von einem echten Hindernis unterscheiden und deshalb zu unrecht eine Vollbremsung einlegen. Dann muss der menschliche Operator eingreifen.
Das soll sich aber ändern, blickt der Kelheimer Landrat voraus. In dem Forschungsprojekt gehe es ja gerade darum, neue Systeme auszuprobieren, zu verbessern, Kinderkrankheiten auszumerzen. Außerdem gebe es innerstädtisch viele 30er-Zonen, in denen man eh nicht schneller fahren könne.
„In Neumarkt ziemlich weit weg“
Für Dominique Kinzkofer und Melanie Ullermann ist der Einsatz autonomer Busse „in Neumarkt noch ziemlich weit weg“. Die Innenstadt sei „zu heterogen, zu kleinteilig, zu eng und zu quirlig“. Auch die geringe Geschwindigkeit sieht er als Nachteil. „Stand jetzt ist die Technik für uns noch nicht ausgereift. Wir sind froh, dass wir noch menschliche Fahrer an Bord haben.“
Eine, die seit 28 Jahren am Steuer von einem der zwölf behindertengerechten Niederflurbussen sitzt, ist Angelika Anderle. Sie ist eine von zwei Frauen im 21-köpfigen Team der SWN. Ihre Leidenschaft fürs Busfahren erklärt die 57-Jährige so: „Die wurde mir wohl in die Wiege gelegt. Schließlich wurde ich auch in einem Auto geboren.“
Ab 2024 fahren auch in Neumarkt Elektrobusse
Da ihre Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb, ihr Mann ein Fuhrunternehmen besaßen, „hatte ich schon immer mit großen Fahrzeugen zu tun“, erzählt Anderle. Deshalb war es für sie selbstverständlich, erst den Lkw- und dann den Busführerschein zu machen, als ein Bekannter für sein Unternehmen 1995 Fahrer suchte. Zunächst in Teilzeit, fährt sie seit September 2009 in Vollzeit Stadtbus.
Seitdem hat sich viel verändert – und es wird sich noch mehr ändern: Die Busse „der neuesten Dieselgeneration“ werden laut ÖPNV-Bereichsleiterin Ullermann in den nächsten Jahren durch Elektrobusse ersetzt: Die ersten vier kommen im ersten Quartal 2024, zwei weitere ab dem zweiten Quartal 2025.
Busangebot soll zeitlich ausgeweitet werden
Die Frage nach kleineren Bussen für den Einsatz in Nebenverkehrszeiten beantwortet Kinzkofer „aus ökonomischen, ökologischen und aus Einsatz- beziehungsweise Betriebsgründen“ mit einem „Nein“. Zum einen bleibe ein bedeutender Kostenfaktor, der Fahrer, unverändert. Zum anderen müssten kleinere Fahrzeuge zusätzlich angeschafft werden und zum Dritten wäre es dann problematischer, in Nebenverkehrszeiten Passagiere mit Rollstühlen, Kinderwagen, Rollatoren oder Gruppen ohne Voranmeldung zu befördern.
Und auch wenn im ländlichen Raum die Menschen lieber ins Auto steigen, stellt SWN-Chef Kinzkofer Überlegungen an, das Busangebot – zumindest zeitlich – auszuweiten statt es zu reduzieren. Es müsse den Bedürfnissen gerecht werden, sagt er. Aber er stellt auch klar: „Stadtbusse sind kein Taxi“. Letztlich sei die Weiterentwicklung des Nahverkehrsplans eine politische Entscheidung und Sache des Stadtrats.
Der hatte sich vor 30 Jahren für ein Stadtbussystem entschieden. Am 1.September 1993 startete er mit fünf kleinen Bussen à 60 Plätzen. Heute verkehren zwölf im Stadtgebiet mit jeweils 100 Sitzplätzen.
