Solarpark und Windrad: Steinbruch will sich unabhängig vom Strommarkt machen

Eigentlich betreibt Hermann Trollius einen Steinbruch. Doch seit gut einem Jahr befasst sich der Unternehmer vor allem mit Energiewirtschaft. Klimawende und Ukrainekrieg haben die Stromkosten so in die Höhe getrieben, dass eine bezahlbare Energieversorgung für das Familienunternehmen in Lauterhofen zu einer Frage des Überlebens geworden ist.
Seit 81 Jahren baut Trollius Kalkstein und Dolomit ab. Auf dem rund 60 Hektar großen Gelände veredelt das Unternehmen Kalk für Produkte der Bauindustrie – wie etwa Glas, Beton und Putz – oder der Landwirtschaft – zum Beispiel zu Düngekalk. Aber auch Zahnpasta, Tabletten und Farben wird Kalk zugesetzt.
Um aus den Rohstoff aus den tonnenschweren Gesteinsbrocken zu gewinnen, braucht es grundsätzlich sehr viel Energie. „Aber im letzten Jahr sind die Strompreise explodiert. Unsere Kosten haben sich verfünffacht“, sagt Hermann Trollius.
Weil Energiemanagement schon immer eine große Rolle gespielt hat, kann der Unternehmer in einem Programm per Mausklick alle Verbräuche aufrufen. Für das Jahr 2022 zeigen die Diagramme allerdings Daten, die dem 52-Jährigen so manche schlaflose Nach beschert haben: Rund zwei Millionen Euro musste er allein für Strom ausgeben – statt der durchschnittlich 400000 Euro.
Hohe Energiekosten bedrohen den deutschen Mittelstand
Das mittelständische Unternehmen mit 85 Mitarbeitern ist ein gutes Beispiel für zahlreiche Betriebe in Deutschland, die der Energiepreisschock in die Existenznot gerieben hat: Laut einer Studie des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) sahen vergangenes Jahr 42 Prozent der befragten Firmen ihr Überleben in Gefahr.
Trollius hat deshalb sofort gehandelt: Auf zwei großen Gebäuden hat er im vergangenen Jahr Photovoltaikanlagen installieren lassen. Eine davon produziert so viel Energie wie rein rechnerisch die Vorbrecheranlage für Gestein benötigt. Doch das reicht bei weitem nicht, denn das Unternehmen verfügt derzeit über keinen festen Vertrag mit einem Energiekonzern und muss deshalb seinen Strom an der Börse, dem sogenannten Spotmarkt, zu schwankenden Preisen beziehen.
Erfahren Sie hier mehr über das Lauterhofener Unternehmen Trollius.
Hermann Trollius hat darum zusammen mit seinem kaufmännischen Leiter Christopher Knauer alle Betriebsabläufe dem Strommarkt angepasst: Energieintensive Anlagen wie der Steinbrecher laufen nur noch dann, wenn der Strompreis günstiger ist – also nicht mehr wie früher ab 7 Uhr, sondern erst gegen 10 Uhr. Wartungs- und Reinigungsarbeiten, die früher nachrangig behandelt wurden, werden jetzt vorgezogen. „Das gelingt aber nur, weil unsere Mitarbeiter äußerst flexibel sind.“
Solarpark an der B299 bei Lauterhofen geplant
Außerdem plant Hermann Trollius auf zehn Hektar Fläche einen eigenen Solarpark direkt auf der anderen Seite der B299. Derzeit lässt er die Gräben ausheben, in denen später die 20kV-Leitung verschwindet. So kann er seine Anlagen direkt mit dem Sonnenstrom betreiben, der nur einige Hundert Meter entfernt jenseits der Bundesstraße produziert wird.
Klingt einfach – ist es aber nicht. „Das ist ein langwieriger Weg“, seufzt Hermann Trollius. Ohne einen Experten als Berater an seiner Seite könnte er ihn gar nicht beschreiten, gibt er offen zu. Seine Idee, einen eigenen Solarpark zu errichten, schien schon gleich nach dem ersten Telefonat mit einem Energiekonzern zu platzen: „Es gibt keinen Einspeiseknoten ins Stromnetz“, hieß es da. Ein Problem, an dem derzeit viele Pläne für Solarparks und Windräder scheitern. Die Infrastruktur fehlt.
„Ich will, dass unser Unternehmen langfristig energieunabhängig ist.“ Hermann Trollius, Geschäftsführer
Zum Glück komme ihm eine Regelung zugute, nach der Firmen Strom direkt nutzen können, wenn dieser in unmittelbarer Nähe produziert wird. Zwei Flächen auf der Straßenseite gegenüber hätten ihm bereits gehört. Weitere habe er kaufen können. Pachten kam für ihn nicht infrage: „Ich will, dass unser Unternehmen langfristig energieunabhängig ist.“
Aus diesem Grund trägt er sich mit dem Gedanken, ein Windrad zu bauen. Denn der Ertrag von zwölf Megawatt pro Jahr aus dem Solarpark deckt bei weitem nicht den Bedarf des Unternehmens. Der liege insgesamt inklusive Brennstoffe etc. bei rund 84 Millionen kW/h, rechnet Trollius vor. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa der Menge von 21000 Einfamilienhäusern.
Grüner Strom soll Trollius CO2-neutral machen
Der Energiebedarf ist das eine – das Ziel, klimaneutral zu werden, das andere. Nicht nur wegen der CO2-Steuer, sondern auch, weil Trollius das Familienunternehmen an die nächste, die vierte Generation weitergeben will. „Wir brauchen grünen Strom, um CO2-neutral zu werden“, sagt Trollius. Nur deshalb hat sich die Firmenleitung zu den enormen Investitionen entschieden.
Obwohl der Staat dafür keinerlei finanzielle Förderungen vorsehe, sagt Prokurist Christopher Knauer. „Die Firmen müssen komplett in Vorleistung gehen.“ Doch die Energiekosten entschieden heute darüber, ob ein Unternehmen wettbewerbsfähig bleibe oder nicht. Die Mehrkosten für teuren Strom ließen sich nur bedingt auf die Produkte umlegen und an den Kunden weiterreichen, so der kaufmännische Leiter.
Allein für die Freiflächenphotovoltaikanlage rechnet Hermann Trollius mit sieben bis acht Millionen Euro. Leistungsstarke Batteriespeicher sollen dafür sorgen, dass die Anlagen auch nachts und bei schlechtem Wetter mit grünem Strom gespeist werden.
Geld und Zeit kosten auch die Genehmigungsverfahren, zu denen beispielsweise ein artenschutzrechtliches Gutachten gehört. Letzteres hat vier Feldlerchenpaare ausfindig gemacht, weshalb zwei der zehn Hektar als Ausgleichsfläche unbebaut bleiben müssen.
„Aber das ist völlig in Ordnung“, sagt Trollius. Umweltschutz, das Denken in Kreisläufen und Recycling seien für ihn schon immer wichtig gewesen. Auch der Steinbruch werde so ressourcenschonend wie möglich betrieben. Heute würden von einem Kubikmeter Gestein rund 98 Prozent genutzt und verarbeitet.
Auch die Artenvielfalt hat Trollius im Blick: Kröten, Turmfalken und der Uhu tummeln sich in Lauterhofen. In dem Steinbruch in Hörmannsdorf, den Trollius 2001 dazugekauft hat, ließ er den streng geschützten Gelben Frauenschuh umpflanzen. Dafür erhielt er zusammen mit seiner Frau Ulrike beim Nachhaltigkeitswettbewerb des Europäischen Gesteinsverbands 2022 den ersten Preis in der Kategorie „Biodiversität“.
Recycling: Aus Holzasche wertvollen Dünger gewinnen
Außerdem bereitet Trollius Holzasche auf, um Phosphat und Kali zu gewinnen, die in Düngemitteln verwendet werden. Auch dafür wurde die Firma 2019 mit dem Nachhaltigkeitspreis des MIRO Bundesverbands Mineralische Rohstoffe ausgezeichnet.
Die drei Firmenfahrzeuge fahren inzwischen elektrisch, bis die Lkw-Flotte CO2-neutral unterwegs ist, werde es noch einige Jahre dauern, vermutet Knauer. Das werde wohl ohne den Einsatz von Wasserstoff nicht möglich sein.
All diese kostenintensiven Investitionen und Veränderungen stehen allerdings einem volatilen Marktgeschehen gegenüber: Die Stahlindustrie drosselt ihre Produktion, steigende Zinsen und Materialpreise lassen die Baubranche einbrechen, Landwirte müssen aufgrund sinkender Einnahmen ihre Ausgaben für Düngemittel eindämmen. „Trotzdem. Ich bin ein Mensch, der positiv denkt“, sagt Hermann Trollius. Das Unternehmen habe erfolgreiche Jahre hinter sich und sei gut aufgestellt. „Aus einer Krise kann man auch gestärkt hervorgehen.“






