Für zwölf Laiendarsteller begannen die Proben für „Monsieur Chateaubriands letzte Reise“

Von Petra Schoplocher · 22. Februar 2023 um 17:00

Die heiße Phase hat begonnen: Am 24. Juni feiert das Theaterstück „Monsieur Chateaubriands letzte Reise“ Premiere – inspiriert durch die Waldmünchner Geschichte, geschrieben von Bernhard Setzwein. Ein Besuch bei den ersten Proben.

Es braucht eine Menge Vorstellungskraft, zumal man diese Bilder gar nicht sehen will: Ausgemergelte Kriegsheimkehrer, verwundet, verlumpt, halb verhungert, mehr tot als lebendig. Und doch müssen sich die zwölf Waldmünchner in genau diese Menschen hineindenken. Weil Yvonne Brosch das fordert. Weil es Bernhard Setzwein so vorgesehen hat.

Der Russlandfeldzug

„Die Heimkehrer“ aus Napoleons fatalem Russlandfeldzug 1812 ist eine von drei Szenen in Setzweins Waldmünchen-Theaterstück „Monsieur Chateaubriands letzte Reise“, die neben den vier Hauptdarstellern Figuranten erfordern. Hermine Haubner hat sie aus der Spielerschar des Trencks rekrutiert. Nun hat Yvonne Brosch das erste Mal mit ihnen geprobt.

Ein wunderschönes Stück, wunderbare Kost, ihr dürft euch freuen“, weckt die Regisseurin die Neugier und präzisierte: sehr philosophisch, sehr geschichtsträchtig, sehr spannend. Und, ganz entscheidend: ein Anti-Kriegs-Stück.

Am Ufer der Lethe

Brosch führt in Geschichte und Szenerie ein: Letztere eine Zwischenwelt, der Übergang in die Ewigkeit, am Ufer der Lethe (so auch der Untertitel). Hauptaufgabe für die Waldmünchner: Wartende verkörpern, in Leinengewändern, Setzwein nennt sie Hemadlenzen. Von der düsteren Uferlandschaft aus wird alles erzählt – inklusive Chateaubriands Aufenthalt in Waldmünchen, Anlass, Dreh- und Angelpunkt für das Stück.

Brosch fordert die Schauspieler. Wie es den Kriegsteilnehmern auf ihrem unendlichen Marsch nach Hause ergangen sein könnte? Zwischen Verzweiflung und Tod, zwischen Hoffnung und Wahnsinn. Ihre Intention: Was man selbst entwickelt, kann man besser darstellen. Brosch fördert gleichermaßen („ihr könnt das!“) und nimmt Ängste: Bei aller Tiefgründigkeit gibt es humorvolle Momente.

In drei der 16 Szenen braucht es mehr als Statisten: beim Russlandfeldzug, den Mississipianern in Amerika sowie im Salon von Madame Récamier. Da sind die Frauen und Männer sprachlich gefordert. Wer was spricht, ist noch nicht klar. Brosch möchte – neben Straffungen, um mehr Dynamik zu erzeugen – die Textpassagen auf mehr Personen als vorgesehen verteilen, „sonst verhungern mir die Einzelnen“.

Setzwein hat großes Vertrauen

Was denkt der Autor über derartige „Eingriffe“? Der hat vollstes Vertrauen, hat von Anfang an eine Menge Erfahrung und praktisches Wissen seitens Brosch gespürt. „Sie geht sehr respektvoll mit meinem Text um.“ Im Gegenzug sein Vertrauensvorschuss: „Mach das, was du für richtig hältst.“

Die ersten Proben hat er wie immer ganz bewusst besucht. Für ihn bergen sie „die spannendsten Momente, wenn ausgedachte Figuren und stumme Dialoge aus meinem Kopf plötzlich lebendig und hörbar werden.“ Der Schriftsteller erlebt gerne, wie sich „alles nach und nach heraus mendelt“.

Keine Konkurrenz zum Trenck

Setzwein ist sehr angetan von den derzeit zwölf Akteuren – drei junge werden noch gesucht, hat sich am Wochenende herausgestellt. Er schlussfolgert, dassdie Trenckianersein Stück nicht als Konkurrenz sehen. „Das war mir immer sehr wichtig.“

Positiv berührt ist der Waldmünchner vom Engagement zudem, weil das Chateaubriand-Stück für jeden Einzelnen eine Zusatzbelastung ist – beim Festspiel sind sie ohnehin gefordert. Das zeuge von großer Theaterbesessenheit.

Einfach stellt sich Setzwein den Part der Mitwirkenden nicht vor, schließlich müssen sie das ganze Stück über auf der Bühne verharren. Bedeutet: dauerndes „Spiel“, auch ohne Text. Für ihn herausfordernd, „ich bin gespannt“.

Gleiches gilt für die Schauspieler, die manches Mal staunen. Etwa darüber, dass Schriftsteller und Staatsmann François René de Chateaubriand seinerzeit schon Amerika besuchte – im Jahr 1791!

Während Yvonne Brosch und „ihre“ zwölf Schauspieler versuchen, das unfassbare Grauen – es fällt der Begriff Todesmarsch – der Kriegsteilnehmer in Bilder zu packen, ist Andreas Arneth auf der Festspielbühne mit der sogenannten Bauprobe beschäftigt. Der Bühnenbildner und Theaterfachmann wird die Uferlandschaft, eine 18 Meter breite Zwischenwelt, sowie die Zille, das Schiff zwischen Dies- und Jenseits real werden lassen. Magisch hinterleuchtet, ein weißer Steg, bewusst als Fremdkörper arrangiert. Ganz wichtig ist ihm die Abgrenzung zur Trenck-Bühne, und ganz praktisch schnelle Auf- und Abbaubarkeit.

Zwei Inszenierungen im Wechsel

Das Festspiel selbst wird zu einer weiteren Herausforderung. Pferde, die auf „seiner“ Bühne zwischenzeitlich aufgaloppieren werden. Nicht nur deshalb ist der renommierte Theaterwissenschaftler beinahe froh um die schlechten Bedingungen an diesem Tag. „Mit dem Matsch hier hab‘ ich das Schlechteste wohl schon gesehen.“

Die Idee zur Inszenierung kam dem kreativen Duo Brosch/Arneth tatsächlich in Waldmünchen. Auf dem Weg zum Kohlenmeiler, da war er auf einmal da, der Nebel...

Bernhard Setzwein hat sich zum Trenck weitere Gedanken gemacht und gewisse Parallelen entdeckt. Allerdings werden es bei Chateaubriand weniger Kanonenschüsse und echtes Säbelrasseln sein, die den Platz beschallen, sondern Wortgefechte.

Der Zeitplan

Wie geht es weiter? Jeden Tag eine der drei „großen“ Szenen ist das Motto für ein verlängertes Wochenende im März. Mit den vier professionellen Hauptdarstellern hat Yvonne Brosch Proben in München angesetzt, „zusammengebaut“ wird alles an einem Endproben-Wochenende in Waldmünchen.

Festgezurrt sind mittlerweile die Aufführungstermine (24. Juni, 14. und 21. Juli , 8. August), die Homepage ist am Start –www.theater-waldmünchen.de– , begonnen hat der Kartenvorverkauf über ok-ticket. Und irgendwie steigen Spannung und Vorfreude.

Arbeiten am und mit dem Text: Auch das war beim Probenauftakt von den zwölf Waldmünchner Schauspielern schon gefragt und gefordert.
Aus der Trenck- wird eine Festspieltribüne: Andreas Arneth sorgt dafür, er hat das Bühnenbild für Monsieur Chateaubriands letzte Reise entworfen.