Arbeitsmarktexperte Enzo Weber: Steigender Mindestlohn bedroht Jobs

Von Christian Eckl · 30. Januar 2026 um 05:00

Wer arbeitet, sollte davon auch leben können. Doch wer Lohn bezahlt, der muss diesen auch gegenfinanzieren. Was eigentlich der freie Markt regeln sollte, wird seit 2015 im unteren Bereich reguliert: Seither gibt es den Mindestlohn, den eigentlich eine Kommission festlegt. Doch die SPD machte 2021 damit Wahlkampf und erhöhte ihn mit der Ampel-Koalition auf zwölf Euro. Seit der Einführung 2015 mit mindestens 8,50 Euro pro Stunde ist der Mindestlohn massiv gestiegen – bis 2027, wenn er auf 14,60 Euro klettert, um mehr als 70 Prozent seit der Einführung.

„Der Mindestlohn hat den ausgeuferten Niedriglohnbereich begrenzt und einen produktiveren Einsatz von Arbeitskräften ermöglicht“, sagt der Regensburger Professor Enzo Weber. Er ist Bereichsleiter „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, das von der Agentur für Arbeit betrieben wird. „Kritisch wird es allerdings, wenn Mindestlöhne so hoch steigen, dass die Lohnkosten nicht mehr erwirtschaftet werden können“, fügt Weber an. Doch die Frage, ab wann ein Mindestgehalt so gestaltet ist, dass die Erträge eines Unternehmens es nicht mehr erwirtschaften, ist komplex. „Ab wann Jobs wegfallen, ist im Vorhinein nicht leicht zu sagen“, sagt Weber. Bei schwacher Konjunktur, geringerer Arbeitskräfteknappheit und höherem Mindestlohnniveau sei das Umfeld aber schwieriger geworden. Die Abweichung vom ursprünglich vorgesehenen Instrument einer Kommission, die zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaftsvertretern und politischen Akteuren austariert, welcher Mindestlohn für die unterschiedlichen Seiten tragbar ist, sei ein Problem: Weber sagt, es sollte „keine politischen Setzungen“ geben, vielmehr sollte Jahr für Jahr ausgelotet werden, „wie viel möglich ist beim Mindestlohn angesichts der Arbeitsmarktentwicklung und aktueller Studienergebnisse“.

Der Arbeitsmarktexperte verweist auch darauf, dass die Erhöhung des Mindestlohns von zunächst 13,90 Euro heuer und 14,60 Euro im kommenden Jahr auch Auswirkungen auf die Gehälter haben wird, die knapp über dem Mindestlohn liegen. Weber sagt dazu: „Im Zuge der Mindestlohnerhöhung dürften auch die über der Untergrenze liegenden Löhne steigen, weil ein Abstand gewahrt werden soll.“ Das zeige auch der vom IAB erstellte Lohnmonitor, „dass in den vergangenen Jahren die niedrigeren Löhne stärker gewachsen sind als die höheren“. Es ist vor allem die Mitte der Einkommensbezieher, die Abstriche machen muss. Die mittleren Einkommen haben prozentual im ersten Halbjahr 2025 sogar abgenommen. Daraus ließe sich schlussfolgern, dass die Gehaltszunahme im Niedriglohnsektor von Unternehmen dadurch kompensiert wird, dass der Mittelbau der Unternehmen unterdurchschnittlich von Lohnerhöhungen profitiert.

Das heißt aber auch: Menschen mit zumeist niedrigeren Qualifikationen und einfacheren Tätigkeiten haben prozentual mehr in der Tasche als Arbeitnehmer mit komplexeren Tätigkeiten und in der Regel auch höheren Qualifikationen. Doch auch für die Verbraucher wird ein stärker steigender Mindestlohn Auswirkungen haben. „Betriebe können verschieden auf eine Erhöhung des Mindestlohns reagieren: Entweder geringere Gewinne in Kauf nehmen, Jobs abbauen, die Produktivität steigern oder auch Preise erhöhen“, sagt Weber. Und weiter: „Dass ein Teil der höheren Lohnkosten auf die Preise überwälzt wird, ist erwartbar.“ Angesichts der „immensen Inflation der vergangenen Jahre und der schwachen Konjunktur dürfte dieses Potenzial aber begrenzt sein“.

Für den Arbeitsmarkt stellten die IAB-Forscher derweil ein geteiltes Urteil aus. Er sei „ohne Kraft“. Vor allem die Verluste in der Industrie würden das Klima drücken. „Drei Millionen Arbeitslose werden kurzfristig nicht vermeidbar sein“,so Weber.