Einfach schee: Ein Kinofilm verneigt sich vor der Schönheit der Oberpfalz

Von Marianne Sperb · 9. August 2023 um 11:00

Von einem, der auszog, das Image seiner Heimat zu retten: Simon H. Süß landete mit seinem Bildband einen Überraschungserfolg. Jetzt präsentierte er in Regensburg seinen ersten Film.

Am Ende muss Simon H. Süß dem schlechten Image der Oberpfalz noch dankbar sein. Arm, karg, dunkel und rau: Das Klischee ließ dem Fotografen, der in Regensburg Geschichte studiert hat, keine Ruhe. Er knöpfte sich sämtliche Oberpfalz-Bücher vor, die er auftreiben konnte, schaute nach Besonderheiten und machte sich auf den Weg, die Schönheit der Heimat zu finden und festzuhalten.

2022 legte Simon H. Süß seine Ernte vor, einen prachtvollen, atemberaubenden Bild-Text-Band, der sich bestens verkauft. 2023 folgte ein Kinofilm. „Für die“, sagt der 30-Jährige bei der Regensburger Premiere im Kino Andreasstadel, „die nicht so aufs Buch stehen.“

Lesen Sie mehr: Fotografische Liebeserklärung

Die Kamera fliegt über beschauliche Dörfer und das grün-braun-gelbe Karo der Felder, schaut auf silbrige Flussbänder und in nebelverhangene Wälder, umkreist wuchtige Burgen und gediegene Bauernhöfe. Sie blickt auf Horizont und Himmel, auf Kirchen, Klöster, Kleinstädte, Kiesgruben und Teichlandschaften, von Tirschenreuth bis Regensburg, von Amberg und Neumarkt bis Weiden und Cham.

Fast immer sind es die Schokoladenseiten, die zu sehen sind, nur in Spurenelementen scheinen auch die Wunden der Moderne auf. Wie in Schwandorf, der Heimatstadt von Süß, die 1945 in Schutt und Asche gebombt wurde und wo sich heute auch einfallslose Einkaufswelten und Parkplatz-Brachen dehnen.

Man kann sich kaum satt sehen

Der Film verzichtet auf Stimme und beschränkt sich auf seinen Star, die Oberpfalz. So wie eine Oberpfälzer Kartoffelsuppe nicht viel mehr braucht als gute Kartoffeln, so gibt der Film den Bildern wenig dazu, außer eingeblendete Ortsnamen und natürlich Musik, von Beethoven und Grieg zum Beispiel.

„Die Musik war das Schwierigste“, sagt Simon H. Süß. Bei seinem Kino-Erstling zahlte er Lehrgeld. Er schnitt erst die Videos, merkte dann, dass die Klassik-Sequenzen in Tempo und Länge nicht passten, und schnitt alles neu. Der Aufwand hat sich gelohnt. Die Musik, exzellent ausgewählt, trägt einen geradezu durch den Bilderrausch auf der Leinwand.

Überhaupt: Es laufen einem die Augen über, man mag sich kaum sattsehen. Ganz klar: Der Film hat auch Schwächen, was bei einem Debüt, von einem Autodidakten mit privatem Kleinbudget produziert, nicht wundert. Ein paar Wackler hat die Erstfassung noch und nach den ersten zehn Minuten fragt man sich leise, ob diese Landpartie nicht dröge wird oder gar kitschig, aber da hat man sich schon zu tief eingelassen auf die Bilder und die Musik und kommt ihnen nicht mehr aus.

Der Dom zum Brausen einer Bach-Toccata

Was den Muskeltonus hoch hält, ist außerdem das unterschwellige Wissen, dass der Höhepunkt noch kommen muss: Regensburg! Als sich die Kamera endlich über Mariaort an die Welterbestadt heranpirscht, zum Donauwalzer von Johann Strauss die Steinerne Brücke auftaucht und die Hausdächer in dramatischem Licht kussmundrot aufleuchten, mit wahnsinnig viel Glück an einem Junimorgen um sechs Uhr früh gefilmt, da ist man hin und weg. Mit dem Blick auf den Dom, zum Brausen einer Bach-Toccata, endet die Reise nach 45 Minuten.

Die Reise von Simon H. Süß dagegen dauerte Jahre. Er hat das Land zwischen Fichtelgebirge, Gäuboden, Fränkischer Schweiz und Bayerischem Wald nach Strich und Faden erkundet. In seinem klapprigen Auto fuhr er 250000 Kilometer kreuz und quer durch die Region, zu allen Jahres- und Tageszeiten. Oft wartete er nach einer unbequemen Nacht im Wagen auf das Licht am Morgen, manchmal bei minus 20 Grad, oft ohne gute Bilderernte, schildert er. „An manchen Orten war ich acht, zehn Mal.“

10000 Stunden, sagt er, hat er allein ins Buch investiert. Er hat dabei nicht nur gelernt, wie, wo und wann er die Idealszene findet, sondern auch, wie Foto-Genehmigungen funktionieren. „Man braucht von jedem Grundstückseigentümer die Erlaubnis“, erzählt er am Rand der Regensburg-Premiere. „Ich kenne jetzt wahrscheinlich jede Polizeiinspektion rundum.“

177000 Aufnahmen sind für das Buch entstanden, an die 250 wählte Süß „unter viel Herzbluten“ aus. Übrig blieb viel Videomaterial, gefilmt von Kameras, die an Drohnen montiert und über Handy zu steuern waren. Aus rund 100 Stunden Video-Aufnahmen entstand, mit Hilfe eines Profis, der Film zum Buch.

2024 erscheint ein neues Buch

Was macht nun die Faszination der Kino-Produktion aus? Wahrscheinlich ist es recht einfach: Dieser Kurztrip schenkt gute Gefühle, er beflügelt, erfrischt und entlässt einen dankbar, in der Oberpfalz zu leben. „Genau das war mein Ziel“, sagt Süß, der „Oberpfalzianer“. Im Vorspann steht: „Gewidmet allen, die sich für ihre Heimat einsetzen und dafür sorgen, dass Werte und Traditionen gelebt werden.“

Mit der Heimat ist der 30-Jährige jedenfalls noch lange nicht fertig. „Ich brauch’ noch ein paar Tage, dann hab’ ich das Material für Band zwei zusammen“, sagt er. Das neue Buch soll im Frühjahr 2024 erscheinen. „Es wird nicht das letzte sein“, verspricht Süß. Hier geht’s schließlich um das Bild von der Oberpfalz.

Ein Überraschungserfolg

Autor: Simon Süß, 1993 in Schwandorf geboren, studierte Geschichte und Politik an der Uni Regensburg. Fotografieren und Filmen brachte er sich bei Kursen und learning by doing bei.

Buch: „Die Oberpfalz“ (Verlag Friedrich Pustet, in Kooperation Morsbach-Verlag) wurde 2022 zum Überraschungserfolg. Das Buch (272 Seiten, Hardcover, mit Texten von Manfred Knedlik und Alfred Wolfsteiner) kostet 49,95 Euro.

Kino: „Die Oberpfalz – Der Film“ (45 Minuten) läuft aktuell im Kino Andreasstadel Regensburg.

Ein „Oberpfalzianer“: Simon H. Süß Foto: privat
Gespiegelt vom Wasser: Schloss Neunburg vorm Wald Foto: Simon H. Süß
Die Oberpfalz in schönstem Licht: Hier Laaber mit Burgruine Foto: Simon H. Süß
Die Kapelle auf dem Blümelberg bei Holzheim am Forst im Landkreis Regensburg Foto: Simon H. Süß