Gesundheitsversorgung als Standortfaktor: Der Landarzt lockt die Fachkräfte

Von Lorenz Nix · 13. Juli 2023 um 19:00

Regensburg. Eine hochwertige Gesundheitsversorgung ist laut Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ein Standortfaktor in der Oberpfalz. Auf dem Land profitieren die Ärzte dem Verband zufolge besonders stark von Privatversicherten.

Eine hochwertige Gesundheits- und Pflegeversorgung sei nicht nur „ein Gebot der Mitmenschlichkeit“. Es handele sich auch um einen wichtigen Standortfaktor für die Oberpfälzer Wirtschaft, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), im Rahmen einer Podiumsdiskussion der vbw in Regensburg.

„Regionen, die über eine ungenügende allgemein- und fachärztliche Versorgung verfügen, sind auch für die Ansiedlung von Unternehmen unattraktiv“, so Brossardt. Außerdem sei es für ansässige Betriebe schwer, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten, wenn Ärzte und Krankenhäuser in der Nähe des Wohnorts fehlten. Der Ärztemangel bedrohe vor allem kleinere Orte und deren Wirtschaftskraft, betonte der vbw-Geschäftsführer.

Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) ist gegen ein Bürgerversicherung

Der erteilte bei der Diskussion, an der Vertreter von CSU, Freie Wähler, Grüne, SPD und FDP teilnahmen, einer sogenannten Bürgerversicherung eine klare Absage: „Das duale Versicherungssystem muss weiter bleiben.“ Denn die Privatversicherten würden den Ärzten mehr Geld bringen, das dann in Fachpersonal oder moderne Diagnose- und Behandlungsgeräte investiert werden kann. Davon würden dann auch die gesetzlich Versicherten profitieren, so Brossardt.

Tatsächlich sind 10,7 Prozent der Oberpfälzer dem Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) zufolge privatversichert. Die würden allerdings 20,4 Prozent der Einnahmen der Arztpraxen und ambulant-ärztlichen Zentren schaffen, wie aus einer Sonderauswertung für die Oberpfalz des PKV-Regionalatlas hervorgeht, die der Mediengruppe Bayern exklusiv vorliegt.

PKV-Regionalatlas zeigt Mehrerlöse durch Privatversicherte in der Oberpfalz

Darin heißt es: „In der Oberpfalz bringen die überproportionalen Erlöse durch Privatversicherte der medizinischen Versorgung über 154,1 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr.“ Im Schnitt erwirtschaftet ein niedergelassener Arzt in der Oberpfalz 77938 Euro Mehrumsatz mit Privatpatienten. Das sind Einnahmen, die nur dadurch entstehen, dass der Arzt Leistungen privat abrechnet.

Dabei gibt es aber große regionale Unterschiede, wie die Zahlen des PKV-Verbands belegen. Überraschend ist: In ländlicheren Regionen sind die Mehrerlöse durch Privatversicherte im Schnitt höher als in den urbaner geprägten Gebieten. So erzielt ein Arzt im Kreis Cham einen Mehrerlös von 88852Euro im Jahr, in Stadt- und Landkreis Regensburg sind es hingegen nur 59083 Euro. An die Spitze setzt sich der Kreis Tirschenreuth mit 96638 Euro. Zum Vergleich: Im Großraum München sind es 47405 Euro.

Für die vbw ist die Schlussfolgerung klar: „Insbesondere im ländlichen Raum tragen die Mehrerlöse, die niedergelassene Ärzte durch Privatversicherte erzielen, dazu bei, die Qualität der Versorgung zu verbessern“, sagte Brossardt bei der Diskussion in Regensburg. Er ist überzeugt: Bei einer Abschaffung der Privaten Krankenversicherung käme es zu einer „deutlichen Verschlechterung bei der Versorgung“ – und damit auch zu einer geringeren Wirtschaftskraft in ländlichen Regionen.

Bertram Brossardt warnt: „Arbeit darf nicht zu teuer werden“

Der vbw-Geschäftsführer warnte außerdem davor, die Sozialbeiträge zu erhöhen. „Arbeit darf nicht zu teuer werden“, sagte Brossardt im Laufe der Diskussion immer wieder – so beispielsweise nach einer Äußerung von Steve Brachwitz, SPD-Politiker aus dem Landkreis Cham. Brachwitz sagte, dass mit der neuen Krankenhausreform wieder mehr Fokus auf die Qualität der Gesundheitsversorgung gelegt werde. Das befürwortete der vbw-Geschäftsführer zwar grundsätzlich, befürchtete allerdings, dass auf die Beitragszahler, also Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Mehrkosten zukommen würden.

Die Kosten seien nicht das Entscheidende, sagte Gabriele Bayer, Oberpfälzer Grünen-Bezirksrätin aus dem Kreis Neumarkt. Nur mit einer deutlichen Verbesserung der Qualität der Gesundheits- und Pflegeversorgung könnten lange Ausfallzeiten von Arbeitnehmern vermieden werden. Denn die seien „der größte Schaden für die Wirtschaft“, war Bayer überzeugt. „Bayern muss dafür sorgen, dass die Menschen schnell wieder fit sind.“

Diskussionsrunde in Regensburg: Ist das Hausarztmodell veraltet?

Dass das allerdings nur mit einer flächendeckenden ärztlichen Versorgung möglich ist, war Konsens auf dem Podium. Loi Vo, FDP-Politiker aus Regensburg, merkte an, dass die Selbstständigkeit allerdings für die allermeisten junge Ärzte kein attraktives Modell mehr sei. Insbesondere das „alte Hausarztmodell“ mit ständiger Erreichbarkeit und einer für heutige Maßstäbe schlechten Work-Life-Balance sei nicht zukunftsfähig. Gerade für Frauen brauche es in der Gesundheitswirtschaft mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ergänzte Bayer.

Brachwitz sagte, man könnte auch Kommunen befähigen, Gesundheitszentren einzurichten und Ärzte anzustellen. Der Regensburger CSU-Stadtrat Jürgen Eberwein sprang ihm zur Seite: Die Integrierten Leitstellen würden schließlich auch von Zweckverbänden betrieben. Brossardt sah das kritisch: Manchmal, wenn er an die Kommunen denke, werde ihm „angst und bange“, soviel wie diese übernehmen sollten.

Ärzte gehen wegen Privatversicherten lieber in die Städte: Mythos oder Wahrheit?

Theorie: Immer wieder heißt es, einen Ärztemangel auf dem Land gibt es auch deswegen, weil Ärzte lieber in die Städte gehen – dort gebe es schließlich mehr Privatversicherte, also mehr Geld für die Ärzte.

Zahlen: Dem Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) zufolge ist letzteres „nachweislich falsch“. Aus einer Sonderauswertung des PKV-Verbands für die Oberpfalz – die Zahlen liegen der Mediengruppe Bayern exklusiv vor – geht hervor, dass Ärzte auf dem Land (beispielsweise im Kreis Tirschenreuth) im Schnitt mehr an Privatpatienten verdienen, als in urbaner geprägten Gebieten (beispielsweise Stadt und Kreis Regensburg).

Gründe: Laut PKV-Verband würden zum einen relativ viele Privatversicherte auf dem Land leben, welche außerdem im Schnitt älter seien und deshalb häufiger zum Arzt gehen würden. Dass es Ärzte wegen den Privatversicherten eher in die Städte ziehen würde, sei also falsch, heißt es vom PVK-Verband.