Partnerstadt Odessa unter Beschuss: Bomben auf Regensburger Hilfsorganisation

Von Christian Eckl · 25. Juli 2023 um 12:00

Regensburgs Partnerstadt steht unter russischem Beschuss. Auch die Regensburger Hilfsorganisation Space Eye ist schwer getroffen. Eine in Regensburg lebende Ärztin aus Odessa sagt: „Es ist einfach nur schrecklich.“

Blankes Entsetzen über die schweren Bombenangriffe auf Regensburgs Partnerstadt: Aggressor Russland hat nach der Aufkündigung des Getreideabkommens, das die Stadt am Schwarzen Meer besonders hart trifft, seinen Angriffskrieg auf Zivilisten und wertvolle Kulturgüter fortgesetzt. Regensburgs Stadtoberhaupt Gertrud Maltz-Schwarzfischer verurteilt das unmenschliche Vorgehen scharf. Auch Regensburger Organisationen sind betroffen.

„Seit sechs Tagen fliegen Bomben auf meine Heimatstadt“, sagt Iryna Markokovska. Sie stammt aus Odessa, lebt derzeit in Regensburg, lernt Deutsch, um als Notärztin hier arbeiten zu können. Ihre Mutter ist Militärärztin und ist derzeit im Rahmen der Gegenoffensive im Donbass, einer der von Russland völkerrechtswidrig annektierten Regionen im Osten des Landes. „Mein Vater und mein Bruder sind noch in Odessa, ihre Wohnung ist im achten Stock eines Hochhauses, das ist sehr gefährlich“, so die Medizinerin. Sie selbst arbeitete im Ambulanzteam zu Beginn des Krieges, als die ersten Raketen auf Odessa abgefeuert wurden. „Die Bilder aus meiner Heimat, sie sind einfach nur schrecklich“, sagt sie.

Bomben auf Odessa: „Die Bilder sind schrecklich“

Der ebenfalls aus der Ukraine stammende Regensburger Mediziner Borys Frankewycz sagt, die von Regensburger Ärzten unterstützte Organisation AG Ukrainehilfe unterstütze nach wie vor Kliniken in der Ukraine, darunter auch in Odessa, mit Sach- und Geldspenden.

„Das wichtigste ist: Wir haben überlebt und wir werden das überleben“, sagt der in Odessa lebende Journalist Ugo Poletti am Montag nach den Angriffen zur MZ. Bilder der teilweise eingestürzten Kathedrale von Odessa gingen um die Welt. „Die letzten Tage waren die Schlimmsten seit Beginn des Krieges“, sagt der Journalist. „Zuerst bombardierten die Russen den Hafen und zerstörten zwei Regierungsgebäude. Unter Feuer verlor ein Mann sein Leben“, so Poletti. „Das Schlimmste aber war der Sonntagmorgen, als zahlreiche Raketen das historische Zentrum trafen und in das Dach der orthodoxen Kathedrale einschlugen.“ Laut Poletti seien 25 Prozent des Gebäudes zerstört worden. Die Unesco erklärte noch im Januar 2023 die Altstadt von Odessa zum Weltkulturerbe.

Auch die Hilfsorganisation Space Eye musste Schäden an ihren Einrichtungen vor Ort hinnehmen. Der Regensburger Michael Buschheuer sagte: „Unsere Verteilstation und unser Lager liegt etwa 150 Meter vom zentralen Einschlag in der Kathedrale entfernt.“

Bilder, die Buschheuer zur Verfügung stellt, zeigen schwere Schäden. „Wir können zwar unsere Hilfslieferungen aufrechterhalten, aber wir sind sehr stark gemeinsam betroffen“, so Buschheuer. Der Leiter der Station von Space Eye, Kyrill Bondarenko, sagte: „Wir verteilen hier jede Woche 200 bis 500 Pakete mit Essen und Medizin.“ Bodarenko rief zu Spenden auf, um die Schäden zu reparieren und die weitere Versorgung zu sichern.

Regensburgs Oberbürgermeisterin ist entsetzt über die Ereignisse in der Partnerstadt. „Die massiven Angriffe auf Odessa lassen uns Regensburgerinnen und Regensburger die Grausamkeit des Krieges in der Ukraine in diesen Tagen noch intensiver spüren“, so die SPD-Politikerin. Gerade die Angriffe auf die Hafeninfrastruktur und Getreidelager hätten nicht nur Auswirkungen auf die Partnerstadt und die gesamte Ukraine, sondern machten noch einmal die internationale Dimension der russischen Aggression deutlich.

Odessa als zentrale Hafenstadt der Ukraine strategisches Angriffsziel von Putins

„Ich hoffe zutiefst, dass auf Vermittlung der Türkei doch noch über eine Fortsetzung des Getreideabkommens verhandelt werden kann“, sagte Maltz-Schwarzfischer zur MZ. „Andernfalls steht zu befürchten, dass Odessa als zentrale Hafenstadt der Ukraine weiterhin strategisches Angriffsziel Putins sein wird.“ Die SPD-Politikerin fasst die Lage so zusammen: „Niemand möchte sich vorstellen, was das für unsere Freundinnen und Freunde in Odessa bedeutet. Die Bedrohung für unsere Partnerstadt ist aktuell leider größer denn je.“

Schon vor, aber auch während des Krieges halten Mitarbeiter der Regensburger Stadtverwaltung engen Kontakt zu ihren Kollegen nach Odessa. Dabei spielt beispielsweise auch der neue Status als Welterbe eine Rolle, an einer Konferenz nahmen Vertreter der Partnerstadt per Videoschalte teil. Die Abteilung Welterbekoordination des Amtes für kulturelles Erbe der Stadt Regensburg unterstütze die Kollegen in Odessa im Rahmen von Videokonferenzen bei der Entwicklung eines Unesco-Management-Plans und tausche sich zur Einrichtung von Pufferzonen aus, heißt es von der Stadt.

Außerdem werde aktuell der Besuch einer Kindergruppe aus der kriegsgebeutelten Partnerstadt bei Mini Regensburg organisiert, „um eine kleine Ferienauszeit auch in dieser schwierigen Zeit möglich zu machen“, teilte eine Sprecherin mit. Die Gruppe werde voraussichtlich am 6. August in Regensburg ankommen und zehn Tage bleiben. Die Stadt Regensburg übernimmt Reise- und Aufenthaltskosten.

Raketenteile fallen herab

„Bei den Luftangriffen in den vergangenen Tagen handelt es sich um die stärksten Attacken seit Kriegsbeginn. Insbesondere die massiven Angriffe auf den Hafen bereiten große Sorge“, sagte eine Stadtsprecherin. Obwohl die Luftabwehrsysteme sehr gut funktionieren und die meisten Raketen abgefangen werden können, kommt es zu Schäden durch herabfallende Raketenteile und die starken Druckwellen, schilderten die Kollegen im Rathaus von Odessa.

Die aus Odessa stammende und in Regensburg lebende Notärztin Iryna Markokovska schildert die Lage.
Die Fahne von Odessa weht am Amtssitz der Oberbürgermeisterin im Alten Rathaus. Foto: Eckl
Bilder aus Odessa zeigen Zerstörungen in der Zentrale von Space Eye. Foto: Space Eye