Nach unangemeldetem Feuerwerk in Regensburg: Ermittlungen in der Ultra-Szene gelten als schwierig

Von Heike Haala · 15. Juni 2026 um 05:00

Nachdem in einer Nacht im Mai ein nicht angemeldetes Feuerwerk in der Altstadt hochgegangen war, äußerte die Polizei mit Verweis auf Internetveröffentlichungen den Verdacht, dass es sich dabei um eine Aktion von Ultra-Fans des SSV Jahn gehandelt haben könnte. Inzwischen schweigt sie zu den Ermittlungen. Die Ultras dagegen sind Gesprächsthema.

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Einen Tag später hatte die Polizei zwei Personen im Alter von 19 und 21 Jahren verdächtigt, an dem Feuerwerk beteiligt gewesen zu sein. Philip Obermeier von der Polizeiinspektion Süd sagt nichts zum Stand der Ermittlungen und nicht, ob sich dieser Verdacht erhärtete oder weitere Verdächtige hinzukamen: Das Verfahren laufe, daher könne keine abschließende Aussage dazu getroffen werden.

Halten jetzt zwei die Köpfe für alle anderen hin?

Nur wenig mehr ist an anderer Stelle zu erfahren: Auf der Seite „jahnelfueberall.com“ tauchte nach dem Feuerwerk ein Foto davon auf. Es ist auch jetzt noch auf der Seite zu sehen, wobei dort zu lesen ist, dass sich der Blog von Straftaten distanziere und nicht zu ihrem Begehen aufrufen wolle. Es gibt auch Hinweise auf den möglichen Anlass: Viele Graffiti, die den SSV als Thema haben, sind gerade mit dem Zusatz „25 Jahre“ versehen. Die Ultra-Szene des SSV Jahn formierte sich im Jahr 2001. Laut eines anonymen Hinweises, der bei der Mittelbayerischen einging, sei das Feuerwerk eine Aktion zu diesem Jubiläum der Ultras gewesen. Aus der Fanbetreuung des SSV Jahn ist zu hören, dass die Ultras den Verein seit nunmehr 25 Jahren unterstützen.

Schaut her, wir sind da, aber ihr kriegt uns nicht: ein Graffiti beim Donau-Einkaufszentrum. - Foto: Heike Haala

Die anonyme Person, die sich bei der Mittelbayerischen meldete, prognostizierte auch, dass die zwei Verdächtigen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Visier der Polizei befanden, wohl die Köpfe für alle hinhalten würden. Was das bedeuten würde, sollte sich der Verdacht erhärten, erklärt Obermeier: Das Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen oder einem Feuerwerk ohne Erlaubnis stelle eine Ordnungswidrigkeit dar. Das könne mit einer Geldbuße von bis zu 50 000 Euro geahndet werden.

Allerdings sagt er auch: „Bei Ermittlungen zur Ultra-Szene gelten insbesondere die hierarchischen Strukturen, eine starke Vernetzung und eine Ablehnung der Kommunikation und Kooperation mit der Polizei als Herausforderungen.“ Eine Mitwirkung bei der Straf- und Ordnungswidrigkeitenverfolgung sei daher ungewöhnlich. Obermeier schätzt, dass zur aktiven Ultra-Szene des SSV Jahn derzeit 120 Personen gehören. Straftaten oder Delikte durch Ultra-Fans bewegten sich auf einem etwa gleichbleibenden Niveau. Dabei handle es sich um Sachbeschädigung, Diebstahl, Körperverletzung, Strafvereitelung sowie Ordnungswidrigkeiten nach dem Sprengstoffgesetz oder der Stadionverordnung und Verstößen gegen das Versammlungsgesetz.

Ansonsten ist in Regensburg wenig über die Ultras herauszubekommen. Fanplattformen melden sich auf Anfragen nicht zurück. Daniel Eckerich vom Fanprojekt sagt, sich prinzipiell nicht zu Belangen von Fanclubs zu äußern. Das gelte auch für die Ultras, denn das empfinde er als Akt der Bevormundung.

Einer Anwohnerin gelang dieser Schnappschuss von dem Feuerwerk. - Foto: Susanne Hauer

Laut Fanbetreuung des SSV Jahn pflege der SSV Jahn Regensburg ein von gegenseitigem Respekt geprägtes Verhältnis zu den Ultras Regensburg. Die Grenzen seien aber insbesondere dann überschritten, wenn die Sicherheit sowie die körperliche Unversehrtheit der Zuschauer im Jahnstadion gefährdet sei oder Gesetze gebrochen würden. Auch zwei Experten schildern Ultra-Szenen wie die des SSV Jahn als ambivalent. Das Feuerwerk, das in Regensburg zu sehen war, wäre nicht die erste Aktion dieser Art gewesen, sollte es sich bei den Veranstaltern um Ultras handeln. „Das hat es schon an vielen Orten gegeben“, sagt Michael Gabriel, Leiter Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend (Kos).

Jugendkultur, Rebellentum, soziales Engagement

Bei Ultra-Szenen handle es sich generell um eine Jugendkultur, die Sichtbarkeit wolle. Das sei etwa an Fahnen, Choreographien oder dem Abbrennen von Bengalos zu sehen. „Diese Fans haben einen Repräsentationsanspruch für den Verein, die Stadt oder die Region“, sagt er. Die Verortung bedeute ihnen viel. Gabriel spricht von einem regelrechten Territorium, das Ultra-Fans für sich beanspruchen würden. Wie groß das Territorium ist, das Jahn-Ultras als ihres ansehen, sei bei einer Fahrt auf der Autobahn von München nach Nürnberg anhand der Schriftzüge und Sticker an Schilderbrücken oder Lärmschutzwänden zu erkennen. Beim Jahnstadion ist gerade sogar die gesamte Fußgängerbrücke zwischen Uni und Klinikum in den Vereinsfarben getüncht.

„Ultras sehen sich im Kontrast zur Allgemeinkultur“, erklärt Gabriel. Es gehe auch um Provokation und Rebellentum, bestätigt Ronny Blaschke, der sich als Buchautor und Journalist auf politische Themen im Sport spezialisiert hat.

Für ihre Anhänger seien Ultra-Szenen hochattraktive Vereinigungen voller Verlässlichkeit, Anerkennung und Solidarität, erklärt Gabriel – ein Ort der Gemeinschaft. Die Szene gebe ihren Anhängern Selbstvertrauen, das sie aus anderen Kontexten oft nicht gewohnt seien, ergänzt Blaschke. Gabriel spricht von internen Werten und Regeln, Blaschke von strengen Hierarchien. „Man muss sich lange andienen“, erklärt er. Choreographien im Stadion, das Abbrennen von Bengalos, das Anstimmen von Fangesängen oder die Organisation von Plätzen im Stadion könnten behilflich sein.

Im Stadion sorgen die Ultra-Fans des SSV Jahn regelmäßig für ordentlich Stimmung. - Foto: Tino Lex, Archiv

Er bezeichnet die Ultra-Szene in Deutschland als heterogen und schätzt, dass ihr mehrere Tausend Menschen angehören könnten – der Großteil sei zwischen 16 und 20 Jahren alt, bis zu 95 Prozent davon seien Männer. Das seien keine Vereine, sondern informell organisierte Gruppierungen, erklärt Gabriel. Der Kos-Leiter betont schließlich das soziale Engagement von Ultras: „Sie unterstützen die Schwachen in einer Gesellschaft.“