Fußball-WM im TV: Warum alte Spiele mit Live-Kommentaren plötzlich Kult sind

Die Vorfreude auf die Fußball-WM ist groß – und das Fernsehen verkürzt die Wartezeit mit einem ungewöhnlichen Konzept: Ehemalige Nationalspieler kommentieren ihre eigenen WM-Auftritte. Was zunächst nach belangloser Nostalgie klingt, entpuppt sich als überraschende Lektion in Sachen Selbstreflexion – und führt gedanklich sogar zu Marc Aurel. Eine neue Ausgabe unserer täglichen Sport-Glosse „Links Oben“ von MZ-Autor Philip Hell.
Wir können es kaum erwarten. Diesen Freitag. 4 Uhr. Südkorea gegen Tschechien. Auf Wiedersehen Alltag, bis bald Schlaf, servus Sozialleben – endlich Fußball-Weltmeisterschaft! In einer Art Phantom-Vorab-Entzug haben wir neulich beim Zappen etwas Interessantes entdeckt: Ein Spartensender zeigt dieser Tage WM-Spiele der deutschen Nationalmannschaft aus der jüngeren Vergangenheit.
Zu sehen war beispielsweise das Finale gegen Argentinien 2014. Achtung, Spoiler-Alarm: Das haben wir gewonnen. Dieses Ergebnis darf man in der breiten deutschen Öffentlichkeit als bekannt voraussetzen. Daher hat sich der Spartensender etwas überlegt: Das Spiel läuft im Originalkommentar, in der Ecke des Bildschirms sind aber Experten und Protagonisten des Spiels eingeblendet, die den Original-Kommentar kommentieren. Das läuft dann so: Der Sprecher sagt, dass Spieler XY einen Fehlpass gespielt hat. Besagter Akteur des Spiels meldet sich aus dem Kabuff aus dem Eck des Bildschirms und bestätigt: Ja, da habe ich einen Fehlpass gespielt.
Diese Art von Sendungen ist im deutschen Fernsehen durchaus erprobt. Angefangen haben – soweit wir uns erinnern – private Sendeanstalten. Da sind dann beispielsweise Aufnahmen von One-Hit-Wondern aus den 90ern zu sehen, die – na ja – ihren einen Wonder-Hit zum Besten geben. C-Promis melden sich und erzählen, wie sie zu eben jenem Stück der Musikzeitgeschichte bei Kindergeburtstagen getanzt haben. So weit, so belanglos – könnte man meinen.
Tatsächlich handelt es sich bei der Fußball-Adaption dieser Idee um ein hohes Gut der eigenen Charakterbildung: Selbstreflexion – und das auch noch in der Öffentlichkeit. Wir möchten nicht zu hoch greifen, aber: Uns kommen da Marc Aurels Selbstbetrachtungen in den Sinn.
Da wollen wir unbedingt dabei sein, treten mal einen Schritt zurück und sagen ganz selbstkritisch: Da haben wir heute wieder einen hochgestochenen Schmarrn geschrieben.