Borkenkäfer-Alarm im Landkreis Neumarkt: „Bekommen im Wald eine Katastrophe“

Von Heidi Bauer · 22. Juli 2023 um 09:30

Waldbesitzervereinigungen, Bauerverband, Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie Forstbetriebe warnen: Die Borkenkäfer sind zum zweiten Mal im Anflug und bohren sich ein. Im Landkreis Neumarkt droht ein großflächiger Verlust weiterer Fichtenbestände. Ist der Wald noch zu retten?

„Wir bekommen im Wald eine Katastrophe“, fürchtet der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), Michael Gruber. In einem Waldstück bei Günching ist er in diesen Tagen dabei, „Käferbäume“ zu entfernen: Fichten, die vom Borkenkäfer befallen sind. Fünf Stämme liegen bereits auf seinem Anhänger und Gruber legt mit seiner Motorsäge gerade Hand an einem weiteren an.

Er wirkt aufgebracht. Zwar sei der Boden in dem Waldstück gut und er, Gruber, setze schon seit Jahren auf Mischwald mit Laub- und Nadelbäumen und wenigen Fichten, „aber wenn ihnen wie jetzt mit der Trockenheit das Wasser ausgeht, packt‘s der Käfer. Wir müssen schauen, dass wir jedes Nest so schnell wie möglich rausbekommen.“

Waldbesitzer müssen jetzt besonders wachsam sein

In Traunfeld ist aus diesem Grund am Freitagfrüh ein Harvester im Einsatz, der einen ganzen Bestand rodet. Waldbesitzervereinigungen (WBV), das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) sowie die Forstbetriebe Kelheim und Allersberg der Bayerischen Staatsforsten schlagen Alarm: Bei der Fichte fliegt jetzt die erste Jungkäfergeneration und bohrt sich ein. In dieser Woche hat sich die Situation dramatisch verschärft.

Waldbesitzer sollten jetzt wachsam sein und jedes Nest so schnell wie möglich entfernen, warnen AELF-Leiter Harald Gebhardt und Horst Dieter Fuhrmann vom Fachbereich Forsten. Ein weiterer Käferanflug wäre fatal und würde das Aus für weitere Fichtenbestände bedeuten.

Doch auch Eschen, Buchen und Kiefern macht die Trockenheit zunehmend zu schaffen: So befällt die geschwächten Kiefern nun häufig Kiefernnadelbräune, ein Nadelpilz, oder die Mistel, die ein Parasit ist. Auch der Kiefernprachtkäfer wird für die gestressten Bäume schnell zum Aggressor.

Das Ökosystem Wald kämpft zur Zeit mit einer Vielzahl und einer großen Vielfalt an Schwierigkeiten. Eine Waldfläche von rund 49000 Hektar gibt es im Landkreis Neumarkt und rund 13000 Waldbesitzer. Sie alle treiben die gleichen Sorgen um. Auch in den Staatsforsten ist die Lage angespannt, lassen Sabine Bichlmaier (Forstbetrieb Kelheim) und Harald Schiller (Forstbetrieb Allersberg) wissen.

Junge Bäume in Neuaufforstungen vertrocknen bei der Hitze

Die einzige Lösung: „Wir müssen das Ökosystem Wald breiter, risikoärmer aufstellen“, sagt AELF-Leiter Gebhardt: ein schnellstmöglicher Umbau zu mehr Mischwald mit hitzeresistenteren Baumarten, die gleichzeitig andere nicht verdrängen. Das betonen auch die Geschäftsführer der WBVs, Daniel Rübens (Berching-Neumarkt) und Alois Meier (Parsberg).

Doch lässt sich das nicht ganz so einfach verwirklichen, denn gerade jungen Bäumen setzt die Hitze extrem zu. Das zeigt sich, als Rübens Bestandsaufnahme auf einem Waldstück bei Leutenbach macht, das mit jungen Bäumen – Vogelkirsche, Eiche, Eibe und anderen – komplett neu aufgeforstet wurde. Die Bilanz fällt mager aus: Durch die hohen Temperaturen und den schützenden Schatten alter Bäume sind viele Setzlinge verdörrt.

Waldbesitzern entstehen enorme Schäden

Ähnlich ist die Situation im Raum Parsberg, berichtet der dortige WBV-Geschäftsführer Meier: „Die frisch gepflanzten Kulturen sind ziemlich am Ende. “ Auch die nährstoffreichen Lehmböden auf dem Jura schwinden durch die Hitze, die feinen Wurzeln der jungen Setzlinge reißen ab und diese vertrocknen.

„Den Waldbesitzern entstehen so enorme wirtschaftliche Schäden“, weiß Rübens. Eine Wiederaufforstung kann bis zu 10000 Euro pro Hektar kosten: „Vertrocknet sie, hat der Waldbesitzer das Geld buchstäblich in den Boden gesteckt.“

Waldflächen müssen ausgelichtet und „umgebaut“ werden

Die Bäume zu bewässern, ist weder eine praktikable noch finanzierbare Lösung: „Wir bräuchten 300 Milliarden Liter Wasser, um das zu kompensieren, was nicht auf Wiesen, Äcker und Wälder fällt“, ergänzt Gebhardt vom AELF.

Vielmehr müssten die Waldbesitzer langfristig denken und vorbeugen, so Rübens. Das bedeutet: Auf Waldstücken mit „Überbestockung“ – also zu vielen Bäumen, „die Zahl der Stämme reduzieren“ und auf Mischwald sowie Bäume zu setzen, die tiefer wurzeln.

Werden Waldflächen fortlaufend ausgelichtet, so verjüngen sie sich natürlich – von selbst, sagt auch BBV-Obmann Gruber und verweist mit Stolz auf einen Bereich in seinem Wald bei Günching, wo kleine, inzwischen etwa 20 Zentimeter hohe Tannen und Eichen ganz ohne menschliches Zutun aufgegangen sind. Das Blätterdach der alten Laubbäume schützt sie vor Sonne und Hitze, lässt aber genügend Licht durch, dass sie wachsen können.

Die kleinen Sämlinge sind ein Leckerbissen fürs Wild

Doch hier sieht sich der Waldbesitzer einem weiteren Problem gegenüber: Die zarten Sämlinge sind ein Leckerbissen fürs Wild. Deswegen hat Gruber nun einen Zaun um die Schonung gezogen. „Eine natürliche Waldverjüngung kann nur im Einvernehmen mit den Jägern funktionieren“, sagt er.

Der Parsberger WBV-Geschäftsfüherer Meier sagt klar: „Wir müssen den Wildbestand auf ein Niveau bringen, dass sich die Bäume aussamen können und nicht weggefressen werden.“ Klar ist für ihn auch, dass man beim Waldumbau auf die mehr als 30 heimischen Baumarten setzen sollte: „Wir haben ein so großes, natürliches Potential, das wir nutzen sollten. Dann hat der Wald in unserer Region gute Chancen.“

Von der Fichte, die als „Brotbaum“ rund 85 Prozent der Vermarktungsware ausmacht, werde man sich aber langfristig verabschieden müssen, glaubt BBV-Obmann Gruber. Er appelliert eindringlich, sorgsam mit dem Wald umzugehen: „Wir brauchen den Wald als Wasserspeicher.“

Organisation startet Projekt in Mühlhausen

Waldbesitzern beim Waldumbau unter die Arme greifen will die gemeinnützige Organisation „Tree Planting Projects“ (TPP). Ein Projekt bei Mühlhausen nimmt inzwischen Formen an, wie der Flächenbetreuer für die Region Neumarkt, Marlon Schäfer informiert. Für Fragen steht er als Ansprechpartner zur Verfügung (Telefon 0151/61656468, Mail: marlon.schaefer@treeplantingprojects.com.

Harz und Bohrmehl deuten auf den Befall von Borkenkäfern hin.
Diese kleine Eiche auf einem neu gepflanzten Waldstück bei Leutenbach ist durch die Hitze vertrocknet.