Paukenschlag in Wackersdorf: Pfarrer Melzl kündigt Kirche das Arbeitsverhältnis

Von Jan Lange, Martin Kellermeier · 7. August 2023 um 10:00

Wackersdorfs Pfarrer Christoph Melzl (44) hat am Samstagabend reinen Tisch gemacht: Er wird seinen Job als Pfarrer an den Nagel hängen und künftig außerhalb der Kirche arbeiten. Gründe für seinen Entschluss gibt es offenbar mehrere.

Als die Gläubigen am Samstagabend kurz vor 18 Uhr zusammen kamen, war zunächst alles wie immer. Weil aktuell die Pfarrkirche saniert wird, feierte man den Gottesdienst im benachbarten Pfarrheim. Auch der Messvorsteher war mit Pfarrvikar Pater Robin ein vertrautes Gesicht. Und selbst als Pfarrer Christoph Melzl im Chorrock und mit Stola kurz vor dem Segen den Raum betrat, ahnte wohl kaum jemand, welche Ankündigung man gleich hören würde.

Der Pfarrer sprach sogleich von einer „kurzfristigen Nachricht“, die er nun bekanntgeben möchte. „Ich bin seit längerem in einem Klärungsprozess hinsichtlich des Priesteramtes und meiner beruflichen und persönlichen Zukunft“, erklärte der Seelsorger. Er habe sich dabei fachlich begleiten lassen. „Ich bin mehr und mehr zu der Überzeugung gekommen, dass ich mich persönlich neu orientieren möchte“, sagte er.

Bitte um Verständnis für Entscheidung

Melzl habe nach eigener Aussage das Bistum vor einer Woche darüber informiert, „dass ich zum 1. September aus dem Dienst der Diözese ausscheiden möchte, um eine Tätigkeit im nichtkirchlichen Bereich aufzunehmen“. Er sei sich „bewusst, dass dies für alle überraschend und sehr kurzfristig ist“, und er bitte um Verständnis für seine Entscheidung.

Die neue Pfarreiengemeinschaft Wackersdorf-Steinberg werde dennoch wie geplant Anfang September kommen. Deren Leitung werde „bis zur Wiederbesetzung im Rahmen der Personalplanung 2024“ Pater Francis Lawrence vom Kreuzberg in Schwandorf übernehmen. Er werde dabei von Pfarrvikar Pater Robin sowie der neuen Gemeindereferentin Margaret Bayer unterstützt.

Melzl dankte für „die guten Jahre in Wackersdorf“. „Wir haben viel gelacht und manchmal vielleicht auch miteinander geweint“, beschrieb der Seelsorger seine Zeit in der Gemeinde, in der er seit Herbst 2014 wirkte. „Mir hat es am meisten gut getan, wenn wir uns emotional herzlich begegnet sind“, sagte Melzl. Er habe versucht, allen auf Augenhöhe zu begegnen.

Die Gründe für Melzls Entscheidung dürften vielfältig sein. Beobachtern seiner Gottesdienste fiel immer wieder auf, dass er sich in seinen Predigten kirchenkritisch äußerte. Erst vor wenigen Wochen nannte er im Rahmen des Freiluftgottesdienstes zum Wackersdorfer Bürgerfest die Kirche als Organisation „eine Baustelle“. Dies zeige sich durch die hohen Austrittszahlen. Melzl vermisste in diesem Zusammenhang die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Ein guter Geschäftsführer eine Firma müsse doch auch darüber nachdenken, warum es nicht läuft, meinte der Geistliche sinngemäß.

Nicht auf einer Linie mit dem Regensburger Bischof Voderholzer

Ferner bezog Melzl immer wieder klar Position, wenn es um Kirchendiskussionen ging. So outete er sich – anders als der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer – als Befürworter des Synodalen Wegs. Außerdem sprach er sich öffentlich für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und das Frauenpriestertum aus – und lag auch damit auf keiner Linie mit dem Regensburger Oberhirten. Beobachter sagen nun: Melzl seien Veränderungen zu langsam gekommen. Und womöglich vermisste er an prominenten Positionen Unterstützter für seine Ansichten.

Nun zieht er die Reißleine. „Wenn ein Lebensweg für einen nicht mehr stimmig ist, darf man einen neuen einschlagen“, sagte Melzl. Auf Nachfrage erklärte der 44-Jährige, dass er nun nach Lappersdorf im Landkreis Regensburg ziehen wird. Wenige Kilometer weiter wird er ab Oktober eine Arbeitsstelle bei einem Bildungsträger antreten. Dort werde er Unterricht geben und als Sozialarbeiter tätig sein.

Melzl will weiter an Messen teilnehmen – als einfacher Gläubiger

Der Kirche werde er auch weiter verbunden bleiben, an einen Austritt habe er nie gedacht. „Ich werde mich künftig gerne als Laie in Gottesdienste einbringen“, sagte Melzl. Seine letzte Messe als Pfarrer sollte die am Sonntag in Wackersdorf sein. Anschließend befinde er sich in Urlaub und Pater Robin werde bis Ende August als Vertretung übernehmen.

Die Gläubigen in Wackersdorf reagierten unterschiedlich auf die Ankündigung ihres scheidenden Pfarrers. Nach dem Vorabendgottesdienst tauschten sie sich vor dem Pfarrheim aus. Pfarrgemeinderatssprecher Konrad Resnikschek nannte Melzl „einen Freund“. „Mich stimmt das schon traurig. Aber ich werde ihn weiter unterstützen“, sagte er. Eine Frau, die nicht namentlich genannt werden will, meinte, dass es sich für sie angedeutet habe. „Er konnte bei seinen letzten Predigten nicht mehr geradeaus schauen.“

Auch die Chefin der CSU-Fraktion im Gemeinderat, Sabine Roidl, verfolgte mit ihrer Familie die Worte des Pfarrers: „Ich finde, das ist ein mutiger Weg. Und wir werden ihn im Gebet unterstützen.“

Bürgermeister Falter bedauert die Entscheidung

Melzl hatte zuvor auch Wackersdorfs Bürgermeister Thomas Falter (CSU) über seinen Schritt informiert. „Diese persönliche Entscheidung respektiere ich selbstverständlich“, erklärte der Rathauschef gegenüber der MZ.„Allerdings bedauere ich sie auch sehr, da ich mich persönlich und menschlich gut mit ihm verstanden habe.“

Dekan Michael Hirmer, dessen Stellvertreter und Prodekan Christoph Melzl war, gab ebenso eine Stellungnahme ab: „Diese Nachricht, dass er sein Priesteramt aufgeben wird, kam für mich völlig überraschend und aus heiterem Himmel. Mir war Christoph Melzl in seiner Aufgabe als Prodekan eine wichtige Hilfe und Stütze.“ Den Wackersdorfer Pfarrer habe er „als zuverlässigen, treusorgenden und engagierten Seelsorger kennengelernt“.

Kommentar von Redaktionsleiter Martin Kellermeier

Die Entscheidung des Wackersdorfer Pfarrers passt leider zum Zeitgeist. Immer weniger Menschen können sich mit der Kirche und ihren Werten identifizieren. Das liegt nicht nur an den Missbrauchsskandalen. Das mag auch auf die fehlenden Reformen zurückgehen. Schließlich wünschen sich immer mehr Menschen – so wie Pfarrer Melzl – auch Frauen als Priester oder die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Teile der Kirchenführung, darunter auch der Regensburger Bischof, bringt das nicht von ihrem Kurs ab. Anstatt Veränderungen auf den Weg zu bringen, verheddert man sich lieber in Diskussionen. An warnenden Ausrufezeichen fehlt es jedenfalls nicht. Die Austrittswelle ist nicht umsonst so hoch.

Kurz vor dem Ende der Vorabendmesse am Samstag machte der Seelsorger seine Entscheidung öffentlich. Foto: Lothar Prechtl