95 und noch immer voller Ideen
Ingolstadt/Neustadt - Einmal in der Woche steigen Joachim Hess und sein Sohn Martin ins Auto. Dann geht es von Ingolstadt aus 30 Kilometer Richtung Osten - nach Neustadt. Dort steht das Lebenswerk des rastlosen Erfinders, der vor wenigen Tagen seinen 95.Geburtstag feierte: das Hauptwerk von Intertec. Dem Betrieb, den Hess vor 55 Jahren in Ingolstadt gegründet hat. Heute arbeiten in dem Unternehmen an 13 Standorten weltweit rund 300 Beschäftigte.
Das zentrale Standbein des Unternehmens sind die Schutzschränke für empfindliche Mess- und Steuerungsinstrumente, die Hess vor mehr als einem halben Jahrhundert entwickelte. Heute gehört Intertec weltweit zu den führenden Herstellern in diesem Bereich. Rund um den Globus sind sie im Einsatz - und die Aussichten sind sehr gut, wie Sohn Martin betont, der die Firma inzwischen führt.
Eigentlich wollte Joachim Hess nicht selbstständig werden: "Mein Vater hatte eine kleine Firma und er hatte nie Zeit", erinnert sich Hess. Deshalb heuerte der frischgebackene Ingenieur er nach dem Studium vor allem bei größeren Unternehmen an - und stellte sein enormes Erfinderpotential unter Beweis.
Bei der Vergasung von Kohle - eine vor der großen Erschließung der Erdgasvorkommen übliche Art zur Gasgewinnung - gab es immer wieder Probleme bei der Verbrennung von Kohlestaub. Hess befasste sich mit den Gebläsen, die den Staub in den Brennraum transportierten. "Am Ende stand nicht nur eine Idee, die sich auch in den heute so populären Zyklonstaubsaugern wiederfindet, sondern auch der Doktortitel", erinnert sich Hess.
Später heuerte er beim italienischen Erdölkonzern ENI an. Die Aufgabe: ab 1961 in Ingolstadt eine Raffinerie aufzubauen. Das erforderte nicht nur großes technisches Geschick, sondern auch immenses Gespür für Land und Leute: Nachdem bekannt geworden war, dass in den Auwäldern im Osten Ingolstadts eine Erdölraffinerie, die Eriag, entstehen sollte, wurde aus wertlosem Auwald plötzlich lukratives Bauland. Über Nacht verfünffachten sich die Grundstückspreise. Also begann Hess mit dem Bau der Raffinerie auf den Grundstücken, die im Besitz der ENI waren. Am Ende hatten auch die härtesten Bauern den Eindruck, sie könnten leer ausgehen und verkauften doch günstiger, erinnert sich Hess.
ENI brachte zwar "die finanzielle Sicherheit für die Familie", die Hess sich gewünscht hatte, dennoch kehrte er ENI den Rücken: Nach einem Unglück, bei dem der Konzernlenker umgekommen war, kam es zum Unstimmigkeiten mit der neuen Führung. Hess machte sich selbstständig. "Eine schwierige Zeit", sagt er. Doch der damals 40-Jährige, der bislang seinen Ideenreichtum für seine Arbeitgeber eingesetzt hatte, nahm das entscheidende Startkapital für das eigene Unternehmen aus seiner Zeit in der Chemie- und Erdölindustrie mit: Beim Betrieb aller Anlagen, in denen Hess gearbeitet hatte, war es immer wieder zu Problemen gekommen, weil Mess- und Steuerungsgeräte und damit oft genug die gesamte Anlage versagten. Kein Wunder: Die Messgeräte waren in rostigen Blechkästen untergebracht und so kaum geschützt. "Empfindliche Geräte müssen sich wohlfühlen, damit sie perfekt arbeiten", sagt Hess.
Deshalb sind die Kästen von Intertec, die unter der sengend heißen Wüstensonne genauso funktionieren wie in den arktischen Breiten Nordrusslands, aus Kunststoff. Hess entschied sich für ein Produktionsverfahren, bei dem Glasfasermatten mit Kunststoff getränkt und bei über 100 Grad gebacken werden. "Am Ende entsteht ein stabiler und extrem haltbarer Kunststoff", erklärt Hess. In den ersten Jahren wurden die Kunststoffteile für die Kästen noch von Lohnpressereien hergestellt. Die wurden dann in die Gaimersheimer Straße in Ingolstadt geliefert, wo Hess damals mit Frau und Kindern wohnte, und in der Familiengarage komplettiert. Bald reichte die eine Garage nicht mehr und es wurde ein zweite dazugemietet. Der Transport zwischen den beiden "Betriebsstätten" lief per Handkarren. "Der hat bis heute überlebt," schmunzelt Hess, "und steht in unserem Firmenmuseum."
Es blieb nicht bei der zweiten Garage: 1969 baute Hess im Ingolstädter Süden eine Produktions- und Lagerhalle und ein Verwaltungsgebäude. Wenige Jahre später stieg der damals 50-Jährige in ein Unternehmen in Neustadt an der Donau ein, das unter anderem Zulieferer für VW war. Als VW den luftgekühlten Boxermotor ausmusterte, war es damit vorbei. Damit eröffnete sich für Hess endlich die Möglichkeit, in den Hallen die Produktion der Kunststoffkästen, die das Herzstück von Intertec bildeten, aufzunehmen.
Die Grundstruktur der Kästen ist bis heute gleichgeblieben, ansonsten wurden sie immer weiterentwickelt. "Heute haben wir Intertec-Kästen, die ohne Energiezufuhr von außen klimatisiert sind", erklärt Joachim Hess, der bis heute jeden Entwicklungsschritt begleitet. Sohn Martin setzt auf die Erfahrung seines Vaters: "Wenn es um knifflige Konstruktionen geht, spreche ich immer mit ihm darüber."
Und Joachim Hess hat nicht nur ein Auge auf die Funktionalität. Er zitiert den US-Design-Papst Raymond Loewy: "Hässlichkeit verkauft sich nicht." Neben seinem Schreibtisch liegt ein Bauteil aus Aluminium. Joachim Hess streicht fast liebevoll darüber: "Die Kanten sind gebrochen, die Seitenflächen sind geriffelt", sagt er dabei. Und: "Das schmeichelt dem Auge." Dabei bekommt das Teil kaum jemand zu sehen: Es ist der Heizkörper einer explosionssicheren Heizung, wie sie zum Beispiel in der Chemieindustrie eingesetzt wird. Diese Heizungen, bei denen die Temperatur extrem genau geregelt sein muss, damit die Heizkörper nicht zu heiß werden, und bei deren Betrieb kein Funke entstehen darf, sind das zweite Standbein des Familienunternehmens.
Details über die genaue Funktionsweise gibt Hess nicht preis: Schon von Anfang an hatte er mit Nachahmerprodukten zu kämpfen. Von seinen Kästen gab es plumpe Plagiate. Dennoch haben sich seine Produkte durchgesetzt. Hess: "Wir waren immer besser, weil wir genau gewusst haben, was und warum wir es tun."
Allerdings hat er sich über all die Jahre einen starken Verbündeten aufgebaut: Sein Unternehmen beteiligte sich aktiv an der Gestaltung von Sicherheitsnormen des Explosionsschutzes, sowohl für die Schutzkästen als auch für die explosionssichere Heizung. "Am Anfang waren es deutsche Normen, später europäische und heute sind es weltweit gültige Normen", sagt Hess. Die Einhaltung dieser Normen garantiere nicht nur den Zugang zu allen Märkten weltweit, "das Knowhow für die Produktion, das darin steckt", halte auch mögliche Nachahmer auf Distanz.
Das wichtigste Kapital sind in Hess Augen jedoch die Mitarbeiter. "Jeder einzelne ist an seinem Platz wichtig", sagt Joachim Hess. Auch wenn er mit 95 Jahren nicht mehr voll im Geschäft ist: Die meisten seiner Leute kennt er persönlich. Der Begriff Familienunternehmen hat bei Intertec zwei Bedeutungen: Zum einen ist inzwischen mit Hess' Enkel die dritte Generation in das Unternehmen eingestiegen, zum anderen sind auch die Familien der Beschäftigten zum Teil über Generationen hin mit Intertec verbunden. Das merkt man auch an den Gesprächen, die Joachim Hess bei seinen Rundgängen führt. Sie drehen sich nicht immer nur um Fachfragen.
Auch in dieser Woche wird Hess wieder mit seinem Sohn ins Auto steigen, doch dann wartet nicht der übliche Gang durch die Büros und in die Produktionshalle auf ihn: Seine Mitarbeiter werden ihm auf ihre Art zum Geburtstag gratulieren. Die Versandhalle ist freigeräumt, die Marchinger Showgirls treten auf und seine Leute würdigen ihn mit einem langen Gedicht. Eine Ehre für den Jubilar.
DK
Christian Fahn