Angst vor Brustkrebs: Wie eine Mammografie das Leben auf den Kopf stellen kann

Von Daniela Albrecht · 20. Juni 2026 um 05:00

Das Mammo-Mobil macht Halt in Viechtach (Landkreis Regen) – diese Gelegenheit nutze ich und lasse mich untersuchen, auch um hinterher aus erster Hand darüber berichten zu können. Das hat sich MGB-Redakteurin Daniela Albrecht gedacht. Nichts ahnend, dass die Brustkrebsvorsorgeuntersuchung ihr Leben für die nächsten Wochen auf den Kopf stellen sollte.

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Die ersten Sonnenstrahlen des Tages fallen durch einen Spalt zwischen den Vorhängen. In der Ferne rauscht das Meer. Im Hotelrestaurant wird bereits das Frühstück vorbereitet. Ich greife nach meinem vibrierenden Handy. Eine unbekannte Nummer aus Passau. Wenige Minuten später ist unser Urlaub auf Korfu vorbei.

Der Anruf, der erst einmal alles verändert

„Können Sie morgen Früh in unsere Praxis in Straubing kommen? Es müssen nochmals Aufnahmen gemacht werden von ihrer Brust“, fragt die Mitarbeiterin der Radiologie-Praxis am anderen Ende der Leitung. Warum? Wurde beim Screening ein Tumor entdeckt? Die Frau am Telefon kann dazu nichts sagen.

Morgen röntgen? Das geht nicht. Ich bin Luftlinie über 1100 Kilometer entfernt. Wir vereinbaren einen Termin unmittelbar nach meiner Rückkehr. In einer Woche. Der Anruf ist längst beendet. Ich habe das Handy immer noch in der Hand, bin wie erstarrt. Habe ich Brustkrebs?

Zum ersten Mal bei einer Mammografie

Vor gerade einmal fünf Tagen hatte ich die erste Mammografie meines Lebens. Seit Anfang Mai macht das Mammo-Mobil, die mobile Röntgenstation des Brustkrebsscreenings Niederbayern, wie alle zwei Jahre Station in Viechtach. Hier können gesetzlich versicherte Frauen zwischen 50 und 75 Jahren bis 7. Juli ein Mammographie-Screening durchführen lassen. Über 800 Frauen haben das Angebot bis Ende Mai genutzt. Ich – gerade 50 geworden – war eine davon.

Frühzeitig erkannt, kann Brustkrebs gut behandelt werden. Und geheilt. Deshalb kommt die mobile Röntgenstation zur kostenlosen Brustkrebs-Früherkennung für Frauen ab 50 Jahren alle zwei Jahre nach Viechtach. - Foto: Daniela Albrecht

Auf dem Weg zum Trailer, der auf dem Parkplatz bei der Viechtacher Stadthalle steht, ist mir komisch zumute. Ich bin nervös. So viel habe ich über das Screening gehört. Nicht nur Gutes. Doch gleich bei der Anmeldung habe ich das Gefühl, in guten Händen zu sein. Janina Michalczyk, Teamleiterin des Mammo-Mobils, erklärt mir ausführlich, was auf mich zukommt.

Bis 7. Juli macht das Mammo-Mobil Halt in Viechtach: Die radiologischen Fachkräfte Eva Stephan und Teamleiterin Janina Michalzyk vom Mammographie-Screening Niederbayern kümmern sich um die Klientinnen, die zum Brust-Screening kommen. - Foto: Daniela Albrecht

Knapp 20 Minuten dauert das Prozedere mit Anmeldung, Untersuchung und Gespräch. „Bitte oben rum frei machen“, lautet die Ansage auf dem Weg zur Untersuchung. Bluse, BH und Brille bleiben in der Umkleide. Ich muss ein Zimmer weiter. Janina Michalczyk schaut sich als Erstes meine Brüste an, klärt ab, ob ich ein Muttermal, Hautwarzen oder eine Narbe habe. Wäre dies der Fall, würde sie das dokumentieren. Doch bei mir wird sie nicht fündig.

Vier Aufnahmen werden von meiner Brust gemacht

Mitten im Raum steht das Mammografiegerät. Damit werden vier Aufnahmen von meinen Brüsten gemacht – zwei von jeder, mal frontal und mal von der Seite. Dafür wird meine Brust auf dem Bucky, dem Mammografietisch, platziert. Von oben fährt eine Kompressionsplatte nach unten. Meine Brust wird zusammengedrückt. Das ist unangenehm. Tut aber auch nicht weh.

Geschafft: Nach gut 20 Minuten ist das Brustkrebsscreening im Mammo-Mobil beendet. Teamleiterin Janina Michalczyk (rechts) betreute MGB-Redakteurin Daniela Albrecht bei ihrer Untersuchung. - Foto: Eva Stephan

Es dauert nur wenige Sekunden pro Aufnahme, dann lässt der Druck auf meine Brust wieder nach. Sie ist wieder frei. Nach vier Runden ist die Untersuchung beendet. Ich bin erleichtert. Ich habe es geschafft. Meine Aufnahmen passen. Sie sind technisch in Ordnung, erklärt die Radiologiefachkraft. Mehr erfahre ich an diesem Tag nicht. Ich verlasse den Trailer und freue mich auf den Urlaub. Ende der Woche geht es ab nach Korfu.

Gedankenkarussell statt Erholung

Oliven, Feta, warmes Weißbrot. So sehr ich griechisches Essen liebe, nach dem Anruf krieg ich kaum einen Bissen hinunter. Trinke nur ein paar Tassen Kaffee. Meinem Mann geht es kaum anders. Die Nachricht müssen wir beide erst einmal verdauen.

Später sitzen wir auf einer Bank am Meer. Halten uns fest. Blicken aufs Wasser. Über uns kreischen Möwen. Sommer, Sonne, Glück pur. Ich weine. Kann gar nicht mehr aufhören. Während andere Urlauber ihre Handtücher zum Strand tragen, google ich Überlebensraten bei Brustkrebs. Behandlungsmöglichkeiten.

72.000 Frauen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Brustkrebs

Zurück im Hotelzimmer suche ich weiter Antworten im Internet. Ich lese Zahlen, Statistiken und Erfahrungsberichte. Immer wieder stoße ich auf dieselbe Information: Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. 72.000 Frauen erkranken nach Angaben von Radio-Log in Deutschland jedes Jahr neu daran. Aber auch Männer. 700 sind es laut Zentrum für Krebsregisterdaten im Jahr. Dessen Datenbank zufolge haben sich die Überlebenschancen von Betroffenen in den vergangenen Jahren „dank Fortschritten in der Therapie deutlich verbessert“. So betrage die relative Zehn-Jahres-Überlebensrate für Frauen 83 Prozent und für Männer 68 Prozent. Frühzeitig erkannt, kann Brustkrebs also gut behandelt werden. Und geheilt. Entscheidend ist, wann der Tumor entdeckt wird.

Wenn ich Brustkrebs habe, wurde er dann frühzeitig entdeckt? Diese Frage drängt sich immer wieder in mein Bewusstsein. Eine Antwort kann mir im Moment keiner geben. Ich muss warten – auf den Rückflug, weitere Untersuchungen. Nachts liege ich wach, höre die Grillen zirpen. In meinem Kopf hämmern die Gedanken wild um sich. Chemotherapie, Bestrahlung, Brust-OP.

Auf dem Weg zum Flughafen frage ich mich, ob es mein letzter Urlaub hier war. Vielleicht mein letzter Urlaub überhaupt.

Nach der Rückkehr zählt nur noch Gewissheit

Wieder daheim bleiben die Koffer unausgepackt. Am nächsten Morgen geht es gleich nach Straubing. In die Radiologie-Praxis. Zur Abklärung. Mir ist nicht gut. Meine Hände sind feucht. Im Wartezimmer sitzen noch mehr Frauen. Keine lacht. Manche starren auf ihre Formulare, andere auf ihre Handys. Niemand spricht. Jeder scheint mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Ich werde aufgerufen. „Vielleicht haben Sie Glück. Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagt eine ältere Frau, als ich aus dem Raum gehe. Ich hoffe, sie hat recht.

Warten auf Antworten: In der Radiologie-Praxis in Straubing werden weitere Untersuchungen gemacht – und eine Gewebeprobe entnommen. - Foto: Daniela Albrecht

Ich klammere mich an die Hoffnung, dass es eine reine Routineuntersuchung ist. Um vergleichen zu können, weil es ja meine erste Mammografie war. Erneut werden Aufnahmen von meiner Brust gemacht. Diesmal nur von der linken. Das macht mich stutzig. Hier stimmt doch was nicht. Nach der Untersuchung muss ich wieder warten. In einem langen Gang. Links und rechts gehen Türen ab. Biopsie 1. Behandlung. Biopsie 2. Davor eine Reihe von Stühlen. Auf denen warten andere Frauen. Zwei kennen sich. Unterhalten sich über die Enkel. Ich höre meinen Namen und gehe durch die Tür mit der Aufschrift Biopsie 2.

Ein Knoten in meiner Brust

Wenige Minuten später erfahre ich, warum ich nach Straubing kommen musste. „Biopsie 2“ ist ein kleiner Raum, eine Liege, viele Geräte, ein kleiner Tisch, darauf ein Bildschirm. Die Ärztin kommt gleich zur Sache. Sie zeigt auf die Aufnahmen. „Wir haben einen Herd entdeckt.“ 18 mal 8 mal 12 Millimeter groß, erklärt sie. Habe ich wirklich Krebs?

Die Ärztin schaut mich mit ernstem Gesicht an. „Gab es bereits Brustkrebsfälle in Ihrer Familie“, will sie wissen. Mir ist nichts bekannt. Ich verneine. Mir schwirrt der Kopf. Ich habe so viele Fragen, aber ich bringe nur ein „Und jetzt?“ heraus, spüre, dass mir die Tränen kommen. Ich schlucke angestrengt.

„Wir können jetzt gleich eine Biopsie machen und Gewebe entnehmen. Das ist ein kleiner Eingriff, aber dann wissen wir in einigen Tagen mehr“, erklärt die Radiologin. Ja. Ich bin einverstanden. Ich will nicht wieder warten müssen. Auf den nächsten Termin. Ohnmächtig und voller Ungewissheit.

Kleiner Eingriff unter örtlicher Betäubung

Draußen im Wartezimmer sitzt mein Mann. Im Behandlungszimmer werde ich für den Eingriff vorbereitet. Die Ärztin will eine Feinnadel-Biopsie machen bei laufender Kontrolle per Ultraschall. Meine linke Brust wird betäubt, eine Kanüle eingebracht. Es folgt ein lautes klackendes Geräusch. Die Ärztin hatte mich davor gewarnt. Ich erschrecke trotzdem. Viermal. Die Ärztin beruhigt mich. „Ich bin in guten Händen“, denke ich. Und trotzdem läuft mir eine Träne die Wange hinab. Dann ist es vorbei. Die Wunde wird verschlossen und verbunden.

Ich habe es geschafft. Bin fertig. Zumindest für heute. Die entnommenen Gewebeproben werden eingeschickt. Von einem Pathologen begutachtet. Das Ergebnis wird erst in einigen Tagen vorliegen. Die Medizinerin verspricht, mich sofort anzurufen, wenn es vorliegt.

Die Ungewissheit schlägt mir auf den Magen

Ich muss warten. Schon wieder. Es sind Ferien. Ein Feiertag. Danach Brückentag. Die Biopsie ist bald zwei Wochen her. Die Angst ist geblieben. Nichts ist mehr selbstverständlich. Nicht der nächste Urlaub. Nicht die Planung für den Sommer. Nicht einmal die Gewissheit, gesund zu sein. Das schlägt mir auf den Magen. Ich habe kaum jemanden erzählt, was los ist. Was mich beschäftigt, weiß nur mein Mann. Bei jedem Telefonanruf zucke ich zusammen.

Dann, genau zwei Wochen nach dem Eingriff, klingelt am Morgen mein Handy. Die Straubinger Nummer der Praxis. Ich halte kurz den Atem an, gehe ran. „Der Tumor ist gutartig.“ Mehr sagt die Ärztin nicht. Es reicht. Mir kommen die Tränen. Doch dieses Mal sind es Tränen der Erleichterung.

„Kontrolle in sechs Monaten“ höre ich wieder die Stimme der Ärztin. Sie will den Knoten beobachten. Ich stimme zu, denn ich will das Gespräch beenden. Um gleich meinen Mann anzurufen. Diesmal zittert meine Stimme nicht. Ich habe gute Nachrichten.

Der Knoten bleibt vorerst in meiner Brust. Die Angst ist verschwunden. Und wenn in sechs Monaten die nächste Kontrolle ansteht, werde ich hingehen.