Große Busse und wenig Fahrgäste im Landkreis Neumarkt – macht das Sinn?

Von Petra Schlierf · 27. Juni 2023 um 05:00

Wer will, kann im Landkreis Neumarkt fast jederzeit mit dem Bus von einer Gemeinde nach Neumarkt oder anderswo hin fahren. Doch außerhalb der Stoßzeiten wird der ÖPNV wenig genutzt. Ist es deshalb sinnvoll, so viele „Geisterbusse“ auf die Straße zu schicken? Wären kleinere Busse nicht wirtschaftlicher?

Eine pauschale Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Aus Sicht der Stadtwerke wäre der Einsatz kleiner Busse aus vielerlei Gründen derzeit nicht sinnvoll, erklärt Melanie Ullermann, Geschäftsbereichsleiterin ÖPNV. Aus ökonomischer Sicht seien kaum Einsparungen möglich, im Gegenteil.

Kein Platz für Rollstuhlfahrer in kleinen Bussen

So bleibe der Fahrer als „ein bedeutender Kostenfaktor“ unverändert. Der Treibstoff- bzw. Stromverbrauch verringere sich nur geringfügig da der kleinere Bus leichter sei, sagt Ullermann. „Dafür muss der kleinere Bus immer zusätzlich zu einem normalgroßen angeschafft werden, denn zu den Stoßzeiten werden die größeren Fahrzeuge auf jeden Fall benötigt.“ Der geringere Verbrauch könnte diese zusätzlichen Anschaffungskosten kaum kompensieren.

„Übrigens sind kleinere Busmodelle keine Schnäppchen. Pro Fahrgastplatz berechnet, sind diese deutlich teurer als die normalgroßen Ausführungen“, erklärt Ullermann. Ökologisch wäre der geringere Energieverbrauch kleinerer Fahrzeuge zwar ein Vorteil, deutlich nachteilig wirke sich jedoch deren zusätzliche Produktion aus.

Melanie Ullmann sieht sogar einen Vorteil in den spärlich besetzten Bussen: Menschen mit Rollstühlen, Rollatoren oder Kinderwagen seien auch außerhalb der Stoßzeiten unterwegs. „Diese Kundengruppen zu jeder Zeit in den Stadtbussen befördern zu können, ist uns ein wichtiges Anliegen.“ In einem Kleinbus gäbe es hingegen keinen oder nur sehr wenig Platz für solche Sondernutzungen. Auch größere Gruppen etwa einer Schule oder eines Kindergartens könnten erst nach Anmeldung mitfahren.

Der Landkreis ist bei seinen Angeboten schon umgestiegen, betont Pressesprecher Michael Gottschalk. Von Beginn an habe man beim Rufbus auf Kleinbusse gesetzt. Dazu kommen die Sammeltaxen. Beide Angebote haben gemeinsam: Die Fahrzeuge rollen nur über die Straßen, wenn es auch tatsächlich Fahrgäste gibt. Wer mitfahren will, muss sich vorher anmelden.

54000 Fahrgäste nutzten Rufbus und Anrufsammeltaxi

„Letztes Jahr haben wir so 54000 Fahrgäste befördert“, summiert Gottschalk und spricht von einem Rekordjahr. Besonders gefragt seien die Bedarfslinien seit Jahren im Bereich Deining, stellt er fest. Dort habe die Gemeinde auch intensiv für die Angebote geworben.

Im Auftrag des Landkreises sind aber auch private Busunternehmen unterwegs und die nutzen oft große Busse, um oft nur wenige Menschen zu transportieren. „Das hat uns von Anfang an gestört, daher wollten wir, dass sie das System auf Bedarf umstellen“, erklärt Gottschalk. Doch es gibt auch noch einige feste Linien, für die die Unternehmen Konzessionen haben.

Noch mehr Komfort dürfen die Fahrgäste erwarten, wenn das Buchen und Bezahlen der Fahrten über VGN-App möglich ist, was laut Gottschalk bis Ende des Jahres der Fall sein soll. Dann würde das Anrufen entfallen.

Ob Anrufsammeltaxi oder Rufbus – beide haben feste Abfahrtszeiten. Doch das muss laut Gottschalk nicht für immer so bleiben: „Die Zukunft für den Nahverkehr auf dem Land ist das autonome Fahren.“ Solche über künstliche Intelligenz gesteuerte Systeme gebe es zwar schon, seien aber noch nicht für den Straßenverkehr zugelassen. Noch muss immer ein Fahrer mit an Bord sein.

Und der Fahrermangel ist ein Problem, bestätigt Patricia Ehbauer von Merz Reisen. „Ohne ausländische Busfahrer würde alles zusammenbrechen“, muss sie feststellen und ist froh über ihre Mitarbeiter. In Neumarkt gehe es noch, „aber Richtung Parsberg ist der Markt leer.“

Abgesehen von den Fahrern sei es im eigenen Interesse jedes Unternehmers, die Betriebskosten niedrig zu halten, erklärt Ehbauer: „Wo es möglich ist, switchen wir in den Ferien auf Kleinbusse, also Zwölfsitzer um.“ Komplett gehe das aber nicht, denn „dann hätte man immer die Hälfte der Hardware rumstehen“.

Manchmal verhinderten aber auch Vorgaben den Umstieg auf Kleinbusse. Bei den Freizeitlinien beispielsweise sei das Mitführen eines Fahrradanhängers vorgeschrieben und der lasse sich nur an große Busse koppeln. Ökologisch zu fahren, sei trotzdem ein Thema im Unternehmen – auch mit großen Bussen, betont Ehbauer: „Unser Durchschnittsverbrauch ist sehr gering, weil wir mit den neuesten Motoren fahren. Unsere Fahrer werden regelmäßig geschult, um spritsparend zu fahren.“ Außerdem würden Routen und Fahrer so eingeteilt, damit sie möglichst wenig Leerkilometer fahren.

„Busfahrer sind Mangelware“

Für Ernst Rupprecht, den Geschäftsführer von Arzt Reisen, ist die Idee mit den kleinen Bussen nicht neu. Was im ersten Moment sinnvoll erscheinen mag, „ist aber in Wirklichkeit viel teurer“, erklärt er. Denn: „Wir bräuchten für die Stoßzeiten in der Früh und mittags große Busse, würden sie dann in die Ecke stellen und mit kleinen fahren. Die doppelten Investitionskosten werden aber nicht durch die niedrigeren Betriebskosten eingespart.“ Durch die doppelte Beschaffung würde man „das Geld der Steuerzahler verbrennen“, sagt Rupprecht. Der ÖPNV würde noch teurer werden.

Wo die Zukunft des ÖPNV hinsteuert? Der Unternehmer weiß es nicht so recht. Das autonome Fahren sei noch weit weg, Busfahrer brauche es also weiterhin. Aber: „Die sind Mangelware“. Derzeit sei der Landkreis Neumarkt noch einigermaßen gut aufgestellt, aber wenn die nächste Generation in Rente gehe, sehe es schlecht aus, befürchtet er.

Dann könnten die Busse sogar noch größer werden, um Fahrer einzusparen. Die Größe der Fahrzeuge der Busunternehmen bemesse sich nämlich an dem, was insbesondere am Morgen für den Schülerverkehr nötig ist. Genau diese Busse fahren dann am Nachmittag in Minimalbesetzung durch den Landkreis.

Gegen den Fahrermangel sind Kleinbusse aus Rupprechts Sicht keine Lösung, denn auch für ein solches Fahrzeug in der nötigen Größe brauche es einen Fachmann.