Autoindustrie im Umbruch: Firmen aus dem Landkreis Neumarkt sehen ihre Chance

Von Wolfgang Endlein · 27. Juli 2023 um 19:00

Der Umstieg von Verbrennungsmotoren auf E-Antriebe unterwirft Autohersteller und Zulieferbetriebe großen Veränderungen. Das hat Nachteile – aber auch Vorteile, sagen Unternehmen wie Bock und Siebenwurst im Landkreis Neumarkt.

Wie viele Arbeitsplätze im Landkreis genau an der Automobilindustrie hängen, darüber gibt es keine Zahlen. In der Metropolregion Nürnberg, zu der auch der Landkreis gehört, sollen es rund 100.000 Menschen sein. Zulieferfirmen im Landkreis sind beispielsweise die Koller Gruppe aus Dietfurt, die Neumarkter TR Plast Group und der Neumarkter Ableger des weltweit agierenden Unternehmens Aptiv.

Spannend sind zwei weitere Firmen: Die Bock 1 GmbH aus Postbauer-Heng und die Siebenwurst GmbH aus Dietfurt. Spannend deswegen, weil sie in gewisser Weise gegensätzlich in die Transformation starten und damit umgehen.

Siebenwurst hat Stellenabbau hinter sich, Bock steht er noch bevor

Bock hat rund 2000 Mitarbeiter, 850 davon im Werk in Postbauer-Heng. Siebenwurst zählt rund 700 Mitarbeiter, 300 davon in Dietfurt. Während Bock etwa zehn Prozent seines nicht näher bezifferten Gesamtumsatzes mit dem Automobilbereich verdient, sind es bei Siebenwurst 85 Prozent des jährlichen Umsatzes von rund 42 Millionen Euro.

Beide Firmen eint jedoch, dass sie schwierige wirtschaftliche Phasen durchlebt haben oder gerade durchleben. Siebenwurst entließ 2021 20 Mitarbeiter. Bock will aktuell 22 Stellen auflösen. Beide haben zudem gemeinsam, dass sie den Umbruch durchaus als Chance sehen – allen Ungewissheiten zum Trotz.

Doch wie spüren die Firmen den Wandel in der Branche überhaupt? Bei Bock stelle man fest, dass die Autohersteller nicht mehr groß durch Verbrennungsmotoren betriebene Fahrzeuge entwickeln, sagt Thomas Landgraf, technischer Geschäftsführer Automotive und Technology.

Entwicklung gibt es trotzdem beziehungsweise, wie es Christian Siebenwurst sagt, endlich wieder. Die vergangenen Jahre litt seine Firma darunter, dass die deutschen Autohersteller in einer Starre verharrten. Ungewiss, wohin die Produktstrategie gehe, hätten diese ihre Modellpaletten verkleinert und weniger neue Modelle entwickelt.

EU ist für keine Neuzulassungen von Autos mit Verbrennungsmotor ab 2035

Siebenwursts Firma ist aber darauf angewiesen. Denn nur dann werden neue Werkzeuge aus Dietfurt gebraucht, mit denen Kunststoff und Aluminium zu Bauteilen geformt werden. Die Folge waren schwere Jahre und Stellenabbau bei Siebenwurst.

Inzwischen habe sich die Lage inklusive der politischen Rahmenbedingungen geklärt, sagt Siebenwurst. Unter anderem hat die EU entschieden, dass ab 2035 keine Autos mehr zugelassen werden sollen, die mit fossilen Brennstoffen fahren. In der Folge habe es einen Hallo-Wach-Effekt bei den deutschen Autoherstellern gegeben. Die Entwicklung von E-Fahrzeugen habe an Fahrt aufgenommen. „Wir sehen, was derzeit an Entwicklung passiert“, sagt Siebenwurst, dessen Firma bei der Jahre im Voraus laufenden Entwicklung eingebunden ist.

Bei Bock sieht man deswegen Wachstumschancen. Der Wandel bricht etablierte Strukturen auf und eröffnet neue Räume für Entwicklungen. In die will der Hersteller von Aluminiumteilen hineinstoßen, wie der kaufmännische Geschäftsführer Sales und Marketing, Wolfgang Lechner, erklärt.

Bock entwickelt neue Produktionsmethoden am Campus in Parsberg

Dafür sieht sich das Unternehmen gut gerüstet. Auch weil es nicht auf die Entwicklung und Produktion von Teilen für den klassischen Antriebsstrang festgelegt sei. Zudem investiert das Unternehmen laut Landgraf stetig in die Entwicklung neuer Produktionsmethoden und schließt Kooperationen. Ein Projekt laufe beispielsweise seit 2020 am Campus in Parsberg gemeinsam mit der TH Deggendorf. Bock will mit Zuwachs im Automobilbereich Umsatzrückgänge in anderen Segmenten ausgleichen. Das Hauptstandbein, das Büromöbelsegment, schwächelt.

Bei Siebenwurst macht rein der Technikwechsel von durch Verbrennungsmotor betriebenen Autos auf E-Fahrzeuge ebenfalls keine Sorge. „Wie das Auto angetrieben wird, ist für uns egal“, sagt Siebenwurst. Die Teile, die mit ihren Werkzeugen hergestellt werden, braucht es auch in E-Autos. Zumal Leichtbau sehr gefragt sei und Siebenwurst hierbei große Kompetenz mitbringe.

Dennoch will Siebenwurst sich etwas weniger abhängig machen von der Autobranche, als es aktuell der Fall ist. Das Unternehmen streckt daher die Fühler in andere Bereiche aus. Beispielsweise in der Baubranche. Noch ist aber nichts spruchreif. Zudem denken die Firmenchefs darüber nach, nicht nur Werkzeuge zu machen, sondern auch Maschinen für weiterverarbeitende Schritte zu entwickeln und eine eigene Produktion aufzubauen.

Konkurrenzdruck aus Asien auf deutsche Autobranche wächst rasant

„Ich bin immer Optimist“, sagt Christian Siebenwurst nach den Aussichten gefragt. „Aber ich muss auch realistisch sein.“ Mitarbeitermangel, Inflation, Kriege, Klimawandel: Es blieben viele Ungewissheiten, weshalb der Blick in die Zukunft für ihn als Unternehmer aktuell eher dem in die Glaskugel gleiche. „Es ist schwer, als europäischer Zulieferer bei asiatischen Autoherstellern reinzukommen“, sagt er zudem. Die Bindung an deutsche Hersteller bleibt daher groß. Es kommt also auch darauf an, wie diese die Transformation meistern.

Angesichts dessen spricht Thomas Landgraf von veränderten Voraussetzungen. „Der Konkurrenzdruck aus Asien ist gestiegen.“ Dort habe man früher in Richtung E-Mobilität geschwenkt und entsprechende Kompetenz erarbeitet.

Was Siebenwurst dennoch optimistisch stimmt? Es habe auch schon früher Herausforderungen gegeben, die die deutsche Autoindustrie gemeistert habe.

Metropolregion Nürnberg unterstützt Zulieferbetriebe

Netzwerk: Transform_EMN heißt ein regionales Transformationsnetzwerk, das die Metropolregion im Verbund mit Partnern wie IHK, Uni Erlangen-Nürnberg, Fraunhofer-Institut und anderen ins Leben gerufen hat. Es soll Zulieferfirmen unterstützen, sich in der Mobilitätswende wettbewerbsfähig aufzustellen.

Inhalte: Es macht Angebote, um in verschiedenen Bereichen Impulse für Innovation in den Firmen zu setzen. Diese können sich für Kooperationen vernetzen, so Wissens- und Technologietransfer anstoßen und die Qualifizierung und Motivation der Mitarbeiter spielt ebenso eine Rolle.

Landkreis: Die Bock 1 GmbH und Formenbau Kellermann, beide aus Postbauer-Heng, beteiligen sich am Netzwerk. Letztere überlegt beispielsweise, sich mit dessen Hilfe neue Geschäftsfelder zu eröffnen. Medizintechnik könnte ein solches Feld sein.

Wolfgang Lechner (l.) und Thomas Landgraf von der Bock 1 GmbH aus Postbauer-Heng zeigen ein Bauteil aus Alu, wie es später in einem Auto eines namhaften Herstellers verbaut wird. Foto: Endlein
Christian Siebenwurst von der gleichnamigen Dietfurter Firma präsentiert diverse Autoteile, die mit Siebenwurst-Werkzeugen hergestellt werden. Foto: Endlein