Vor allem Bauern machen sich Sorgen über Südostlink: Betreiber Tennet informierte in Schwandorf

Ab 2027 soll das 750 Kilometer lange Erdkabelprojekt Südostlink Strom aus den Windparks im Norden und Osten Deutschlands nach Bayern liefern. Gleichzeitig will man in sonnenreichen Zeiten Energie aus den Solarparks im Süden über diese „Stromautobahn“ weiterverteilen.
Insgesamt wären zwei Gigawatt Strom in einem ersten Abschnitt und in einem weiteren Vorhaben ab 2030 zwei weitere Gigawatt möglich. Laut Netzbetreiber Tennet handelt es sich damit um eines der größten Infrastrukturvorhaben der Energiewende.
Auch durch den Landkreis Schwandorf ist die 16 Meter breite, unterirdische Stromtrasse geplant, und das wirft vor allem bei betroffenen Grundstücksbesitzern Fragen auf. Die Firma Tennet, die für die Realisierung der Erdleitungen verantwortlich ist, hatte daher am Dienstag alle Interessierten zu einem Infomarkt in die Oberpfalzhalle in Schwandorf eingeladen. Experten standen für Fragen zur Verfügung und stellten den genauen Trassenverlauf vor, der im Mai dieses Jahres der Öffentlichkeit bekannt gegeben worden war. Durch Briefe waren die Betroffenen bereits informiert worden.
Wird Boden „beschädigt“?
Nicht alle Menschen befürworten das Projekt – bereits seit den ersten Plänen und Diskussionen zur Stromtrasse gibt es Gegenwehr, auch von Bürgerinitiativen. Zwar erlebte man am Dienstag in der Oberpfalzhalle keinen Ansturm von Interessenten, doch im Laufe des Nachmittags trafen immer wieder Landkreisbürger ein.
Die Zeit dränge, erklären mit Nachdruck zwei ehemalige Landwirte aus Katzdorf: die Nachbarn Georg Haller und Georg Obermeier. Beide haben Nachfolger oder Pächter für ihre Betriebe und sorgen sich. Denn bereits am Tag nach dem Infomarkt, also am Mittwoch, sollen archäologische Untersuchungen auf ihren Feldern in Katzdorf östlich der Naab erfolgen. Haller äußert sich empört: „Worum geht es da überhaupt? Ich habe zwar meine Einverständniserklärung abgegeben, aber ich fühle mich sehr schlecht informiert durch die Firma Tennet“, schimpft er.
„Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Hätte man nicht im Vorfeld über das Ganze persönlich sprechen können?“ Der Landwirt fühlt sich nicht ernst genommen. Viele Fragen blieben bislang offen, kritisieren beide. Etwa: Welche Entschädigung gibt es für Eigentümer und für Pächter? Auf jeden Fall, befürchtet Haller, werde sein Grund „beschädigt“. Zwei Hochspannungsleitungen führten künftig durch seine Felder.
Tennet versucht, die Wogen zu glätten
Markus Sponbrucker und Andreas Finkes von Tennet versuchen die Wogen zu glätten. Wo Flurstücke dauerhaft für den Südostlink beansprucht würden, werde eine Dienstbarkeit ins Grundbuch eingetragen, erklären sie. Für die dauerhafte Inanspruchnahme erhalte der Eigentümer eine Entschädigungszahlung. Außerdem komme Tennet für Schäden auf, die durch den Bau, Betrieb oder die Instandhaltung der Leitung entstünden.
Im Vorfeld gebe es keine Entschädigung, erklärt Sponbrucker, jedoch für nachgewiesene Folgeschäden, laut einer Rahmenvereinbarung mit dem Bayerischen Bauernverband. Aber was ist, bohrt Haller nach, wenn der Boden „nicht mehr das hergibt wie zuvor?“ Es würden, sagt Sponbrucker, nach der Flurschadensregelung lediglich Schäden an temporären Flächen übernommen.
Auch technische Details wollen Haller und Obermeier wissen. In etwa 1,90 Meter Tiefe, erfahren sie, würden die Leitungen verlegt – zwei nebeneinander. Pro Tag schaffe man 60 bis 80 Meter, ein Acker zum Beispiel sei innerhalb weniger Wochen fertig. Danach, versichern die Fachleute, dürfe man die Felder ganz normal bewirtschaften, Grundstücke aber nicht überbauen.
Angst vor Überhitzung
Manche Landwirte befürchten zudem eine Erhitzung des Bodens. „Die Geländeoberkante der Trasse wird um höchstens ein Grad erwärmt, und das nur bei Volllast“, entgegnet darauf Benjamin Mignon von Tennet. „Man rechnet mit 32 bis 34 Watt pro Metern an Wärmeverlust.“ Einige Bürger, wie Hobbylandwirt Manfred Schuster aus Fischbach, waren lediglich gekommen, um sich zu informieren. „Ich bin nicht betroffen, möchte mir aber ein Bild machen“, sagt der 54-Jährige und betrachtet die Schautafeln.
Helmut Sturm aus Grain wohnt nur 240 Meter von der geplanten Trasse entfernt. Der 71-Jährige, ein ehemaliger Starkstromtechniker, bleibt dennoch gelassen. „Ich befürchte keine Einschränkungen und bin nicht dagegen.“ Interessiert fragt er nach Details des Projekts. Eigentlich, sagt er, gebe es doch keine Alternative zur Stromtrasse. „Wir brauchen dringend den Strom. Natürlich könnten wir sagen, die Trasse soll woanders hin und nicht in unseren Landkreis. Aber irgendjemanden trifft es ja doch, also spielt das für mich keine Rolle.“
Ein Projekt mit großen Dimensionen
Leistung: Immerhin zehn Millionen Haushalte, so erklärt Tennet, könnten mit der Leistung des Südostlinks, der ersten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitung in Deutschland, mit Strom versorgt werden. Das entspricht der Strommenge von vier Atomkraftwerken.
Regenerative Energien: Laut einer Erklärung der Bundesregierung sollen im Jahr 2030 bereits 80 Prozent des Strombedarfs aus regenerativen Energien stammen.
Zeitplan: Ende Juli, so erklärte Benjamin Mignon von Betreiber Tennet, soll der Antrag auf Baubeginn bei der Bundesnetzagentur gestellt werden. Nach erfolgtem Planfeststellungsbeschluss, vermutlich im Sommer 2024, könnte Tennet die Bagger anrollen lassen.
