Klinikum Neumarkt: Vom Siechenhaus zum modernen Krankenhaus

Von Eva Gaupp · 30. Januar 2026 um 19:00

Der erste Pfleger auf einer Frauenstation, 40.000 Überstunden, Personalabbau, diverse Reformen, wechselnde Manager: Allein mit seinen Erlebnissen in 38 Jahren am Neumarkter Klinikum könnte Werner Bierschneider ein Buch füllen. Für die Chronik des Krankenhauses hat er jedoch tief in Archiven recherchiert – und Erstaunliches ans Licht gebracht.

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Ursprünglich hatte der heute 74-Jährige als Schnapsbrenner seinen Lebensunterhalt verdienen wollen. Doch während seiner Bundeswehrzeit kam er in Kontakt mit Krankenschwestern und -pflegern und startete eine zweite Ausbildung. Vielleicht habe er einen gewissen „sozialen Tick“ schmunzelt der Neumarkter. „Ich habe immer gern mit Patienten gearbeitet.“

Werner Bierschneider: Vom Volksschüler zum Leiter des Pflegediensts

Allerdings brachte es seine Karriere mit sich, dass er in den acht Jahren als stellvertretender und 17 Jahren als Pflegedienstleiter sehr viel mehr am Schreibtisch zu tun hatte als am Krankenbett. Geplant waren diese beruflichen Schritte nicht. „Das hat sich so ergeben“, sagt Bierschneider.

Eine Postkarte zeigt die Dimensionen der Neumarkter Krankenhauses in den 1970er Jahren. - Foto:

2011 hat er die Freistellungsphase seiner Altersteilzeit begonnen – und sich wieder an den Schreibtisch gesetzt. Dieses Mal jedoch, um ein Buch zu schreiben. „Ich habe nur die Volksschule besucht – und jetzt bin ich Autor“, lacht der 74-Jährige, dass sein gezwirbelter Schnauzbart fast die blitzenden Augen berührt.

„Für Geschichte habe ich mich schon als Bub interessiert.“ Sein Leben lang habe er deshalb Zeitungsartikel gesammelt. Für die Chronik des Klinikums Neumarkt mit dem Titel „Das Krankenhaus vor den Toren der Stadt Neumarkt“ hat er außerdem zahllose Stunden in Archiven verbracht. Viele eigene Fotos ergänzen auf 327 Seiten, was er selbst erlebt und recherchiert hat.

38 Jahre lang hat Werner Bierschneider im Klinikum Neumarkt gearbeitet. Schon während dieser Zeit hat er Dokumente zur Geschichte des Hauses gesammelt. - Foto: Eva Gaupp

Der lindgrüne Einband greift die Farbe des aktuellen Unternehmensauftritts auf und schafft so eine Verbindung vom 14. Jahrhundert bis heute. Mit einem Krankenhaus , wie man es heute kennt, habe sein allererster Vorgänger in Neumarkt jedoch nichts gemein gehabt, schreibt Bierschneider in den ersten Kapiteln, als er die furchtbaren hygienischen Zustände im einstigen Siechenhaus schildert. Erst 1793 erhielt das Gebäude drei beheizbare Räume und eine Küche.

Wer es sich bis ins späte 19. Jahrhundert leisten konnte, versorgte Kranke zuhause und holte einen approbierten Arzt dazu. In den besseren Gesellschaftsschichten galten Krankenhäuser als „Pforten zum Tode“, wie Bierschneider eine Studie zur Patientensterblichkeit im 18. und 19. Jahrhundert zitiert. Dienstboten und Handwerksgesellen wurden verpflichtet, einen Beitrag zur Finanzierung des Neumarkter Krankenhauses zu entrichten.

Eine Luftaufnahme von 2019 zeigt, wie das Klinikum Neumarkt im Laufe der Jahre gewachsen ist. - Foto: Werner Bierschneider

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich studierte Mediziner durch, vorher mussten sich Kranke und Verwundete in die Obhut von Badern, Wundärzten und Chyrurgen begeben. Bierschneider erklärt unter anderem, wie eine Beinbruchmaschine eingesetzt wurde, um schief verwachsene Brüche zu behandeln.

Interessant auch, wie eine „ganze Kost“ der Patienten um das Jahr 1846 aussah: Morgens eingekochte Suppe, mittags eingekochte Suppe, zwölf Lot Ochsenfleisch (etwa 150 Gramm), sechs Lot Brot, eine Portion Gemüse, abends wieder Suppe, Brot und etwas Kalbfleisch.

Jahrzehnte lang bis 1985 waren die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul für die Versorgung der Patienten verantwortlich. - Foto: Werner Bierschneider

Kurios muten Zeitungsberichte an, die über Unglücke und Behandlungen im Krankenhaus berichten: Da schreibt das Neumarkter Tagblatt 1914 über Dr. Grundler, der dem zehnjährigen Mädchen des Herrn Zimmermann Mösl ein Bein amputieren muss. Und im Oktober 1915 ist von dem Bierfahrer Georg Rackl zu lesen, der zwischen Stauf und Neumarkt einen Unfall mit seinem Wagen erleidet: Als er versucht, kaputte Speichen zu reparieren, gehen die Ochsen durch und der Wagen überrollt seinen linken Unterschenkel. Auch er muss amputiert werden. Heute trägt die Straße auf der Rückseite des Klinikums den Namen des Chefarztes.

Der Bau des Ludwig- Donau-Main-Kanals und die beiden Weltkriege stellen das Krankenhaus vor besondere Herausforderungen, um die Zahl an Patienten zu bewältigen. Immer wieder muss der Magistrat, der Vorläufer des heutigen Stadtrats, über Investitionen entscheiden. Damals wie heute sind die Ressourcen äußerst knapp.

2019 wurde das Gebäude aus dem Jahr 1837 – zwischen dem denkmalgeschützten historischen Bau und dem neubau der Donauer-Stiftung – abgerissen. Dadurch entstand eine Durchfahrt von der Nürnberger Straße zur Notaufnahme. - Foto: Eva Gaupp

Was das im Alltag für das Personal bedeutet, belegt Werner Bierschneider anhand zahlreicher historischer Protokolle, Briefe und Rechnungen, die er zusammen mit Johann Kotzbauer vom Historischen Verein mühevoll entziffert hat.

Barmherzige Schwestern als Seele des Neumarkter Krankenhauses

Mitte des 19. Jahrhunderts beschwert sich beispielsweise die Generaloberin der Barmherzigen Schwestern bitter bei der Königlichen Regierung der Oberpfalz: „Die Schwestern besorgen alles, waschen, beßern die schadhaften Betten und fertigen die Kleider, Betten und Matratzen an, bestellen den Garten, den Stall, überhaupt den ganzen Haushalt“ – und das neben der Krankenpflege. Dabei werden die Schwestern schlecht entlohnt: 1919 bezahlt die Stadt Neumarkt für jede Schwester nur 300 Mark – ein Dienstbote verdient da schon mehr als das Doppelte.

Heute komm im OP auch der DaVinci-Roboter zum Einsatz. - Foto: Prof. Dr. Bettina Rau

Den Ordensschwestern widmet Bierschneider viel Platz. Die Menschlichkeit und Wertschätzung, die sie Belegschaft wie auch Patienten entgegengebracht hätten, seien ihm Vorbild gewesen. „Die Ordensschwestern haben mich geprägt.“ Er empfand ihren Abzug aus Personalmangel 1985 als großen Verlust.

Überhaupt stehen die Menschen, die Pflegekräfte und Ärzte im Mittelpunkt seines Buches. Ihre emotionale Bindung zum Krankenhaus, ihr Idealismus, unter oft harten Bedingungen das Beste für die Kranken zu geben. „Das hat sich bis heute nicht geändert“, sagt Bierschneider.

Aus der Chronik „Das Krankenhaus vor den Toren der Stadt Neumarkt“

• Die Anfänge: 1381 wurde das „Siechenhaus“ in Neumarkt das erste Mal urkundlich erwähnt. Mit einem Krankenhaus im heutigen Sinn hat es kaum etwas gemein: Ziel ist es vor allem, kranke, ansteckende Personen abzusondern. Eine Pflege gibt es kaum.

• Zweiklassen-Medizin: Wer es sich um 1800 leisten kann, holt einen Arzt nach Hause. Bedienstete, Handwerker und Soldaten werden im Krankenhaus versorgt – um eine medizinische Heilbehandlung handelte es sich jedoch eher nicht.

• Mehr Platz: Da bislang höchstens sechs Patienten Platz hatten, wird das Krankenhaus 1836/1837 erweitert. Es bietet Platz für bis zu 30 Patienten, hat zwölf Zimmer, zwei Küchen, ein Bad und einen OP. Die Pflege übernehmen zwei Barmherzige Schwestern des hl. Vinzenz von Paul.

• Behandlungen: „Therapien waren in der Anfangszeit der Krankenpflege noch sehr beschränkt“, schreibt Werner Bierschneider. Patienten erhalten vor allem stärkende Lebensmittel wie Milch und Bier. Aderlass und Blutegel sind oft das Maß aller Dinge. Erst auf Anordnung des Königs wird die Krankenwart in Bayern vollumfänglich in Kraft gesetzt: Dazu zählen Klistiere, Stuhlzäpfchen, der Einsatz von Kathetern, Bäder, Salben, Tee, Umschläge Fiebermessen sowie subkutane Einspritzungen.

• Ansturm: Hunderte Besucher tummelten sich täglich im neuen Krankenhaus – nicht, um Patienten zu besuchen, sondern aus Neugier. Besuchszeiten werden deshalb auf Montag und Dienstag zwischen 14 und 16 Uhr beschränkt. Die Hausordnung verbietet auch lautes Singen und das Spielen von Musikinstrumenten.

• Zuflucht: Weil in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts immer mehr verwahrloste uneheliche Kinder auf Neumarkts Kinder leben, beschließt der Magistrat, sie im Krankenhaus unterzubringen. Gegen Ende des Jahrhunderts wächst die Zahl der Armen in der 5865 Einwohner zählenden Stadt. Sie finden zunehmend im Krankenhaus eine Bleibe.

• Erster Weltkrieg: Das Krankenhaus ist zu klein, um all die verwundeten Soldaten aufzunehmen. Im Garten wird ein Barackenlager errichtet, unter anderem im Rathaus, Gasthaus Deutscher Kaiser und im Tucherbräu werden Lazarette eingerichtet.

• Zweiter Weltkrieg: Die „Braunen Schwestern“ der Nationalsozialisten sollen die Ordensschwestern in Krankenhäusern verdrängen. Dies gelingt jedoch in Bayern nicht. In den 30er Jahren werden Patienten, die als „Unwerte Leben“ eingestuft wurden, zwangssterilisiert – auch in Neumarkt. Die Kosten müssen die Angehörigen teilweise selbst übernehmen. Ein Chefarzt und eine Berufsanfängerin sind während der Kriegsjahre die einzigen Ärzte im Kreis Neumarkt – alle anderen wurden eingezogen.

• Rationalisierung: 1954 entscheidet sich der Magistrat, das Modell nur mit Belegärzten aufzugeben. Stattdessen führten Chefärzte ein geschlossenes Krankenhaus. Die Ausstattung wird sukzessive verbessert und erweitert. In den 1970er Jahren gilt das Krankenhaus als das modernste in der ganzen Oberpfalz.