Pflegestift Waldmünchen hat ein eigenes Grab: Für ein menschenwürdiges Ende am Ende

Von Petra Schoplocher · 4. August 2023 um 19:00

Bernd und Nadine Pirner haben es schon (zu) oft erlebt: Menschen, die in anonymen Gräbern bestattet werden, weil sie keine Angehörigen haben. Auch in Waldmünchen, auch aus Reihen „ihrer“ Bewohner. Damit ist jetzt Schluss. Die Einrichtung hat eine Grabstätte gekauft. Nicht zuletzt, um damit eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

„Auch der letzte Schritt, die Beerdigung, soll würdevoll sein“, betont Pflegestift-Leiter Bernd Pirner, und schildert die Vergangenheit: „Da waren Menschen mitunter jahrelang bei uns und landen dann in einem anonymen Grab, von dem keiner weiß, wo es ist.“ Bedeutet: Mitbewohner und Mitarbeiter waren ohne Anlaufstelle, ohne Ort für Trauer oder Gedenken, „furchtbar“.

Ein Palliativ-Projekt

Durchaus selbstkritisch fügt der Chef der „Dienste für Menschen“-Einrichtungen in Waldmünchen und Furth im Wald an: „Eigentlich hätten wir da schon früher drauf kommen können.“ In der Tat aber hat es eines Palliativ-Projekts im Haus bedurft, um den Horizont entsprechend zu erweitern. Dieses hat nicht nur ihn noch sensibler gemacht für den Umgang mit Tod und Sterben im Heim.

Neuer Blick auf die Dinge

Plötzlich geraten neue Themen in den Fokus, auf andere ändert sich der Blickwinkel, veranschaulicht er. Darunter eben auch die Tatsache, dass Alleinstehende irgendwo vergraben werden. Die Erkenntnis ging sogar so weit, dass die Einrichtung eine anonym bestattete Urne exhumieren ließ, damit sie im gemeinsamen Grab eine letzte Ruhestätte findet.

Schlichter Grabstein

Vor dem Grabstein mit der schlichten Inschrift Glaube – Liebe – Hoffnung (zugleich Leitlinie des Seelsorgekonzepts) erinnern Holzkreuze an die bisher drei Verstorbenen. Ob Namen und Daten darauf zu lesen sind, durfte bis dato und darf in Zukunft jede(r) selbst entscheiden.

Dienste für Menschen

Dienste für Menschen. Dem Familienvater wird mehr und mehr bewusst, was der Unternehmensname bedeutet, einschließt und möglich macht. Der gelernte Altenpfleger kann sich zu gut an den Alltag in Heimen erinnern, in denen Sterbende eine Last waren. Sie machen mehr Arbeit; bringen Abläufe durcheinander; dazu die Auswirkungen auf die Psyche und die Angehörigen, die Zuspruch brauchen.

„Leider“ ist diese Einstellung immer noch verbreitet – abzulesen auch daran, dass Patienten in ihren letzten Tagen oder Stunden noch schnell ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Andrea Lintl kümmert sich

Das wird im Pflegestift vor allem seit sich Andrea Lintl als Fach- und Palliativkraft um diese Klienten annimmt, kümmern kann. Sie ist – Ausnahme mit Seltenheitswert – eigens dafür zusätzlich zum Pflegealltag im Dienstplan eingeteilt.

Die Grabstelle selbst, sie vermittelt gerade denen, die keine Angehörigen oder keinen Kontakt zu ihnen (mehr) haben, Sicherheit. „Weil sie wissen, wo sie eines Tages enden werden“, sagt der Einrichtungsleiter co-zufrieden, der nicht ausschließt, dass auch derjenige dort eine letzte Ruhe findet, dessen Familie weit weg wohnt.

Kommunen in der Pflicht

Dienste für Menschen. Der Name ist Programm. „Auch ein Verstorbener ist noch ein Mensch“, fasst Pirner zusammen, der für das Stift St. Georg in Furth im Wald ebenso eine Grabstelle gekauft hat. Auf große Zustimmung treffen seine Gedanken im Gesamtunternehmen, „es sieht so aus, als würde es etliche Nachahmer geben“.

Denn die Situation ist überall die gleiche: Zuständig für Verstorbene ohne Angehörige ist die Kommune, die die Kosten tragen muss. „Klar, dass es da um andere Dinge als um Abschiednehmen geht“, fügt er ohne Vorwurf und versucht emotionslos hinzu.

Betreuer sind oft „schnell weg“

Nächstes „Problem“: Ist ein Betreuer bestellt, endet dessen Arbeit mit dem Tod „ihres“ Schützlings. „Manche handhaben das auch genau so“, ergänzt Nadine Pirner aus dem Alltag. Deren Motto: „Tot und weg, das geht mich nichts mehr an.“ In und mit genau diesem Wissen versuchen die Verantwortlichen in Waldmünchen und Furth, im Vorfeld möglichst viel abzuklären. Medizinisch, aber eben auch, was die letzte Ruhestätte angeht.

Das nötige Gespür

Da kommt erneut Andrea Lintl ins Spiel, die sich die Zeit für genau diese Gespräche nehmen kann und über das nötige Gefühl für die intime und sensible Ausnahmesituationen verfügt.

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„Wirtschaftlich unsinnig“, bewertet Bernd Pirner das Gesamtpaket, der mehr denn je froh ist dass es „Dienste für Menschen und nicht Dienste fürs Konto“ heißt. Was nicht bedeutet, dass der Einrichtungsleiter nicht (auch) auf Zahlen und Bilanzen schauen muss. Das Niveau der Belegung zu halte, sei herausfordernd. Zumal Kurzzeitpflegen vor allem in der ersten Woche einen immensen Aufwand mit sich brächten, ergänzt Nadine Pirner als Pflegedienstleiterin. Sie ergänzt, dass eine Pflegegraderhöhung aktuell „wahnsinnig lang“ dauere – was im Umgang mit todkranke(n) Patienten eine Belastung sei.

Das EMASplus-Siegel

Dienste für Menschen. Dazu zählen Mitarbeiter, Kooperationspartner, Lieferanten, Kunden. Das umfasst Ökologie, Ökonomie und soziale Säulen (unabhängig überprüft unter anderem durch die strengen Kriterien des Nachhaltigkeitssiegels EMASplus), die ihren Ausfluss unter anderem in Regionalität, fairen Produkten und angemessener Bezahlung finden.

Jenseits der Zahlen

Jenseits aller Zahlen: Das Gefühl, pflegebedürftige Betroffene und ihre Angehörige gut zu betreuen und umsorgt zu haben, zähle zweifellos zu den schönsten Erfahrungen des Berufs, betont Bernd Pirner. In Waldmünchen sind auch die, die woanders keinen Platz haben oder finden, gut aufgehoben. Im Stifts-Grab, ein Ort für Trauer und Abschied, vor allem aber für Menschlichkeit.

Unikate und handbemalt: „Handschmeichler“ wie diese sollen Kranken und Angehörigen Kraft in den schweren Stunden des Abschieds geben. Foto: Pirner
Mit einem Palliativ-Projekt von Andrea Lintl, Bernd und Nadine Pirner (v.li.) begann Alles.