Equal Pay Day: Frauen verdienen noch immer weniger als Männer – in Bayern 19 Prozent

Noch immer gibt es in Deutschland zwischen Frauen und Männern Verdienstunterschiede. In Bayern ist die Spanne sogar größer als im deutschlandweiten Durchschnitt. Wie hoch die Gender-Pay-Gap im Verbreitungsgebiet der Mediengruppe Bayern ist, sehen Sie in unseren interaktiven Grafiken.
Der 27. Februar ist Equal Pay Day – an diesem Aktionstag wird jedoch nicht das gefeiert, was die Übersetzung „Tag der Entgeltgleichheit“ verspricht. Denn genau das Gegenteil ist der Fall: Noch immer gibt es in Deutschland zwischen Frauen und Männern Verdienstunterschiede. In Bayern ist die Spanne sogar größer als im deutschlandweiten Durchschnitt. „Die Lohnlücke ist kein individuelles Problem einzelner Frauen, sondern ein Ausdruck struktureller Ungleichheit“, kritisiert Tanja Pichlmeier, kommissarische Landesvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB).
Vergangenen Dezember hat das Statistische Bundesamt neue Zahlen zum Gender Pay Gap, also zum geschlechtsspezifischen Verdienstunterschied, veröffentlicht. 2025 haben Frauen in Deutschland pro Stunde im Schnitt 16 Prozent weniger verdient als Männer. In konkreten Zahlen: Einem „männlichen“ Bruttostundenverdienst von 27,05 Euro steht ein „weiblicher“ Bruttostundenverdienst von 22,81 Euro gegenüber – satte 4,24 Euro. Diese 16 Prozent beziehen sich auf den unbereinigten Gender Pay Gap, der alle erwerbstätigen Frauen und Männer vergleicht.
„Frauen nehmen zwar am Erwerbsleben teil, aber häufiger in Teilzeit als Männer und haben zudem häufiger ,Lücken‘ im Erwerbsleben aufgrund von Pflege- und Erziehungszeiten. Dies schmälert die finanziellen Möglichkeiten und verstärkt die Verdienstungleichheit weiter“, erklärt Daniela Taverne, Beauftragte für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt (BCA) bei der Agentur für Arbeit in Passau.
„Frauen arbeiten überdurchschnittlich häufig in Berufen und Branchen, die gesellschaftlich unverzichtbar sind, aber schlechter bezahlt werden – etwa in Pflege, Erziehung oder Dienstleistung. Hinzu kommt: Frauen sind in Führungspositionen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Gleichzeitig arbeiten erheblich mehr Frauen in Minijobs – oft ohne existenzsichernde Perspektive“, führt Marietta Eder, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bayern, aus.
Care Arbeit wirkt sich auf Gender Pay Gap aus
Wie Tanja Pichlmeier ergänzt, spiele beim unbereinigten Gender Pay Gap auch der Aspekt Care Arbeit mit rein: „Frauen sind wegen Kindererziehung und Pflegearbeit weniger berufstätig und häufiger in Teilzeit.“ Solange unbezahlte Sorgearbeit überwiegend von Frauen geleistet und systematisch geringer bewertet werde, bleibe Entgeltgleichheit unerreichbar.
Daniela Taverne von der Agentur für Arbeit in Passau konkretisiert: „Frauen leisten im privaten Kontext durchschnittlich 43,4 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Dieses Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen ist daher ein zentrales Thema der Gleichstellung. Geld, Macht und Zeit sind zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt.“ Es komme daher nicht selten zu Abhängigkeiten von (Ehe-)Partnern.
2025 betrug in Bayern der unbereinigte Gender Pay Gap im Schnitt 19 Prozent. Dabei gilt: Je stärker man regionalisiert, desto größere Unterschiede kristallisieren sich heraus – auch im Verbreitungsgebiet der Mediengruppe Bayern. In einer aktuellen Veröffentlichung errechnete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Gender Pay Gaps nach Kreisen mit Daten von 2024: Unbereinigt betrug er in den Landkreisen Berchtesgadener Land 24,5 Prozent, in Freyung-Grafenau 25,2 Prozent, in Schwandorf 28,1 Prozent und in Pfaffenhofen an der Ilm 29,9 Prozent.
Wie Marietta Eder vom DGB erklärt, sei in Regionen mit vielen kleinen Betrieben und geringer Tarifbindung die Lohnlücke häufig größer. „Auch die jeweilige Wirtschaftsstruktur spielt eine Rolle: In stark industriell geprägten Landkreisen mit gut bezahlten technischen Berufen, in denen überwiegend Männer arbeiten, fällt der Abstand besonders deutlich aus, wenn Frauen dort überwiegend in schlechter entlohnten Tätigkeiten beschäftigt sind.“
Dem unbereinigten Gender Pay Gap steht der bereinigte Gender Pay Gap gegenüber, der der aussagekräftigere Indikator für geschlechtsspezifische Verdienstdiskriminierung ist. Hier werden nur die Verdienste von Männern und Frauen mit vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erwerbsbiografie gegenüber gestellt. Das Ergebnis: Bei gleichen Voraussetzungen verdienten Frauen 2025 im Schnitt dennoch sechs Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, in Bayern sieben Prozent weniger.
„Entgeltlücke von heute ist Rentenlücke von morgen“
Ganz frisch veröffentlichte das Statistische Bundesamt weitere Zahlen, die die statistisch belegbare Ungerechtigkeit untermauern. So lag der Gender Gap Arbeitsmarkt, ein Indikator für erweiterte Verdienstungleichheit, 2025 bei 37 Prozent, in Bayern bei 41 Prozent – mit Baden-Württemberg Schlusslicht im Bundesland-Ranking. Beim Gender Gap Arbeitsmarkt werden geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wochenarbeitszeit und der Erwerbsbeteiligung berücksichtigt.
Wie Tanja Pichlmeier betont, habe der geschlechtsspezifische Lohnunterschied weitreichende Folgen, unter anderem ein erhöhtes Risiko von Altersarmut – denn oftmals komme nach dem Gender Pay Gap der Gender Pension Gap: „Die Renten der Frauen sind wesentlich niedriger als die der Männer. Frauen sind deshalb stärker von Altersarmut betroffen.“ Auch Marietta Eder moniert, dass „die Entgeltlücke von heute die Rentenlücke von morgen“ sei. In Bayern sei jede vierte Frau armutsgefährdet – „eine der höchsten Quoten bundesweit. Wer über viele Jahre hinweg weniger verdient, erhält später auch geringere Rentenansprüche. Lohngleichheit ist deshalb auch eine Frage sozialer Sicherheit“.
Früh um Altersvorsorge und Weiterbildungsmöglichkeiten kümmern
In diesem Zusammenhang betont Daniela Taverne, dass es daher wichtig sei, sich frühzeitig über das Thema Altersvorsorge zu informieren und beraten zu lassen, an Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten teilzunehmen sowie die Berufs- und Studienwahl zukunftsorientiert auszurichten.
Doch, wie auch aus den Ausführungen der drei Organisationsvertreterinnen hervorgeht, sitzen Frauen oftmals nicht an den kritischen Entscheidungshebeln beim Thema Gleichbezahlung. Es braucht daher generelle gesellschaftliche und politische Veränderungen, damit Gleichbezahlung nicht Wunschdenken bleibt, sondern Realität wird.
Für Tanja Pichlmeier ist klar: „Es muss möglich sein, Familie und Beruf zu vereinbaren. Dazu brauchen wir von Seiten der Politik vor allem verlässliche und qualifizierte Kinderbetreuungsangebote.“ Von den Unternehmen erwarte sie Transparenz, was die Löhne und Gehälter angeht. „Frauen verdienen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die europäische Entgelttransparenzrichtlinie bewerten wir als KDFB als wichtigen Schritt.“
Für Marietta Eder sei die Tarifbindung „ein zentraler Hebel“. Zudem brauche es eine ehrliche Debatte über Arbeitszeiten. „Die Diskussion über sogenannte ‚Lifestyle-Teilzeit‘ geht an der Lebensrealität vieler Frauen vorbei. Die meisten sehnen sich nach mehr Betreuungsangeboten. Wer Erwerbs- und Sorgearbeit gerechter verteilen will, muss deshalb die Rahmenbedingungen verändern.“