In der Dauerschleife: Was genau bedeutet Kreislaufwirtschaft eigentlich?

Regensburg/München. Beim Thema Kreislaufwirtschaft denken vor allem in Deutschland viele an eines: Recycling. Das komme aber erst ganz am Ende, sagt Andrea Schneller. Die Regensburgerin hat in München mit ihrem Ehemann ein Softwareunternehmen gegründet, das sich voll und ganz der Kreislaufwirtschaft verschrieben hat. Beim 12. Bayerischen Innovationskongress, der am Mittwoch in der Tech-Base in Regensburg stattfindet, ist Schneller eine der Referentinnen.
Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Circular Economy“, englisch für „Zirkuläre Wirtschaft“. Beide Begriffe ersetzen mittlerweile häufig das Wort „Kreislaufwirtschaft“ – eben, weil letzteres in Deutschland vor allem mit der Abfallwirtschaft in Verbindung gebracht wird. „Im Kern ist es aber eigentlich das Gleiche“, sagt Schneller.
Kreislaufwirtschaft: Reparieren statt wegwerfen
Viele Begriffe, die also ein und das selbe bezeichnen: „Im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft werden bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich wiederverwendet, repariert, aufbereitet und recycelt“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Steindl von der Universität Regensburg. Er bezeichnet eine funktionierende zirkuläre Wirtschaft als „essenzielle Säule eines nachhaltigen Wirtschaftssystems“.
Der gleichen Auffassung ist Andrea Schneller. Das lineare Wirtschaftssystem – also die sogenannte Wegwerfwirtschaft – sei „wahrscheinlich ein Auslaufmodell“. Schneller habe vor vier Jahren das Thema „Circular Economy“ für sich entdeckt. Bei der Schaffung von Wirtschaftskreisläufen sieht sie vor allem „zwei große Hebel“, an denen man ansetzen könne: Erstens müssten Produkte so designt werden, dass die Rohstoffe gut wiederverwertet werden. Außerdem müsse man sich Gedanken machen, was mit Produkten nach ihrer Nutzungsphase passiert.
Bei numi.circular dreht sich alles um die zirkuläre Wirtschaft
Vor allem letzteres interessierte die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin, sodass sie im Herbst 2021 gemeinsam mit ihrem Mann Mario Schneller das Start-Up numi.circular ins Leben rief. Das junge Unternehmen baut Software-Lösungen, die Firmen dabei helfen sollen, ihre gebrauchten Produkte von Kunden zurückzunehmen.
Das Start-Up arbeitet dabei unter anderem mit Textilunternehmen zusammen. Da sei die Rücknahme von Kleidung ein besonders aktuelles Thema, sagt Andrea Schneller. Denn im Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft der Europäischen Union (EU) steht die Branche besonders im Fokus. Spätestens 2025 sollen Textilabfälle gesondert gesammelt werden, um sie besser weiterverwerten zu können, heißt es im EU-Papier. Vor allem die Hersteller sollen dabei in die Pflicht genommen werden. „Da braucht es dann sinnvolle Rücknahmesysteme“, ist Schneller überzeugt.
Müllverwertung solle dann im Idealfall aber nur der letzte Schritt sein, sagt die Unternehmerin. Circular Economy bedeute auch, „Produkte möglichst lang in Nutzung zu halten“. „Recycling ist dann erst die allerletzte Strategie.“
Insgesamt gibt es aktuell wohl kein Unternehmen, das darauf verzichten kann, sich mit Wertschöpfungskreisläufen auseinander zu setzen. „Das Interesse steigt“, freut sich Schneller. Das von ihr gegründete Start-Up ist deshalb bei Weitem nicht das einzige, das sich versucht, in dem noch neuen Markt der zirkulären Wirtschaft zu behaupten.
Circular Economy: Nicht nur „nettes Marketing“
Noch gebe es allerdings nur wenige Anbieter, deren Ansatz die möglichst vollständige Abbildung und digitale Aufbereitung der Wertschöpfungskette eines Produkts – ab Beginn der Nutzung bis zum Lebensende – ist, erklärt Schneller. Dass sich numi.circular in diesem Segment in Zukunft wohl auch mit Software-Riesen messen muss, sieht sie positiv. „Das bestärkt mich darin, dass es sich um ein wichtiges Thema handelt“, sagt Schneller. Circular Economy sei die Zukunft und nicht einfach nur „nettes Marketing“, ist die Gründerin überzeugt.
Dabei hat auch die Kreislaufwirtschaft ihre Tücken. So könne es in Ausnahmefällen zu einem sogenannten Rebound-Effekt kommen, sagt Wirtschaftswissenschaftler Steindl. Das heißt, Ressourceneffizienz führt zu mehr Konsum, wodurch dann die Umwelt wieder stärker belastet wird. Außerdem sei die Nachfrage nach recycelten Produkten teilweise begrenzt, so Steindl. „Demnach liegt es auch an den Konsumenten, zum Beispiel recycelte Produkte klassischen beziehungsweise linearen Produkten vorzuziehen.“