Die vorerst letzte letzte Reise Chateaubriands und Napoleons in Waldmünchen

Der Ritterschlag ist schon erfolgt, dabei fällt der letzte Vorhang erst an diesem Dienstag. Es ist einer aus sehr berufenem Munde, gilt der hochdatierte Jurist Patrick de Fontbressin doch als fundierter Theaterkenner. „Meisterhaft“, sagt der Pariser über Monsieurs Chateaubriands letzte Reise. Eine Rezension, die Folgen haben könnte – und nicht das einzige Lob eins Franzosen ist.
Ein Stück über zwei große Franzosen in einem kleinen Oberpfälzer Städtchen, ein Wagnis? Durchaus, aber ein gelungenes. Diese Feststellung darf schon vor der letzten datierten Aufführung getroffen werden. Zitieren wir Patrick de Fontbressin, der das Werk „zwischen Brecht und Ionesco“ einordnet, der findet, dass die Brücke zwischen ernsthaft und poetisch perfekt geschlagen wurde.
Lob für Autor Setzwein
Bernhard Setzwein bescheinigt er, sowohl Themen als auch Persönlichkeiten „intelligent und sensibel“ angegangen zu sein und die Botschaft wohl und schön verpackt zu haben. Aus seiner Sicht meisterhaft ist die Gegenüberstellung Chateaubriands mit Napoleon, zeitloses Symbol eines Machtmenschen (es geht um Auswüchse der Macht), und Chateaubriands. Der Poesie, Phantasie und die Macht der Worte verkörpere. Im Stück sagt er: „Ich kommandiere Verben und Substantive.“
Humorvoll, philosophisch, zeitlos. Keine Frage. Die französischen Gäste sind begeistert.
Napoleon oder Putin?
Was Setzweins Werk bedeutsam macht: Es geht um die (zeitlosen) Auswüchse von Macht. „Statt Napoleon könnte man sich auch Putin denken.“ Sein letzes „großes Bravo“ gilt der Inszenierung – einem Urteil, dem sich Nicolas Schneegans, Apotheker aus Combourg, nur allzu gerne anschließt. Ihm gefielen die humoristischen Einschnitte und der surreale Eindruck. Sein Fazit ist zugleich ein Wunsch: „Es wäre schön, das Stück in Combourg aufzuführen.“
Viel Engagement nötig
Das würde sich auch Martina Mathes wünschen, die in den vergangenen Wochen und Monaten derart von dem Projekt in Beschlag genommen wurde, als dass sie Chateaubriand , Napoleon und Co. in den Schlaf verfolgt worden sein dürfte. Unter dem Strich – und das sei das einzige, das letztlich zähle – habe sich der Aufwand gelohnt: Waldmünchen hat – Heinrich Eibers Vermächtnis gemäß – ein eigenes, zweites Theaterstück.
„Der Aufwand hat sich gelohnt“, bilanziert die francophile Ehrenbürgerin, für die sich das Projekt in ihre Lebenserfahrung einreiht: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. „Und hier haben wir gewonnen.“
An kultureller Ausstrahlung gewonnen
Aus mehreren Gründen und an erster Stelle Waldmünchen, weil es an kultureller Ausstrahlungskraft einmal (mehr) zugelegt und sogar internationales Renommee erfahren habe. Weil die Laiendarsteller aus Reihen des Trenckvereins auf einmal Teil wurden in einem besonderen Entstehungsprozess. Den Martina Mathes selbst auch als herausragend beschreibt. Eindrücke, Gespräche, Überlegungen, Blicke hinter die Kulissen: Es gibt keinen Moment, keinen Eindruck, den sie missen möchte.
Zurück zu den Franzosen. Anne-Marie Biedermann gehört der Besuchergruppe aus Combourg, die das Stück am Jubiläumswochenende besucht hat. „Ich habe nicht alles verstanden, aber die Atmosphäre hat mich vom ersten Moment an berührt“, sagt sie.
„Geniales Bühnenbild“
Hinzu komme die super Idee, die Geschichte genau so zu erzählen, das „geniale und lebende Bühnenbild“ mit den wartenden Seelen. Der Gedanke, dass, wer Böses getan hat, reinkarniert werden muss. Dazu Wortgefechte, Gegenüberstellung, Spannungsbögen, „das passt“. Sie sieht Napoleon und Chateaubriand auf einer Waage, „ein reizvoller Gedanke“.
Bemerkenswert in ihren Augen das Ende, dessen Inhalt mit einer Ausnahme (Napoleon wird ein bemerkenswertes Schicksal ereilen) nicht verraten wird. Dafür aber dessen Botschaft: Der Sieg des Guten und der Hoffnung. „der Geist der Bösen wir besiegt vom Geiste Chateaubriands“.
Ein guter Freund
Auch Marc Bouvet ist Franzose, er hat das Setzwein-Stück in seine Muttersprache übersetzt. Zum einen – hochwertig gestaltet – als Geschenk für Waldmünchens Partnerstadt Combourg aus Anlass deren 30-jährigen Bestehens. Zum anderen, um dem Stück und der Idee die Chance zu geben, im Nachbarland aufgeführt zu werden.
Die Hürden des Übersetzers
„Nein, schwierig war‘s nicht“, verrät er. Die Wortspiele und mancher Hintersinn allerdings, sie seien herausfordernd gewesen. Hintergrund: Ein Witz, wörtlich übersetzt, muss in einer anderen Sprache noch lange nicht funktionieren. Er glaubt, mit seiner Übersetzung dem Setzwein‘schen Original sehr treu geblieben zu sein. In dem Zusammenhang sicher ein Vorteil, dass die beiden Männer schon lange Freunde sind. Und sich lesen können, hat der Franzose doch schon bei Stücken des Waldmünchner Autors Regie geführt.
Bouvet hat sich vorbereitet, Chateaubriands Memoiren gelesen. „Es war interessant, ihn kennenzulernen“, sagt der Schauspieler und Regisseur, der als Nebeneffekt seines jüngsten Besuchs in Waldmünchen „den Geist einer sehr schönen Partnerschaft“ und viele berührende Freundschaften erlebt hat.
Lesen Sie hier: Ein Autor und seine Heimat
Dass Napoleon von Setzwein überzeichnet, mitunter an der Grenze zur Lächerlichkeit, dargestellt wird, sieht er nicht negativ. Im Gegenteil, sagt er nicht zuletzt mit Blick auf die auch in Frankreich einsetzende Ent-Mysthifizierung. Und mit Verweis auf in Kinder-Theaterstück in seiner Wahlheimat. Titel: Der Kasperl und der Kaiser; auch da komme der Imperator nicht sonderlich gut weg.
Spannender Schluss
Zum Ende auf der Bühne hat er eine eigene Sicht: Die Schlussszene habe ihn beim Zuschauen sehr berührt, gibt er gerne zu, wenngleich er sie aus dem ursprünglichen Skript anders kennt. Der ein oder andere Zuschauer mag es sich nach dem Großteil der Szenen vorstellen können.
Das neue Ende, „es ist Kunst und reizvoll“. Reizvoll, auf Französisch „attractif“– das gilt für Stück und Inszenierung. Und ist aus vielen Gründen und Perspektiven einfach und absolut Programm.
GUT ZU WISSEN
Termin: Die Aufführung am heutigen Dienstag um 21 Uhr ist die letzte von vieren. Premiere hatte das Stück am 24. Juni gefeiert.
Karten: Im Tourismusbüro Waldmünchen am Marktplatz, Telefon (09972) 30725 sowie im Netz unter www.okticket.de sind noch Restkarten erhältlich.
Hintergrund: Informationen zum Stück, zu Inhalt und Geschichte gibt es unter www.theater-waldmünchen.de



