Matthias Evert leitet das Institut für Pathologie – Obduktionen sind nur ein Teil seiner Arbeit

Mitten auf Matthias Everts Schreibtischs steht ein großes Mikroskop. „Meine Hauptwaffe“, sagt der Professor, der das Institut für Pathologie der Universität Regensburg seit 2015 leitet. Ebenso wie seine Kollegen verbringt Evert mehrere Stunden täglich damit, durch die beiden Okulare zu blicken. Auf den Objektträgern liegen dabei Proben, die vom Abstrich einzelner Zellen bis hin zur Gewebeprobe eines ganzen Organs reichen.
„Diese Untersuchungen sind unser Hauptaugenmerk“, erklärt er, „jährlich mikroskopieren wir bis zu 45000 Proben.“ Für den Laien mag diese Aussage überraschend klingen – denkt man bei der Pathologie vermutlich zunächst an die Obduktion von Verstorbenen auf Seziertischen aus Edelstahl.
Doch wie Evert erklärt, mache die Sektion von Toten nur einen Teil seiner Arbeit aus. „Ein Pathologe ist etwas anderes als der Gerichtsmediziner, den man aus Fernsehfilmen wie dem Tatort kennt“, sagt er. Während der Gerichtsmediziner einen medizinischen Sachverhalt auf rechtlicher Ebene kläre, verfolgt der Pathologe das Ziel, Erkrankungsfälle einzuordnen.
Erklärungen hinter den Krankheiten finden
Übersetzt bedeute Pathologie „Lehre des Leidens“, fügt Evert hinzu. Es gehe darum, Erklärungen hinter den Krankheiten zu finden. „Jeder entfernte Blinddarm, jede bei Kindern entfernte Mandel und jede Gallenblase kommt zur Untersuchung zu uns“, sagt er. Bis die Gallenblase bei ihm unter dem Mikroskop landet, hat das Schnittpräparat allerdings schon einen weiten Weg hinter sich – denn um eine Probe für die Untersuchung brauchbar zu machen, muss sie von den Medizinisch-Technischen Assistenten am Institut aufwendig aufbereitet werden.
Die Auswertung gleicht dann nicht selten einem Wettlauf gegen die Zeit. „Bei schwer kranken Patienten, bei deren Krankheitsbild noch vieles unklar ist, müssen wir das Rätsel möglichst schnell lösen, damit die passenden Therapien eingeleitet werden können“, sagt der Pathologe.
Ein guter Pathologe muss mutig sein
Doch um Proben unter dem Mikroskop richtig deuten zu können, sei viel Fachwissen nötig. „Die Facharztausbildung zum Pathologen dauert sechs Jahre. Es gibt keine, die länger ist“, erklärt er. Neben einem gewissen Talent zum Mikroskopieren brauche ein guter Pathologe aber noch eine weitere Eigenschaft – und zwar Mut. „Befunde lassen sich auf verschiedene Arten interpretieren. Da muss man mutig sein und sich festlegen können. Wenn man dazu neigt, möglichst vorsichtig zu sein, bringt das nicht immer das beste Ergebnis.“
Generell habe sich der Beruf im Laufe der Zeit verändert, stellt Evert fest. Am Universitätsklinikum Regensburg gehöre beispielsweise auch die Teilnahme an interdisziplinären Konferenzen und den sogenannten Tumorboards zu seinen Aufgaben. Bei diesen Fallbesprechungen, bei denen verschiedenste Fachärzte zusammenkommen, müsse man sich gut ausdrücken können. „Es ist ja schon ein etwas spezieller Beruf. Früher saßen die Pathologen nur im Keller und waren vielleicht etwas skurriler und exotischer als die Kollegen, die mit weißem Kittel auf die Station gegangen sind. Aber das hat sich geändert.“
Wie anonym ist der Patient hinter der Probe?
Weg von seinem Schreibtisch führt der Professor, der im Übrigen auch mit Forschung und Lehre betraut ist, schließlich durch das restliche Institut. Bei Vollbesetzung arbeiten hier zehn Fachärzte, sechs Ärzte in Weiterbildung und zahlreiche weitere Mitarbeiter, die sich unter anderem um die Aufbereitung der etwa 200 Proben kümmern, die täglich dort eintreffen.
Ob man bei einer so großen Anzahl an kleinen Pröbchen noch den Patienten dahinter sehe? „Wir bekommen nur bestimmte Daten. Ansonsten sind die Menschen für uns ziemlich anonym“, sagt Evert. Das hieße aber nicht, dass man bei tragischen Schicksalen nicht mitfühlen würde. „Ich tue alles für die Patienten. Dazu brauche ich keinen direkten Kontakt“, sagt er.
Obduktionen liefern Erklärungen - doch es gibt zu wenige
Am Ende des Rundgangs ist der Professor dort angekommen, wo ihn die meisten Menschen wohl durchgehend verorten würden: im Obduktionssaal. Der geflieste Raum ist leer, nur ein wenig Operationsbesteck ist zu sehen. „Wir obduzieren viel zu wenig“, sagt er.
Wie bei der Organspende gelte auch für Obduktionen in Deutschland die Zustimmungslösung, erklärt er – und gerade aus dem Umfeld der Verstorbenen kämen häufig Vorbehalte. „Dabei können Obduktionen Erklärungen liefern. Nicht nur für Ärzte, sondern auch für Angehörige“, sagt er. Dem Pathologen ist es ein Anliegen, die Bedenken zu nehmen: „Wir arbeiten höchst pietätvoll. Niemand würde später erkennen, dass an dem Toten im Sarg eine Obduktion durchgeführt worden ist.“
Info: Molekularpathologie - Was ist das?
Analyse: Am Institut für Pathologie können Proben auch auf molekularer Ebene analysiert werden. Aktuell werden pro Jahr etwa 3000 Fälle, die teilweise auch von anderen Instituten kommen, mit Hilfe dieser modernen Methodik untersucht.
Einsatz: Der Nachweis genetischer Veränderungen kann nötig sein, um Erkrankungen exakt zu bestimmen und findet beispielsweise in der Tumordiagnostik Anwendung. Auch, um Erkrankungen ganz gezielt und personalisiert mit Medikamenten behandeln zu können, kann eine Analyse auf molekularer Ebene sinnvoll sein.

