Singen mit der SPD, Radeln mit Söder: Landtagswahlkampf treibt ungewöhnliche Blüten

Von Christine Schröpf · 4. August 2023 um 15:00

Werben um Wählerstimmen: Die Parteien ziehen im Landtagswahlkampf alle Register. Sechs Beispiele aus den derzeit sechs im Maximilianeum vertretenen Parteien.

Die SPD im bayernweiten Umfragetief? Obendrauf noch Dauerregen, der Wähler von roten Infoständen fernhält? Der Regensburger SPD-Landtagskandidat und Wenzenbacher Bürgermeister Sebastian Koch demonstriert dieser Tage, wie man sich selbst unter widrigsten Bedingungen Beachtung verschafft: Der für ihn komponierte Wahlkampfsong „Sebastian Koch“ , der vor einer Woche online gegangen ist, wird auf sozialen Plattformen fleißig geklickt. Thorsten Loher, „The Gentleman of Guitar“, flaniert im Video singend mit dem SPD-Mann durch Regensburg, Koch lugt in einer Sequenz neben der David-Figur aus dem Goliath-Haus – und nimmt sich damit selbst auf die Schippe. Ihm ist bewusst, dass er in Regensburg aktuell neben den Konkurrenten von CSU und Grünen eher eine Außenseiterrolle spielt. „Die Bayern-SPD wird gerade nicht als Goliath wahrgenommen“, sagt er.

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Per Animation: Trällender Koch auf Wahlplakat

Pfiffig ist auch ein weiterer Instagram-Post zum Schlechtwetter, auf dem Kochs Konterfei auf einem Wahlplakat per Animation zum Leben erwacht, um „Have you ever seen the rain“ zu trällern. „Damit kommt man ins Gespräch“, begründet Koch sein buntes Wahlkampf-Portfolio. Die Jusos steuern parallel kernigere Instagram-Memes bei, auf denen Koch im SPD-Monstertruck vermeintlich das Auto des Regensburger CSU-Kandidaten Jürgen Eberwein platt walzt. „Die machen das komplett eigenständig“, stellt Koch vorsichtshalber klar.

Der SPD-Politiker ist nicht der Einzige, der im Endspurt des Landtagswahlkampfs viele Register zieht – auch die Kandidaten aller Parteien versuchen, mit ungewöhnlichen Aktionen hervorzustechen. Die CSU geht es sportlich an: Der Oberpfälzer CSU-Chef und bayerische Finanzminister Albert Füracker, der in diesem Jahr im Spontaneinsatz im Minister-Anzug schon auf 12 Meter hohen Kletterwänden zu sehen war, lädt am 1. September gemeinsam mit dem Chamer Abgeordneten Gerhard Hopp zur Radltour mit Ministerpräsident Markus Söder ein. Die eher gemütliche Route führt vom Chamer Stadtplatz nach Chamerau und endet bei Radi und Radieserln im Biergarten des Bäckerwirts. Es geht „ums Zuhören und da Sein“, sagt Hopp. Söder ist übrigens ziemlich regelmäßig auch privat mit dem Rad im Regierungsbezirk unterwegs – meist im Landkreis Neumarkt. Dort ist sein Freund Füracker daheim.

Grüner Kick zum Wahlkampfauftakt

Die Grünen kickten sich am 1. Juli auf dem Fußballplatz der Eintracht Schwandorf in den Wahlkampf: Die Landtagskandidaten spielten gegen die Bezirkstagskandidaten und siegten ohne Gegentreffer. Der Regensburger Abgeordnete Jürgen Mistol hielt als Torwart seinen Kasten sauber. Der Spaß stand so sehr im Vordergrund, dass der Grünen-Politiker im Nachhinein nicht mehr sagen kann, ob sein Team nun 5:0, 4:0 oder 3:0 gewonnen hat. Im Wahlkampf-Endspurt verspricht Mistol „auf jeden Fall“ noch Überraschungen. In früheren Jahren hatte er ordentlich vorgelegt – etwa mit einem Rezeptbücherl zu „zugewanderten“ Gemüsesorten. „Das meiste, von dem wir glauben, dass es einheimisch ist, stammt nicht von hier.“

Tobias Gotthardt von den Freien Wählern lotet aus, ob Liebe auch im Wahlkampf durch den Magen geht: Der Regensburger Landtagsabgeordnete lässt sich als Gast zu privaten Grillabenden ordern, bringt dazu gerne auch Würstl mit – vor Ort darf man ihn mit politischen Fragen löchern. „Ich möchte möglichst große Bürgernähe“, sagt er. Ab Mitte August gibt es bei einem Gewinnspiel auch täglich einen Kasten Spezi zu gewinnen, den der Freie-Wähler-Politiker persönlich vor die Haustür liefert: In die Auslosung kommt, wer in sozialen Netzwerken unter dem Hashtag „Findet Tobi“ ein Selfie mit Gotthardts Wahlplakat postet.

Glückskekse und Meterstäbe

FDP-Landtagskandidat Loi Vo spielt im Wahlkampf mit seinen asiatischen Wurzeln – er selbst ist zwar in Regensburg geboren, doch seine Eltern stammen aus Vietnam. „Glückskekse sind mir vertraut“, sagt er. Bis zur Landtagswahl am 8. Oktober will er 2500 davon unter die Leute bringen. In den Keksen stecken diverse FDP-Botschaften. Zum Beispiel: „Gelb wählen statt schwarz malen“ oder „Ein Lächeln und die Kreuzerln bei der FDP können den Tag eines Menschen erhellen“.

Der Weidener AfD-Abgeordnete Roland Magerl verteilt 1200 Meterstäbe, auf denen der Schriftzug „Nicht für linke Hände“ abgedruckt ist. Den harmlosen Spruch fänden „wirklich viele witzig“, sagt er. „Wir müssen im Wahlkampf ja nicht Öl ins Feuer gießen mit irgendwelchen blöden Provokationen.“ Die Meterstäbe finden nach seinen Worten reißenden Absatz.

Wahlkampfauftakt auf dem Fußballplatz: Bei den Grünen trat ein Team aus Landtagskandidaten gegen Bezirkstagskandidaten an. Foto: Grüne
Tobias Gotthardt (Freie Wähler) kommt zum Grillen und lässt sich mit Fragen löchern. F.: Gotthardt
Der AfD-Landtagsabgeordnete Roland Magerl versucht es mit Meterstäben, die „nicht für linke Hände“ gemacht sind. Foto: Magerl
Loi Vo bringt mit 2500 FDP-Glückskeksen seine asiatischen Wurzeln ins Spiel. F.: is