Eine Sternstunde für Regensburg: die Gala im „Opernhaus des Jahres“

Der Titel belohnt einen kühnen Kurs, den das Publikum gern mitgeht. Internationale Stars verbreiten am Montagabend Oscar-Feeling.
Regensburg badet am Montag im Glück, taumelt zwischen Jubel, Stolz und ungläubigem Staunen: Das städtische Theater, ein Mehrspartenhaus in der Oberpfalz, wird zum international besten Opernhaus gekürt, nach Belgiens königlicher Oper in Brüssel und der Nationaloper Amsterdam. Unfassbar eigentlich. „Als mich Ulrich Ruhnke im Sommer anrief, musste ich mich erst mal setzen“, bekennt Regensburgs Intendant Sebastian Ritschel. Er strahlt: „Der Abend heute ist ein großartiges Gefühl, ein großartiges Geschenk, eine großartige Ehre für das ganze Haus.“

Der Erfolg strahlt in die ganze Region aus, dürfte auch Gäste aus Nieder- und Oberbayern anziehen, und bedeutet außerdem ein Signal an Häuser in der sogenannten Provinz. Denn entscheidend sind nicht die Größe der Bühne, des Budgets oder des Standorts, sagt Ulrich Ruhnke. Er hat den internationalen Oper! Award 2019 erfunden, ist Chefredakteur des Magazins Oper! und leitet die Jury. „Wir fragen uns: Wo entsteht Neues?“

In Regensburg überzeugte der künstlerische Mut: „An diesem Haus regiert nicht die Repertoire-Routine, hier herrscht nicht der ästethetische Einheitslook“, sagt er. „Musiktheater wird in seiner ganzen Breite als hochkarätiges Wagnis begriffen – und mit größtem Erfolg umgesetzt.“ Statt auf Verdi und Puccini setzt man auf Ur- und Erstaufführungen.

Den kühnen Kurs bezeugen aktuell die Kammeroper „Lucidity“, in der Weltstar Renate Behle, 80, eine demente Sängerin gibt, „The Ghosts of Versailles“ von Oscar-Gewinner John Corigliano, Premiere war im September, und der Opernthriller „The Shining“ von Pulitzer-Preisträger Paul Moravec, die im Mai herauskommt.
Jonathan Tetelman zieht alle Blicke auf sich
Das Publikum geht den Weg unerschrocken mit: 185 000 Gäste bescherten 2024/2025 den zweithöchsten Wert der Theater-Geschichte – und das, obwohl das Velodrom als größte Spielstätte noch immer wegen Sanierung geschlossen ist.

Oscar-Feeling herrscht am Montag auf dem roten Teppich im Foyer, beim Rendezvous der Klassikszene. 20 Preise ehren Künstler auf, vor und hinter der Bühne (im Stream bei oper-awards.com). Jonathan Tetelman zieht im feurig roten Smoking-Sakko alle Blicke auf sich. Der Award als bester Sänger bedeutet ihm viel, erzählt er. Deshalb hat er seine Familie dabei, deshalb bleibt er, während andere Stars bald abrauschen, später noch beim Empfang. Tetelman dankt für den Preis mit „La donna è mobile“ und lässt den Saal mit seiner strahlend schönen Stimme erleben, warum er als „neuer Domingo“ gilt. Der Tenor, der im Sommer zu den Thurn und Taxis Schlossfestspielen wieder kommt, verabschiedet sich so: „Ich wünsche Ihnen Frieden, Harmonie - und ein Leben voller Oper.“

Erin Morley, „die Unvergleichliche“, die mit Lawrence Brownlee in „Golden Age“ den Reichtum des Belcanto feiert, wird für das beste Album geehrt. In Vollendung singt sie die „Glöckchenarie“ von Léo Delibes, dem Publikum stellen sich die Härchen auf.

Einen Glanzpunkt setzt auch Ermonela Jaho, die mit ihrem seelenvollen Sopran und mit Carlo Rizzi am Flügel eines der 200 Lieder aus „Donizettis Songs“, der besten Gesamtedition, interpretiert.

Die Staatskapelle Berlin wird als Orchester des Jahres belohnt für ihren gloriosen Aufbruch unter Christian Thielemann, mit „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss. Der GMD der Staatsoper Unter den Linden bekennt: „Wie tückisch schwierig diese Oper ist, wurde bei den ersten Proben klar.“ Der Dirigent steht 2026 in Bayreuth am Pult; ein Regensburg-Besuch im Sommer sei schon geplant.

Zwei Awards sahnt die Mailänder Scala ab: als bester Chor und mit „Il nome della rosa“ als beste Uraufführung. „Hotel Metamorphosis“, fulminanter Erfolg der Salzburger Pfingstfestspiele, setzt gleich vier Ausrufezeichen. Jurorin Franziska Stürz scherzt: „Ich fühle mich wie die Rezeptionistin.“ Das Pasticcio, ein Best-of von Vivaldi, verlangte der großen Cecilia Bartoli die Fähigkeit ab, sich zu verdoppeln: als Intendantin und Sängerin. „Ich bin zwei Cecilias“, sagt sie bei der Gala über die Aufführung des Jahres.

Das Rezept für Pasticco beschreibt Cecilia Bartoli so: „Der Regisseur sagt, das Libretto ist das Wichtigste, der Dirigent: die Musik, das Publikum: der Tenor. Am Ende muss man alles kombinieren und diese Alchimie finden.“ Vivaldis Juwelen, 40 aus 800 Stücken, wählte sie mit Barrie Kosky aus, dem Regisseur des Jahres. Er betont die Kraft von Teams: „Regisseure gelten als egomanisch, als Monster. Aber ich arbeite in der Oper, weil wir kollaborieren. Jeden Tag gehe ich mit diesen Menschen in ein Abenteuer.“

Zwei dieser Menschen im „Hotel Metamorphosis“ waren: Gianluca Capuano, Dirigent des Jahres, und Nadezhda Karyazina, beste Nachwuchssängerin. Sie bringt im Saal mit warmem Mezzo und leidenschaftlichem Ausdruck Vivaldi zum Strahlen. „Diesen wunderschönen Moment“, sagt sie über die Gala, „werde ich nie vergessen.“

Miina-Liisa Värelä, „finnische Naturgewalt“ mit idealer Wagner-Stimme, fehlt. Sie liegt in Helsinki krank im Bett, berichtet Katharina Wagner. „Ich habe noch viel vor mit ihr“, sagt die Intendantin der Festspiele Bayreuth, nimmt für Värelä den Award als beste Sängerin entgegen und stellt Catherine Foster vor: Die ist spontan aus Berlin gekommen, um einzuspringen. Als Brünnhilde füllt ihre Stimme bei „Fliegt heim ihr Raben“ den Saal bis in den obersten und hintersten Winkel – ein gewaltiger Eindruck.

Die Regensburger Philharmoniker mit GMD Stefan Veselka am Pult zeigen sich auf Augenhöhe, spielen das Stück aus der „Götterdämmerung“ so geheimnisvoll und schwebend, dass die Gäste ein paar Sekunden verharren, bevor Applaus aufbrandet. Viel Beifall bekommt auch Fabiana Locke für „Samiras Arie“ und Carlos Moreno Pelizari. Er vertritt das Haus mit dem Ohrwurm aus der Operetten-Sensation „Der Prinz von Schiras“. Voller Schmelz singt er „Du bist der selige Traum“ – ein Titel, der gut trifft, wie das theaterverrückte Regensburg die Ehre als bestes Opernhaus empfindet.

Zum Finale kommt Jürgen Rose auf die Bühne, 88 und ein Titan der Theaterwelt. An die 400 Opern, Ballette und Stücke hat er ausgestattet oder inszeniert, mit John Cranko sogar New York begeistert. Dutzende seiner Produktionen stehen bis heute im Repertoire. Dabei riet ihm der Berufsberater einst vom Theater ab, erzählt er: „Das hat keine Zukunft.“ An Barrie Kosky erinnert er sich noch als einen seiner Studenten. Aufhören will er bis heute nicht: „Morgen bin ich in Dresden. Um halb zwei ist Probe für Eugen Onegin“, sagt er, kommt ins Plaudern und will auch bei der Gala kaum aufhören. Die Gäste hören ihm hingerissen zu – bis um 23.20, nach knapp vier Stunden, ein Abend endet, der Regensburger Theatergeschichte schreibt. „Das ist historisch“, heißt es unisono unter den Regensburger Gästen. „Das erleben wir nie mehr.“
Der Termin für die nächste Sternstunde steht schon fest: Zum Auftakt der 40. Bayerischen Theatertage, für die Regensburg Gastgeber sein darf, wird das Haus am 8. Mai in den erlauchten Kreis der bayerischen Staatstheater erhoben. Und anders, als der Oper! Award, den man jede Saison neu erringen muss, bleibt der Titel für immer.