Bayern wäre leichtes Ziel: Kritische Infrastruktur alarmiert Experten – So agieren die Kommunen

Von Nils Mayer, Isolde Stöcker-Gietl, David Santl · 12. Januar 2026 um 05:01

Nach dem Stromausfall in Berlin sind auch regionale Experten wegen der kritischen Infrastruktur alarmiert. So agieren jetzt die Kommunen.

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Die Bevölkerung muss präventiv informiert, aufgeklärt und zum Handeln aufgerufen werden. Diese Aufforderung spricht der frühere Leitende Baudirektor der Stadt Regensburg, Alfons Swaczyna, aus. Er hat sich nach dem großflächigen Stromausfall in Berlin intensiv mit dem Schutz kritischer Infrastruktur in seiner Heimat beschäftigt. Sein Urteil ist alarmierend. Denn laut dem Experten werden auch in Bayern lebenswichtige Versorgungsleitungen oberirdisch nahezu ungeschützt geführt – etwa über Brücken.

Das mache die Leitungen zu potenziellen Anschlagszielen. „In Friedenszeiten ist das kein Problem, aber der Brandanschlag in Berlin zeigt, welche Auswirkungen ein gezielter Angriff auf die kritische Infrastruktur haben kann.“

Die Energieversorgung, die Bereiche Wasser, Ernährung, Abfallentsorgung und Verkehr sowie die Krankenhäuser zählen im unmittelbaren Lebensbereich der Menschen zur kritischen Infrastruktur. „Was in Berlin passiert ist, ist auch in Bayern möglich“, warnt auch Bernd Steinhofer, Geschäftsführer eines gleichnamigen Ingenieurbüros in Regensburg, das sich auf Brand- und Katastrophenschutz spezialisiert hat. „Gegen mutwillige Brandstiftung ist man leider nie gerüstet.“

Zwar seien die Sicherheitsstandards der kritischen Infrastruktur in Bayern zumindest in der Theorie sehr hoch, erklärt Steinhofer. Die Schwachstelle liege oftmals woanders: „Das Bewusstsein für die Gefahr fehlt.“ Dies gelte sowohl für die Bevölkerung als auch für die politischen Entscheidungsträger. „Egal, ob Krankenhaus oder Stromnetz: beim Schutz unserer kritischen Infrastruktur gibt es fast überall noch Luft nach oben.“

Bayernwerk will beruhigen

Keine diffusen Ängste schüren will indes der Netzbetreiber Bayernwerk. Maximilian Zängl, Pressesprecher der Bayernwerk AG, betont gegenüber der Mediengruppe Bayern: „Grundsätzlich sind die Stromversorgung und der sichere Betrieb der Stromnetze auf einem sehr hohen Niveau.“ Trotzdem räumt auch Zängl ein, dass es einen hundertprozentigen Schutz nicht geben könne. Der Grund? „Extreme kriminelle Energie.“ Aus diesem Grund beschäftigt sich Bayerns größter Netzbetreiber auch mit den Ereignissen in Berlin. „Die veränderten Bedrohungslagen und die Resilienz der Infrastruktur haben wir so weit möglich im Blick“, betont Zängl.

Ähnlich verfährt die Raffinerie Bayernoil in Neustadt/Donau. Auch dort beschäftigen sich Experten aktuell mit dem Ernstfall. Es lägen Notfallpläne in der Schublade, falls es zu Anschlägen auf die Öl-Pipelines und die Gasleitungen kommen sollte, sagt eine Sprecherin auf Nachfrage. Ins Detail gehen will sie allerdings nicht. Auch, um keine wertvollen Informationen nach außen zu tragen.

Dass es überhaupt an aktuelle Gegebenheiten angepasste Notfallpläne gibt, ist laut Ingenieur Steinhofer gerade bei den Kommunen alles andere als selbstverständlich. Das merkt er laut eigener Aussage immer wieder bei der Zusammenarbeit mit den bayerischen Kommunen. „Da gibt es manche, die haben den Ernst der Lage begriffen und andere, da steckt das Thema noch in den Kinderschuhen“, erzählt er.

Der ehemalige Regensburger Baudirektor Swaczyna sieht das ähnlich und fordert deshalb Katastrophenschutzbehörden auf, sich zu erklären. „Die Bürger müssen informiert werden“, betont er.

Sollte der Strom plötzlich weg sein, rückt unter anderem das Technische Hilfswerk (THW) aus. Dort sind Schreckensszenarien wie ein großflächiger Stromausfall „fester Bestandteil von Ausbildung, Übungen und Einsatzplanungen“, erklärt Pressesprecherin Annelie Schiller. Bei einer Notsituation, wie einem mehrtägigen Stromausfall, kümmere sich das THW unter anderem um die Notstromversorgung kritischer Infrastruktur. Gemeint sind damit vor allem Krankenhäuser und Pflegeheime. Auch bei der Logistik hilft das THW laut Schiller tatkräftig mit und unterstützt beim Transport von Material.

Auch Trinkwasser zählt zur kritischen Infrastruktur. Ein Anschlag birgt eine große Gefahr. - Foto: dpa/Stache

„Das THW agiert dabei nicht isoliert, sondern stets als Teil eines Gesamtkonzepts“, sagt Schiller. Teil dieses Konzepts ist auch das Bayerische Zentrum für besondere Einsatzlagen (BayZBE) in Windischeschenbach. Hier, in der nördlichen Oberpfalz, werden Blackout-Szenarien und andere Katastrophenfälle durchgespielt. Das Simulationszentrum bereitet Einsatz- und Führungskräfte organisationsübergreifend auf verschiedene Schadenslagen vor.

Im Jahr 2024 hatte sich das Zentrum laut Geschäftsführer Daniel Pröbstl intensiv mit der Gefahr von Blackouts befasst – etwa zu Fragen nach Auswirkungen eines möglichen Gasmangels. Daraus resultierend seien Informationsmaterialien und Onlineangebote für Entscheidungsträger in Hilfsorganisationen entwickelt worden. „Im Vordergrund stehen dabei die Sicherstellung von Handlungsfähigkeit und die frühzeitige Reaktionsfähigkeit“, sagt Pröbstl.

Um für den Ernstfall gewappnet zu sein, „braucht es die richtige Vorbereitung“, betont auch Steinhofer. Er und seine 40 Mitarbeiter arbeiten zur Zeit mit zwei bayerischen Kommunen an einem Konzept, um Schwachstellen in der kritischen Infrastruktur zu finden und diese zu beseitigen. Fündig werden er und sein Team dabei oft bei Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Steinhofer rät dann meist zur Anschaffung weiterer Notstromaggregate, um den Ausfall dringend benötigter Geräte zu verhindern. Dass das Thema bislang ignoriert worden sei, will Steinhofer so nicht stehen lassen, „Die Gesellschaft wacht langsam auf.“ Das merke er an der Zahl der Anfragen. „Das ist ein Prozess, der mit Corona angefangen hat und durch den Krieg in der Ukraine verschärft wurde.“

Dieses Vorgehen bestätigt auch eine Sprecherin der Stadt Passau. „Unsere Pläne wurden mit Beginn des Ukraine-Krieges aktualisiert“, sagt sie, will aber keine weiteren Details dazu preisgeben. Die Stadt Passau habe sich damals aber „intensiv“ mit den Auswirkungen eines Stromausfalls und mit der Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur auseinandergesetzt und die Vorsorgemaßnahmen an die aktuellen Gegebenheiten angepasst.

Auch die Müllbeseitigung muss im Krisenmodus gewährleistet sein. - Foto: dpa/Schmidt

Auch in Ingolstadt sei der Stromausfall in Berlin aufmerksam verfolgt worden, sagt Michael Klarner, Pressesprecher der Stadt, auf Nachfrage. Eine möglicherweise gebotene Anpassung der eigenen Notfallpläne werde bei solchen Ereignissen stets geprüft. Bisher habe es aber noch keinen gezielten Angriff auf die kritische Infrastruktur der Stadt gegeben, so Klarner. Dabei verweist er auf die strengen Sicherheitsmaßnahmen, die Stadt und Netzbetreiber eingeführt hätten. „Unter anderem Zugangskontrollen, Videoüberwachung und den Schutz vor physischen Angriffen oder Cyberattacken.“

Städte sehen sich gerüstet

Bei der Sicherheit des städtischen Stromnetzes gibt sich der Pressesprecher zuversichtlich und verweist auf die Studie eines externen Beratungsunternehmens. Diese sei zu dem Ergebnis gekommen, dass Ingolstadt „sehr gut aufgestellt“ sei. Das liege vor allem an dem Aufbau des Stromnetzes, welches eng „vermascht“ sei. Sollten dann Leitungen ausfallen, käme es zwar zu einem Stromausfall, dieser sei dann aber nur von kurzer Dauer, sagt Klarner.

Auch in Regensburg wird laut Martin Gottschalk, Pressesprecher der Rewag, auf die sogenannte Redundanz der Stromnetze geachtet. Dabei stehe das Vorhandensein ausreichender Kapazitäten im Fokus. Sollte ein Bereich im Notfall ausfallen, könne kurzfristig ein anderer den Ausfall kompensieren. Die Redundanz bleibe „eines der wichtigsten Prinzipien“, um bei einem Ausfall den Betrieb aufrechterhalten zu können.

Ohnehin seien die kritische Infrastruktur und relevante Versorgungseinrichtungen laut Gottschalk „stark gesichert“. Auf die vielen Strom- und Gasleitungen angesprochen, die in Regensburg über Brücken verlaufen, widerspricht Gottschalk möglichen Bedenken, dass diese ein einfaches Angriffsziel wären: „Die Leitungen sind nicht für jeden Fußgänger einfach frei zugänglich.“