Von Kolumbien nach Waldmünchen mit gebrochenem Knöchel: Eine Mutmachgeschichte

Von Petra Schoplocher · 12. August 2023 um 15:00

Sie lächelt. Trotz Schmerzen. Trotz Gips. Trotz Unsicherheit und Heimweh. Dabei hätte Jessica Sander in diesen bewegtesten Tagen ihres Lebens allen Grund zum Weinen und Verzweifeln gehabt. Mitten im kolumbianischen Dschungel brach sie sich den Fuß. Was folgte, war eine Odyssee, die sie aber dank vieler besonderer Menschen meisterte. Ihretwegen erzählt die 27-Jährige ihre wahrlich abenteuerliche Geschichte.

Da ist zum einen Luis, der die Gruppe um Jessica und ihre Freundin Katha im Tayrona-Nationalparks führte – und der die Waldmünchnerin schließlich aus dem Gelände schleppte. „Dabei war er viel kleiner als ich.“

Ein falscher Tritt

Was war passiert? Genau kann es die IT-Beraterin nicht mehr sagen. Ein falscher Tritt auf etwa halbem Weg der Erkundungstour zu Natur und besondere Affen durch unwegsames Gelände. Wald, Gestrüpp, stachelige Bäume, schmale Pfade. „Ich hab‘ einen Schritt gemacht, mich umgedreht und plötzlich lag ich auf dem Hintern.“ Schnell war klar: Mit dem Knöchel stimmt was nicht.

Nach dem ersten Schreck entscheidet Jessica, „weil die alle so toll“ waren, ihren Mitwanderern die Tour nicht zu vermiesen, sondern mit Katha zu warten, bis die Gruppe vom Gipfel zurück kommt. Was sich nun , mit etwas Abstand, „locker“ anhört, ist in Wirklichkeit mit Unterzucker, (höllischen) Schmerzen, der Begegnung mit einer riesigen und wohl giftigen Raupe verbunden. Und der Frage: Wie zur Hölle komm‘ ich hier wieder raus?

Ein Schal als Schiene

Ein Schal als Schiene, ein Bambusstab als Krücke, Katha als Gepäckträgerin – eine Rolle, die sie die kommenden Tage neben ihren eigenen 30 Kilo für Jessica noch öfter spielen musste – und Luis. „Ich weiß nicht, wie das ging...“

Verschnauf-Momente und Affen

Dass sie beim Abstieg die seltenen Affen ein zweites Mal gesehen haben: ein Verschnauf- und Glücksmoment. „Fix ud foxi“ erreichten sie irgendwann den Ausgangspunkt und die Klinik in Filandia. Nur: Da kann man der Deutschen nicht helfen, die zu diesem Zeitpunkt noch von einer weniger gravierenden Verletzung ausgeht – und der Weiterreise.

Keine Hilfe im ersten Krankenhaus

Also das nächste Krankenhaus – und der nächste Glücksmoment: Die Fahrt in einem der berühmten kolumbianischen Willy-Jeeps nach Bogotà mit einem Joe am Steuer. „Es war superlustig.“ Dabei mussten die beiden Frauen froh sein, dass sie miteinander überhaupt noch die Summe Bargeld für das Taxi zusammenkratzen konnten.

Alleine die Stunden im Hauptstadtkrankenhaus böten Stoff für ein Buch. Die Türen stets verschlossen und von Security überwacht. Während sich Jessica durch das Triage-System arbeitet, versucht Katha eine Unterkunft zu organisieren. Eineinhalb Stunden steht sie mit vier Rücksäcken alleine auf der Straße...

Die Frau in Handschellen

Jessica muss derweil erleben, wie eine Frau mit Handschellen just in dem Moment ihr vorgezogen wird, als ihre Nummer (27) endlich dran gewesen wäre. Mehr und mehr wird ihr auch der Standard bewusst, „ich hab‘ mich an ein Schild geklammert, auf dem was von Universität stand“. Erneut macht sie eine nette Bekanntschaft: Einer der Sicherheitsleute besorgt ihr einen komfortableren Rollstuhl, wünscht ihr, die „gottseidank“ Spanisch spricht, am Ende seiner Schicht viel Glück.

Der nächste Schock

Dann der nächste Schreck, die Diagnose: Gebrochen. „Das kann nicht sein“, ist Jessicas erster Gedanke. Immerhin darf sie das Krankenhaus mit dem frisch gegipsten Bein verlassen. Katha kümmert sich, besorgt Essen, mittlerweile ist es weit nach 22 Uhr. Unglaubliches dann im Glückskeks: „Alles erscheint unmöglich, bis man es tut“. Ergriffenheit mischt sich mit Erschöpfung.

Heimflug will organisiert werden

Am nächsten Morgen trifft sie die Erkenntnis mit voller Wucht: Ich muss nach Hause. Alleine, denn Katha ist mit ihrem Freund auf Weltreise, Jessica hat sie „nur“ besucht. Es folgen endlose Telefonate mit Versicherung, Fluglinie, Familie, zur Organisation einer Assistenz, schließlich ist sie nicht mobil. Die Zeitdifferenz und das Wissen, am Flugtag sieben Stunden im Bus zu sitzen ohne Empfang machen das Unterfangen nicht leichter.

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Kurz vor Abfahrt kommt das „Go“ , dass sie Business-Class fliegen kann, damit das Bein Platz hat. Es folgt ein hektischer Anruf in Waldmünchen (nicht der einzige): „Mama, kannst du diesen Flug buchen?“

Beim Transfer und im Flughafen dann erweist sich der Freund eines Freundes als Glücksfall. Miguel, der ein Uber fährt und sie bis zum Check-in manövriert – Hilfe gibt es erst ab dort.

„Lebensrettende“ App

Immer wieder erweist sich als eine App als weiterer glücklicher Umstand, dank der Katha (und somit auch Jessica) kostenlos mit dem Handy telefonieren kann – ihr unschätzbarer Wert stellt sich heraus, als es um die Organisation des Rücktransports geht. Und den Kontakt zur Familie zu halten. Mit „Mama, reg‘ dich nicht auf“, beginnt die Schilderung aus der ersten Klinik.

Das entscheidende Bewerbungsgespräch

Dann ist da noch ein Nebenkriegsschauplatz: Katha hat tags darauf ein entscheidendes Bewerbungsgespräch, ihre Präsentation dafür , sie wird von beiden nebenbei erstellt und perfektioniert (mit Erfolg!).

Der Rückflug über Madrid, wo die junge Frau das erste Mal „fast wahnsinnig geworden wäre“. Ankunft um vier Uhr früh, Aufenthalt 4,5 Stunden. Aber: Die Gepäckausgabe öffnet erst um 7 Uhr, wie soll da jemand mit Krücken aus- und neu einchecken? Irgendwie geht auch das, dank eines „Typen, der wie ein Irrer mit mir durch die Terminals gedüst ist“.

Endlich in Deutschland

Dann endlich Deutschland, Mama Elke – die immer noch beeindruckt ist, wie strukturiert ihre Tochter einen Punkt nach dem anderen abgearbeitet hat und das Heft des Handelns in die Hand nahm – und Schwester Michelle empfangen sie in München, wo sie mittlerweile lebt. Ein Stopp in der Wohnung, das das Nötigste einsammeln, weiter geht es nach Waldmünchen.

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Die erste ärztliche Empfehlung, die Notaufnahme aufzusuchen, torpediert die Mutter („nach drei Tage unterwegs!“), organisiert stattdessen einen Termin im MVZ Roding . Dort der nächste Schock: Die Knochen haben sich verschoben, eine OP unumgänglich... zu einem Zeitpunkt, an dem in der Arbeit „die Hölle los ist“. Aber auch da: Verständnis.

Ruhepol Lenkenhütte

Lenkenhütte hat sie schon immer als Ruhepol empfunden, nun ist es der perfekte Ort zum Auskurieren (wenngleich sie schon wieder arbeitet). Zum Reflektieren und Erzählen.

Trotz des Durchhängers in Madrid habe sie keinen Moment an einer glücklichen Heimkehr gezweifelt. Ein Gefühl, immer wieder gestärkt durch hilfsbereite Menschen und ihr Zutrauen in sie. „Es gibt immer einen Weg“, ist sie überzeugt. Aus dem Dschungel, aber auch aus allen anderen schwierigen Situationen.

Bergführer Luis war im wahrsten Sinne des Wortes eine Stütze für Jessica. Er half ihr aus dem Dschungel.
„Ohne Katha hätte ich den Tag nicht überlebt“, sagt die IT-Beraterin dankbar über ihre Freundin.
Erst in der zweiten Klinik gab es ein Röntgengerät und Hilfe: In Bogotá wurde der Fuß eingegipst.
Nach der OP in Cham: Mama Elke brachte zur Aufmunterung Wiener, Brezen und hartgekochte Ei vorbei.