19 Jahre Schulleiterin: Veronika Nerud blickt auf ihre Zeit am Förderzentrum Bad Kötzting

Fast zwei Jahrzehnte lang leitete sie das Sonderpädagogische Förderzentrum (SFZ) in Bad Kötzting und führte die Schule durch zahlreiche Veränderungen: Umbauarbeiten am Schulgebäude, der Aufbau einer Partnerklasse oder die Einführung digitaler Tafeln sind einige davon. Übernächste Woche verabschiedet sich Schulleiterin Veronika Nerud nun in den Ruhestand.
Von ihrem Leben nach der Berufstätigkeit träumt sie allerdings noch nicht. Für sie heißt es eins nach dem anderen: „Ich freu mich, dass dann doch ein ganzer Packen an Verantwortung abfällt. Aber jetzt bin ich erst mal noch voll hier. Der nächste Abschnitt kommt danach“, sagt Nerud. Pläne für die viele freie Zeit, die sie nun erwartet, hat sie nicht gemacht. Den Ruhestand lässt sie einfach auf sich zukommen. Bis dahin bleibt sie Schulleiterin mit Leib und Seele.
Seit 2004 prägte die gebürtige Münchnerin das SFZ. Dabei war es zufällig, dass sie überhaupt in dieser Region landete. Als Nerud als junge Referendarin in St. Gunther in Cham eingesetzt wurde, sei Cham in München keinem ein Begriff gewesen. Anders als ihre Referendariats-Kolleginnen, sei sie an den Wochenenden aber nicht zurück in die Landeshauptstadt gependelt. „Ich hab hier nette Leute kennengelernt, die Landschaft ist wunderbar. Und wenn ich jetzt hier bin, dann will ich hier auch leben“, erinnert sich Nerud an ihre erste Zeit im Bayerwald.
Nicht nur Akademiker
Insgesamt 19 Jahre lang arbeitete sie in St. Gunther mit Menschen mit geistiger Behinderung. Sie sagt, „das ist schon sehr prägend. Das sind ganz normale Persönlichkeiten, aber absolut authentisch. Die lügen nicht, sagen das, was sie denken – dieses Direkte und Unmittelbare zu erleben, würde jedem mal gut tun, denke ich“. Denn im Unterricht mit geistig behinderten Menschen müsse man sich stets aufs Wesentliche konzentrieren – „da gibt es kein Drumrum“.
Auch ihre Perspektive habe sich dadurch verschoben. „Man sieht einfach, dass eine Persönlichkeit nicht von dem abhängt, wie jemand ausschaut oder was er beruflich tut“, sagt Nerud. Dieser Gedanke prägt auch Neruds Vorstellung von Inklusion. Und die lässt sich nicht so einfach verallgemeinern: „Ich denke, dass man einen Menschen wertschätzt und respektiert, wenn man genau hinschaut, was er braucht – auch im schulischen Bereich. Ich muss genau schauen, wo für einen individuellen Schüler der richtige Lernort ist“, sagt sie. Ihr Ziel als Schulleiterin und Lehrerin war es deswegen nicht, ihre Schüler pauschal zu akademischen Erfolgen zu trainieren. „Das Gymnasium bildet Akademiker aus und wir bilden Handwerker aus“, sagt Nerud. „Ich würde mir wünschen, dass dieses Etikett, das die Förderschule hat, endlich aufgeweicht wird“.
Verweise gehören dazu
Dass Nerud stolz auf ihre Schüler ist, das merkt man vor allem, wenn sie Anekdoten aus dem Schulalltag erzählt – zum Beispiel als zwei ihrer Neuntklässler beim Umbau des Computerraums halfen. „Die haben die Tische abgeschraubt, sauber fotografiert, wo die Computerkabel entlanglaufen und den ganzen Tag gearbeitet. Sowas mehr wertzuschätzen, würde ich mir wünschen“, sagt Nerud.
Denn das Förderzentrum sollte unter ihrer Leitung eine Schule sein, an der Erfolg nicht nur im akademischen Bereich zählt. Besonders beeindruckt von ihren Schülern war Nerud zum Beispiel bei einer einstudierten Zirkus-Show. Eine Woche lang übten ihre Schützlinge bei einem Workshop das Jonglieren, Akrobatik und Zaubertricks. An die abschließende Zirkusaufführung erinnert sich Nerud mit einem Strahlen in den Augen.
Dennoch: Nerud kann auch streng sein. Verweise hat sie, wie sie sagt, viele verteilt. „Für mich war ein Verweis aber immer eine Dokumentation. Parallel dazu, habe ich auch immer geschaut, wieso sich das Kind so verhalten hat“, sagt sie.
Nur noch als Gast am SFZ
110 Schüler hat Nerud am SFZ zuletzt betreut. Eine Aufgabe, die sie in wenigen Wochen nicht mehr haben wird. Am 26. Juli soll sie verabschiedet werden. „Ich freu mich, dass dann doch ein großer Packen Verantwortung abfällt“, sagt sie. Zunächst stehen aber noch einige Amtshandlungen an. Zum Beispiel die Abschlussfahrt mit ihrer neunten Klasse nach Berlin. „Schullandheim und Ausflüge wie Langlaufen, das hat mir immer sehr gefallen“, sagt Nerud.
Die Kollegen und Schüler sind ihr ans Herz gewachsen. Mit einem lachenden und weinenden Auge geht sie dennoch nicht – sie sagt, „das ist einfach eine Zeit, die jetzt abgeschlossen ist und die gut war. Ich bin froh, dass ich diesen Beruf ausgeübt haben und jetzt kommt ein neuer Abschnitt“. Wie es dann am Förderzentrum weitergeht, möchte sie aber auf jeden Fall verfolgen. „Ich bin dann aber auch wirklich nur noch als Gast am SFZ. Ich möchte nicht als Mäuschen im Hintergrund mitmischen“, sagt Nerud.
