Welches Spielzeug brauchen Kinder und wie viel? Fragen an Forscher Volker Mehringer

Von Sandra Mönius · 24. Januar 2026 um 11:00

Die weltgrößte Spielwarenmesse feiert ihr 75. Jubiläum. Die Anzahl an Neuheiten, die dort jährlich gezeigt wird, ist riesig. Aber was brauchen Kinder überhaupt? Wie digital darf es sein? Und was fehlt Kindern vielleicht? Spielexperte Volker Mehringer, Akademischer Rat an der Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät der Uni Augsburg, im Gespräch mit unserer Zeitung über Spielregeln, Kreativität und das Spielen draußen.

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Das Interview im Wortlaut:

Herr Mehringer, in der kommenden Woche feiert die Spielwarenmesse Nürnberg ihren 75. Geburtstag. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Volker Mehringer: So viel hat sich eigentlich gar nicht verändert. Wenn man die Geschichte des Spielzeugs betrachtet, sieht man ganz viel Kontinuität: Die Mehrheit der Spiele gibt es schon sehr, sehr lange – vom Brettspiel über den Ball bis hin zu Konstruktionsmaterialien. Vieles, was neu auf den Markt kommt, ist eine Kombination bereits bestehender Spielideen.

Wenn ich meinem Kind drei Spielsachen kaufen möchte, welche wären das am besten?

Mehringer: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Ein Kind durchläuft eine gewisse Spielentwicklung, die sich aus unterschiedlichen Spielformen zusammensetzt. Das Spielen verändert sich im Verlauf der Entwicklung der Kinder und ihrem Alter. Ein Beispiel: Mit fünf, sechs Jahren steigt man ausführlicher ins sogenannte Regelspiel ein. Also in Spiele, die entlang bestimmter Regeln meist in der Gruppe ablaufen, da sind wir beispielsweise bei Brett- und Gesellschaftsspielen. Das macht mit Kleinkindern wenig Sinn, sie brauchen andere Spielmöglichkeiten.

Die Kinder üben soziale Situationen im Kleinen, die sie später in Beziehungen und im Berufsleben erleben.Volker Mehringer

Entwickeln Kinder diese Regeln selbst beim Spielen, oder geben die Erwachsenen sie vor?

Mehringer: Je nach Spielsituation kommt vieles von den Kindern selbst, andere Spielregeln werden hingegen von außen klar vorgegeben, etwa bei einer Mannschaftssportart wie Fußball oder Handball, aber auch beim Schach. Anders ist es im Rollenspiel. Kinder spielen zusammen Mutter-Vater-Kind oder Polizei und müssen sich erst mal eine gemeinsame Spielsituation überlegen. Nicht alle Mitspielenden werden dabei dieselbe Vorstellung haben. Zunächst müssen sie also ein gemeinsames Regelwerk für das Spielen entwickeln: Wer übernimmt welche Rolle? Was darf man in der Rolle tun, was nicht? Hier sieht man gleich den großen Entwicklungswert des Spielens: Darin stecken viele soziale Aushandlungsprozesse, wie sie sich durch unser ganzes Leben ziehen. Die Kinder üben soziale Situationen im Kleinen, die sie später in Beziehungen und im Berufsleben erleben.

Spieledesigner müssen kreativ sein

Wenn Bausteine und Puppen ähnlich bleiben, muss die Spielwarenindustrie sehr kreativ sein, oder?

Mehringer: Ja, im Kern bleiben sehr viele Spielzeuge gleich. Es kommen optische Veränderungen oder die eine oder andere neue Funktion hinzu. Ich beneide die Spielwarenindustrie und insbesondere die Spielzeugentwickler und Designer nicht um ihren Job. Wenn wir uns beispielsweise Brett- und Gesellschaftsspiele anschauen, schaffen Entwickler es immer wieder, spannende Kombinationen hinzubekommen, die einen neuen Spielreiz reinbringen. Andererseits lebt das Spielen ja auch von einer gewissen Wiederholung.

Spielexperte Volker Mehringer ist Akademischer Rat an der Philosophisch-Sozialwissenschaftliche Fakultät der Uni Augsburg. - Foto: Volker Mehringer

Beim Blick auf Spielzeug finden sich nach wie vor viele stereotype Produkte: Puppen für Mädchen, Bagger für die Jungen.

Mehringer: Ich glaube, das ist nicht vom Markt zu bekommen. Und das ist auch in Ordnung, bis zu dem Punkt, ab dem ein Kind ein Interesse an einem Spielzeug oder einer Tätigkeit hat, es aber nicht tut, weil er oder sie sagt, das ist Mädchenspielzeug oder umgekehrt. Kinder fangen schon relativ früh an, eine Geschlechtsidentität zu entwickeln und zu wissen, was vom jeweiligen Geschlecht an Verhalten erwartet wird. Sie meiden dann bestimmte Spieltätigkeiten. Ich finde es ein bisschen schade, wenn Grenzen aufgezogen werden, die gerade in dem Alter überhaupt nicht notwendig sind und den Kindern vielleicht wertvolle Spielmöglichkeiten nehmen.

Von Pädagoginnen und Pädagogen hört man immer wieder, dass sich Kinder schlechter konzentrieren können. Stimmt das?

Mehringer: In der Wissenschaft wird noch viel diskutiert, inwieweit sich digitales Spielen oder die Mediennutzung generell auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken. Ich bekomme aber auf jeden Fall auch Rückmeldungen etwa aus Kindertagesstätten, dass die Konzentrationsfähigkeit abgenommen haben soll. In der Forschung besteht hier noch keine Einigkeit.

Aus spielpädagogischer Sicht finde ich es zunächst am sinnvollsten, darüber nachzudenken, welcher Spielwert im Produkt steckt.Volker Mehringer

In Geschäften finden sich viele interaktive Spielwaren oder Spielzeuge mit Künstlicher Intelligenz. Wie früh sollte ein Kind digitales Spielzeug nutzen?

Mehringer: Wir haben beim digitalen Spielen eine unglaublich große Variationsbreite. Sie reicht von klassischen digitalen Spielen an der Konsole bis zum Bereich der Smart Toys. Diese wirken wie ein traditionelles Spielzeug, sind aber gleichzeitig digital. Nehmen wir einen Teddybären: Der sieht aus wie ein Teddybär, fühlt sich entsprechend an, aber im Inneren sind digitale Technik und eine Internetverbindung verbunden mit einer entsprechenden KI. Das Kind kann mit dem Teddybären reden, und er antwortet. Aus spielpädagogischer Sicht finde ich es zunächst am sinnvollsten, darüber nachzudenken, welcher Spielwert im Produkt steckt. Gibt es wirklich einen Mehrwert? Macht es die Spieltätigkeit des Kindes qualitätsvoller? Bringt es das Kind zu wünschenswerten Tätigkeiten, die es ansonsten nicht gezeigt hätte? Und da bin ich auf den ersten Blick bei KI-Spielzeugen noch nicht wirklich überzeugt. Daran knüpfen oft Fragen zur Datensicherheit an. Welche Daten werden aufgezeichnet? Wo gehen die hin? Wie werden sie übermittelt? Wann ist das Mikrofon an? Man muss wirklich ganz genau von Spielzeug zu Spielzeug schauen. Ich wäre eher vorsichtiger, mir eines nach Hause zu holen.

Auch der soziale Kontakt zum gleichaltrigen Kind fehlt hier.

Mehringer: Ja, der soziale Kontakt zu anderen Kindern oder Spielpartnern in realen Spielen ist durch nichts zu ersetzen, auch durch keine KI.

Gibt es Vorteile beim digitalen Spielen?

Mehringer: Ich glaube, man kann beim digitalen Spielen auch viel lernen. Es kann ein Kind bei der Entwicklung oder Spielfähigkeit voranbringen. Aber wie beim traditionellen Spielen kommt es sehr auf die Qualität und die Altersangemessenheit an. Ich würde gar nicht so sehr die Trennlinie digital–analog ziehen. Es geht mehr darum, hinzugucken: Was und wie wird hier gespielt? Inwieweit kann es einen voranbringen? Und inwieweit gibt es eventuell eben auch problematische Aspekte?

Ich kann einiges durch Selbstgemachtes oder Dinge, die ich zu Hause habe, sehr gut kompensieren oder adäquat ersetzen.Volker Mehringer

Wie viel Spielzeug braucht ein Kind?

Mehringer: Das kommt darauf an, was man unter Spielzeug versteht. Wenn wir Alltagsgegenstände oder Naturmaterialien wie einen Stock dazunehmen oder eine Decke, aus der man eine Höhle bauen kann, würde ich sagen, Kinder brauchen, auf jeden Fall Spielgegenstände – sehr viele unterschiedliche. Die Spielware aber muss es nicht immer zwingend sein. Ich kann einiges durch Selbstgemachtes oder Dinge, die ich zu Hause habe, sehr gut kompensieren oder adäquat ersetzen.

Kann ein Kind ein Zuviel an Spielzeug haben?

Mehringer: Das ist schwer zu sagen. Dazu gibt es interessanterweise kaum Studien. Ein Spielzeug, das in der Ecke liegt, kann beispielsweise die Spielinteressen des Kindes nicht treffen, oder das Kind ist vielleicht aus dem Alter für dieses Spielzeug herausgewachsen. Also, wenn ich im Lego-Alter bin, ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich nochmal ins Duplo-Alter zurückgehe. Wir sehen ganz viel Spielzeug, das in den Familienhaushalten bleibt und mit dem nicht mehr gespielt wird.

Spielen Kinder genug draußen?

Mehringer: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder tendenziell weniger draußen sind und weniger draußen spielen. Dort aber bieten sich Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten, die sich innen nicht in ähnlicher Form umsetzen lassen. Da hat sich definitiv eine Veränderung ergeben. Das hängt nicht allein von den Kindern ab, sondern auch sehr viel von den Erwachsenen. Viele Eltern zögern, ob sie ihre Kinder rausschicken können, ob es draußen sicher ist. Sie sind vorsichtiger geworden.

Kinder müssen Dinge ausprobieren und Verantwortung übernehmen

Was fehlt den Kinder dadurch?

Mehringer: Allein mit anderen Kindern unterwegs zu sein, Dinge auszuprobieren, vielleicht auch bestimmte Risiken einzugehen. Für die eigene Erfahrung, für die Entwicklung ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen, sich selbst einschätzen zu können. Und auch, dass man Streit mit Freunden oder Nachbarskindern hat und das regeln muss, ohne dass Erwachsene eingreifen und diesen Konflikt klären, ist wichtig.

Was ist Ihr Lieblingsspielzeug?

Mehringer: Wenn ich nur ein Spielzeug sagen darf, nehme ich ein Brettspiel – „Flügelschlag“. Es ist seit Jahren ziemlich erfolgreich. Dabei muss man Vögel in bestimmte Lebensräume setzen. Man lernt unheimlich viel, und es macht vor allem viel Spaß.