„Die nächste erleb ich nicht mehr“: Regensburg staunt über die Sonnenfinsternis

Der Mann auf der Steinernen Brücke stimmt seine Gitarre. Heute muss jeder Ton sitzen. Selten dürfte er ein derart großes Publikum gehabt haben. Tausende Regensburger werden an diesem Mittwochabend an ihm vorbeiströmen. Es gibt nur einen Haken: Seinetwegen sind sie nicht da.
Sie wollen die Sonnenfinsternis sehen. Sie wollen sehen, wie sich der kleine Mond vor die große Sonne schiebt und damit ein Schatten auf die Erde fällt. Für viele ist es das erste Mal seit langer Zeit. Ein Mann, der sich mit seiner speziell präparierten Kamera unweit des Brückenbasars postiert hat, verfügt indes über eine gewisse Erfahrung. Er fahre den Sonnenfinsternissen – erstaunlich, dass ein derart singuläres Ereignis über einen Plural verfügt – nicht direkt hinterher. Aber wenn er in der Nähe sei, warum nicht. Seine letzte totale Sonnenfinsternis habe er 2012 erlebt. In Australien. Damals habe er in Singapur gearbeitet. „Da war es nur noch der halbe Weg.“ Man nickt. Klar, Singapur, Sydney. Katzensprung. Erst später wird man herausfinden, dass man für diesen Katzensprung acht Stunden im Flugzeug sitzt.
Sonnenfinsternisse – dieser Plural, faszinierend – scheinen eine gewisse Faszination auf den Menschen auszuüben. Eine ältere Dame hat sich mit einem Hocker in den Schatten der Balustrade der Steinernen Brücke gesetzt, als eine Bekannte vorbeiradelt. Mei, die Schlange an der Sternwarte. „Ein Wahnsinn.“ Schnell kommen die beiden auf das Jahr 1999 zu sprechen. Damals erlebte Deutschland eine totale Sonnenfinsternis. Am Mittwoch waren knapp 90 Prozent verdeckt. Aber diese Finsternis 1999, die sei schon der Wahnsinn gewesen. Ganz im Gegensatz zu den – Zitat – „hoibadn“, die es dazwischen so gab. Die Frau verbessert ihre Freundin. „Die partiellen meinst du?“ Nicht nur Sonnenfinsternisse – eine einmalige Mehrzahl – faszinieren die Deutschen. Auch Fachbegriffe eignen wir uns mit großer Vorliebe an. Eine Untermauerung in einem Wort: Inzidenz.
Zwischen Trump und Sarti: Das beschäftigte Regensburger vor der Sonnenfinsternis
Blick auf die Uhr. 19.28 Uhr. Langsam wird es voller auf der Steinernen Brücke. Gut, leer ist die ja eigentlich nie. Aber jetzt, rund eine Dreiviertelstunde vor dem eigentlichen Höhepunkt, ist sie schon etwas voller als normalerweise. Nur: So richtig viel passiert nicht. Die Sonne scheint nach Kräften. Was tun, um sich die Zeit zu vertreiben? Natürlich: ratschen. Oder noch besser: Anderen beim Ratschen zuhören. Links eine Gruppe junger Frauen. Rechts ebenfalls zwei junge Frauen. Innerhalb weniger Augenblicke tut sich ein Panoptikum junger Lebenswelten auf. Eine Frau aus der Gruppe liest den anderen eine Schlagzeile vor. Es geht – na klar – um Donald Trump. Die Frauen rechts daneben haben andere Themen. „Boah, der Sarti schmeckt schon wieder gut heute.“
Hier können Sie den Liveticker nachlesen: Altstadt, Sternwarte, Walhalla – So schön war die Sonnenfinsternis in und um Regensburg
Irgendwo riecht es ein bisschen süßlich. Manchen scheint dieses einzigartige Naturphänomen nicht genug zu betören. Aber Moment mal. Wo bleibt denn dieses Naturereignis eigentlich? Wer keine SoFi-Brille – auch diesen Fachbegriff haben wir in unser Kurzzeitvokabular integriert – mehr abgestaubt hat und sich nach Kräften müht, nicht in die Sonne zu blicken, sieht – nun ja – wenig. Die Sonne scheint wie immer zu scheinen. Ein kleines Mädchen hat eine der besagten Brillen. Sie sitzt auf den Schultern ihres Vaters und ruft aus: „Da fehlt ein Stück.“ Frei nach Galileo: Und sie versteckt sich doch.
Ein Wunderwerk der Technik macht den Blick in die Sonnenfinsternis in Regensburg möglich
Der italienische Forscher hätte an diesem Mittwochabend seine helle Freude auf der Steinernen Brücke gehabt. Viele Regensburger haben nämlich gebastelt, um sich die Sonnenfinsternis – ja, es gibt auch einen Singular – nicht entgehen zu lassen. Jetzt stehen sie mit ihren Paketen – pardon: Lochkameras – auf der Brücke und blicken gen Sonne. Er habe sich ein Stand-Up-Paddle gekauft, berichtet einer, während das Paket – pardon: dieses Wunderwerk der Technik – an seinen Freund weiterreicht. „Tja, da hattest du wohl mehr davon“, antwortet der.
Um 20.14 Uhr ist die Sonne inzwischen zu 88 Prozent verdeckt. Wer – Jahrgang 1996 – nur partielle Erfahrungen mit Sonnenfinsternissen gemacht hat, staunt. Ja, es wird finsterer. Aber eben nur finsterer, nicht finster. Und ein bisschen kälter. Das große Staunen auf der Steinernen bleibt aus. Keine „Ohs“, keine „Ahs“ – dafür vereinzelt Debatten, ob es woanders nicht ein wenig spektakulärer gewesen wäre.
Aber sei's drum. Einzigartig war es schon. Oder um es mit den Worten eines jungen Mannes zu sagen: „Die nächste ist 2081. Das erleb ich nicht mehr.“
Sollten Sie diesen Text bis hierhin gelesen haben, nur um zu erfahren, ob es der Musiker geschafft hat, seine Gitarre zu stimmen? Seien Sie beruhigt: Ja, hat er. Das breite Oeuvre passender Songs für eine Sonnenfinsternis – „Total Eclipse of my Heart“, „Black Hole Sun“, „Ain't no sunshine“ – ignoriert er gekonnt und entscheidet sich für Maroon 5 mit Payphone. Ein Blick in den Liedtext: „I've wasted my nights, you turned out the lights.“ Passt.