Der radikale Boris Lurie und seine Werke: Jürgen Dehm bringt sie ins Schloss Miltach

Von Sabrina Kauer · 25. Juni 2026 um 11:00

Ein Leben im Ghetto, im Arbeitslager und im Konzentrationslager, dargestellt in Collagen, die sich aus verschiedenen Materialien zusammenfügen. Ihr Schöpfer: Boris Lurie. Der Überlebende hat seine Erlebnisse nach seiner Befreiung aus einem Konzentrationslager durch US-amerikanische Soldaten in Kunstwerken verarbeitet. Diese sind bald im Schloss Miltach zu sehen – ihre Botschaften sind aktueller denn je.

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Kurator der Ausstellung ist Jürgen Dehm, der die Kebbel Villa in Schwandorf leitet. Dort ging die Ausstellung „NEIN! Boris Lurie und NO!art“ kürzlich zu Ende, wandert nun aber unter dem Titel „ever the radical“ weiter ins Miltacher Schloss. „Radikal wie immer“, übersetzt Jürgen Dehm den Titel ins Deutsche. Boris Lurie war Mitbegründer der radikalen Kunstbewegung in den 1960er Jahren in New York. „Er hat sich aufgelehnt gegen den Kommerz, die Oberflächlichkeit, den Krieg– und gegen das Vergessen der Nazi-Zeit“, sagt Dehm.

Frauen aus der Familie bei Massaker erschossen

Der Künstler Boris Lurie wurde 1924 in Leningrad (UdSSR) geboren und wuchs in Riga (Lettland) in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Nach der deutschen Besetzung 1941 wurde die Familie ins Ghetto gebracht. „Die weiblichen Familienmitglieder von Lurie, seine Mutter, seine Großmutter, die jüngere Schwester und seine Jugendliebe wurden beim Massaker von Rumbula im Wald erschossen“, sagt Dehm.

Zwei Arbeiten von Boris Lurie in der Ausstellung NEIN! in der Kebbel Villa Schwandorf im April 2026 - Foto: Marcus Rebmann

Gemeinsam mit seinem Vater musste Lurie im Ghetto, dann im Arbeitslager und später in mehreren Konzentrationslagern überleben, bis beide 1945 von US-amerikanischen Soldaten im Außenlager Magdeburg-Polte befreit wurden. Boris Lurie ging nach New York. „1946 hat er angefangen, seine Erlebnisse und Erfahrungen aufzuarbeiten und in Kunstwerken darzustellen“, so der Kurator.

Die Arbeiten, die im Schloss Miltach gezeigt werden, sind laut Dehm „figurativ“. „Man kann sehen: Es geht um Lager, um Inhaftierte.“ Doch seien diese Werke nicht Luries wirkliche Kunst, stattdessen zeigten sie den Weg dorthin. Obwohl Boris Lurie 2008 in New York gestorben ist, „ist er ein zeitgemäßer Künstler, wenn man zum Beispiel an Machtmissbrauch oder Kriege denkt, die aktuell passieren“, so der Kurator. Lurie habe am eigenen Leib erfahren müssen: Menschen, die Macht haben, missbrauchen sie. „Die Erinnerungen daran finden sich in seinen Werken wieder“, sagt Jürgen Dehm.

Jürgen Dehm - Foto: Katharina Kellner/Archiv
Da scrollst du so durch und siehst Bilder von Kriegen und beim nächsten Swipe siehst du wieder irgendwelche anderen belanglosen Dinge.Jürgen Dehm, Kurator der Boris Lurie-Ausstellung zieht eine Parallele zwischen den Werken des Künstlers und der heutigen Zeit

Die Besucher erwartet im Schloss Miltach eine Zusammenstellung aus Arbeiten, die Boris Lurie zwischen 1946 und 2003 erschaffen hat. Das meiste sind laut Dehm Collagen, die durch das Zerschneiden und Zusammenfügen von Material entstanden sind. Dabei stellt Lurie Motive des Holocaust Dingen aus der Konsumkultur gegenüber.

Hier ausgemergelte Meschen, da Shampoo

Jürgen Dehm erklärt: Damals gab es in den USA beispielsweise Magazine, die auf der einen Seite „ausgemergelte Menschen im KZ“ zeigten. „Und eine Seite weiter hast du dann das Shampoo“, sagt der Kurator und zieht dabei eine Parallele zur heutigen Zeit mit Blick auf Soziale Medien wie Instagram. „Da scrollst du so durch und siehst Bilder von Kriegen und Gewalt und beim nächsten Swipe siehst du wieder irgendwelche anderen belanglosen Dinge.“

Boris Lurie, Shit NO, 1969, aus der Boris Lurie Art Foundation - Foto: Tim Nighswander

Über die Boris-Lurie-Kunststiftung ist Jürgen Dehm an die Werke gekommen, sagt er. Dafür sei er nach New York gereist, um sich die verschiedenen Arbeiten des Künstlers anzuschauen. So konnte er „eine schlüssige Ausstellung zusammenbauen, so dass es in den vorhandenen Räumen auch Sinn macht“, sagt Dehm.

Und er fügt hinzu: „Ich glaube, dass die Werke für das Hier und Jetzt große Relevanz haben. Boris Lurie war Ende der 50er, Anfang der 60er schon radikal und hat sich mit Problemen befasst, die heute auch wieder aktuell sind. Die Ausstellung passt zur heutigen Zeit. Sie ist relevant durch die heutigen Krisenherde.“

Vernissage „Boris Lurie – ever the radical“

■ Start im Schloss: Die Vernissage zu „Boris Lurie – ever the radical“ findet am Samstag, 27. Juni, um 15 Uhr im Schloss Miltach (Chamer Straße 9, 93468 Miltach) statt. Um 15.30 Uhr gibt es ein Grußwort von Bürgermeister Mario Höcherl, danach führt Kurator Jürgen Dehm in die Ausstellung ein.

■ Weitere Veranstaltungen: 27. Juni: Konzert im Garten mit JOEY Y LOS TOS (Schweiz), veranstaltet von Olli Zilk: Salsa & Latin Jazz mit Vibraphon, Percussions, Kontrabass und Gesang; Eintritt: 18 Euro, Einlass ist um 18.30 Uhr, Beginn ist um 19.30 Uhr (Abendkasse); bei schlechter Witterung im Schloss; 28. Juni, 15 Uhr: Ausstellungsführung mit Jürgen Dehm; 4. Juli: Heimatfood mit exklusiver Führung durch die Ausstellung mit Jürgen Dehm um 17 Uhr; Buchung unter heimatfood@schlossmiltach.de. Am 13. September, 15 Uhr, findet der Tag des offenen Denkmals statt.