Ratlos mit dem Rad: Chamer kann am Bahnhof Gleis 2 nicht ohne Hilfe erreichen

Von Selina Schaefer · 9. Juni 2026 um 19:00

Wie der Ochs vorm Berg stand Anton Högele auf Gleis 1, als er letztens am Chamer Bahnhof den Zug am Luftlinie wenige Meter entfernten Gleis 2 nehmen wollte. Oder eher: wie ein Radfahrer vor 25 Treppenstufen. Für alle mit Gepäck oder Einschränkung sind diese schwer wie ein Berg zu überwinden. Högele will jetzt wissen, wann der barrierefreie Ausbau für Cham kommt. Die MZ hat bei der Deutschen Bahn (DB), Bürgermeister Martin Stoiber sowie dem Abgeordneten des Landtags, Gerhard Hopp, nachgefragt. Die Antworten geben Hoffnung.

Eigentlich wollte Anton Högele wie immer von Cham aus mit Rad und Zug nach Waldmünchen fahren. Das Problem: Seit diesem Jahr gehen die Züge nicht mehr vom ebenerdig erreichbaren Gleis 1, sondern von Steig 2. Da ihm die Treppen zu steil waren, habe der 76-Jährige der Einfachheit halber den Notübergang direkt über die Gleise nutzen wollen, erzählt er. Wer häufiger mit der Bahn fährt, der weiß: Mit dieser Lösung ist er nicht alleine. Das jedoch ist nicht erlaubt, wie ihn der Fahrdienstleiter zurechtwies. „Der hat ja Recht gehabt“, räumt Högele auch ein. „Aber ich dachte halt: Wie komme ich da rüber?“

Also habe er das auch den Fahrdienstleiter gefragt, wie er denn sonst mit dem Rad nach Waldmünchen komme. „Geht mit dem Rad nicht!“, sei als forsche Antwort gekommen. Seinem Ärger über den Zustand am Chamer Bahnhof machte er in einem Post in den Sozialen Medien Luft, wo er diesen Vorfall zuerst schilderte.

Nicht einmal eine Laufschiene zum Schieben gibt es

Regelmäßig fahre er mit dem Rad nach München oder Waldmünchen und das auch immer mit Rucksack, denn mit Koffer, das gehe nicht, erzählt er im Gespräch mit der MZ. Jeder andere Bahnhof sei dabei besser und vor allem barriereärmer gestaltet, findet er. „Und in Cham hast du nicht einmal eine Laufschiene“, bemängelt er. Dabei denkt Högele nicht nur an die Radfahrer, sondern auch an Menschen im Rollstuhl und mit Kinderwagen. Seiner Meinung nach müsste die Lösung doch denkbar einfach sein, damit alle zu den Gleisen kommen.

Er schlägt einen Durchstich mit einer Rampe vom Parkplatz zur Unterführung vor und zu den Gleisen 2 und 3 einen Aufzug. „Ohne großen Umbau müsste das doch gehen“, hofft er. Dass solche Maßnahmen nicht sofort komplett umsetzbar sind, das wisse er. „Aber anstoßen muss man es.“ Zumindest wünsche er sich eine Perspektive, wann man mit welcher Lösung rechnen könne. „Ich dachte in meinem Leben könnte ich es vielleicht noch erleben“, witzelt Högele.

Mit Gepäck am Chamer Bahnhof ist es nicht ganz einfach. - Foto: Selina Schaefer

Dass der barrierefreie Ausbau des Chamer Bahnhofs schon seit Jahrzehnten ein Thema ist, „eine fast unendliche Geschichte“, weiß Bürgermeister Martin Stoiber (CSU) nur zu gut. Als Bahnhof einer Hochschulstadt, wichtiger Knotenpunkt Richtung Prag und noch dazu angesichts vieler Fahrradtouristen habe der Haltepunkt schon einen massiven Aufwertungsbedarf, findet der Bürgermeister. Nach seinem letzten Kenntnisstand vom Januar, laufen die Planungen der Bahn bezüglich eines barrierefreien Ausbaus schon. Diese sollen bis Frühjahr 2027 beendet sein, erst dann könne es konkreter werden. Er stehe deswegen auch regelmäßig in Kontakt mit dem Landratsamt sowie dem MdL Gerhard Hopp (CSU).

Die Stadt sei in diese Pläne selbst nicht direkt involviert – wie genau also das Ergebnis aussehen werde, wisse er derzeit nicht. Aber er weiß, was er sich für Cham wünscht: „Einen modernen, barrierefreien Bahnhof.“ Bei dem Wie, da lasse er sich „gerne überraschen“. Er betont auch: „Ich möchte das nicht auf das Thema Rad herunterbrechen.“ Es gebe viele weitere Gruppen, die einen besseren Zugang benötigen, wie Rollstuhlfahrer oder Familien mit Kinderwagen.

Ab 2030 soll der barrierefreie Ausbau des Bahnhofs beginnen

Auch Gerhard Hopp findet: „Da muss dringend etwas gemacht werden.“ Die Barrierefreiheit sei nicht nur für Menschen mit Behinderung wichtig, sondern für alle. Er selbst kämpfe schon sehr lange für den Ausbau. 2016 habe Hopp die Zusage mit dem damaligen Verkehrsminister dafür verhandelt, dass der Freistaat außnahmsweise die Kosten für die Ausbauplanung übernehme. Damit er „einen Fuß in der Tür hat“, wie Hopp erklärt. Bayern habe eine Million Euro für die Planungen rund um den Chamer Bahnhof gezahlt. Nun aber gehe es endlich voran: Ab 2030 soll gebaut werden. Die Kosten für den Ausbau selbst trüge dann die Bahn und der Bund.

Die Deutsche Bahn bestätigt auf Nachfrage, dass die Genehmigungsplanung für den barrierefreien Ausbau im zweiten Halbjahr 2027 beim Eisenbahnbundesamt eingereicht werden soll. Die Umsetzung erfolge dann ab dem Jahr 2030, heißt es von Seiten der Pressestelle weiter. Gegenwärtig sei zudem geplant, den Ausbau in einem Zug umzusetzen. Auch sei das Projekt nicht von der sogenannten „Metropolbahn“, der Elektrifizierung und dem Ausbau der Strecke zwischen Nürnberg und Furth im Wald, abhängig.

Bis dahin muss sich Anton Högele noch ein wenig gedulden. „Es gibt so viele schöne Ecken im Landkreis. Aber erreichen muss man sie auch“, fasst er zusammen . Und auf das Auto umsteigen möchte er nicht. Dank Deutschlandticket sei die Bahn im Prinzip eine günstige und praktische Verbindung.

Högele half beis einer Fahrt nach Waldmünchen schließlich ein junger Mann, sein Rad die 25 Stufen herunter- und wieder heraufzutragen. Eine Schiene, das wäre zumindest eine Zwischenlösung und „ein Schritt in die richtige Richtung“. Bis dahin lautet seine Lösung, ins rund drei Kilometer entfernte Willmering zu radeln und dort einzusteigen.

So kommen Rollstuhlfahrer auf Gleis 2 und 3

Für Rollstuhlfahrer, die zum Mittelbahnsteig möchten, bestehe laut Pressestelle der Deutschen Bahn die Möglichkeit den eigentlich verbotenen Übergang zu nutzen. Dazu werde seit 2012 in zusammen mit der Länderbahn täglich von 6 bis 21 Uhr Hilfe durch die Maltester Cham organisiert. Dabei werde das Gleis gesperrt und der Rollstuhlfahrer über den höhengleichen Übergang begleitet. Die betroffene Person müsse sich dafür vorher über die Mobilitätszentrale anmelden, entweder telefonisch unter (030) 65 21 28 88 oder per E-Mail an msz@deutschebahn.com.