„Nicht nur Streben nach Profit auf Kosten der Schwachen“

Ein neuer Arbeitskreis soll im Landkreis Kelheim zuständige Stellen besser vernetzen. Denn Wohnungslosigkeit wird auch hier zunehmend zum Problem. Der Sozialamtsleiter blickt aber auch kritisch auf den Immobilienmarkt.
Vor Kurzem startete im Kelheimer Landratsamt der Arbeitskreis „Wohnen Plus“. Dies ist eine Initiative von Landkreis und Caritas zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit.
Dort wurde auch das neue Caritas-Projekt „Wohnungsnotfallhilfe“ vorgestellt. Das Modellprojekt läuft zunächst zwei Jahre. Seit Mai gibt es eine Fachberatungsstelle sowie den „Wohnweg“, ein Haus mit zwölf Appartements für Betroffene.
Zahlen sind kaum verfügbar - die Dunkelziffer ist hoch
Zahlen, wie viele Menschen konkret im Landkreis obdachlos sind, hat das Amt für Soziales im Landratsamt nicht, sagt Leiter Josef Bader auf Nachfrage. Gemeinden, wohin sich Betroffene meist zuerst wenden, könnten für ihren Zuständigkeitsbereich etwas sagen. In der Bundeswohnungslosen-Statistik 2025 für Südbayern steht für den Landkreis Kelheim die Zahl 115. Cornelia Schönfeld, die Leiterin der Wohnungsnotfallhilfe bei der Caritas geht von einer hohen Dunkelziffer aus.
Nach ihrer Erfahrung „fliegen immer mehr Leute aus normalen Mietverhältnissen raus, weil auf Eigenbedarf gekündigt wird oder sie zwei Monatsmieten nicht zahlen können“. Oft nutzten Vermieter auch Räumungsklagen. Viele Mieter gingen laut Schönfeld zu schnell auf Vergleichsangebote ein. „Doch, wer in Geldnot ist, für den sind 3000 Euro viel Geld. Dafür akzeptiert man, in zwei Wochen aus der Wohnung zu sein.“ Neue Wohnungen zu finden, sei aber schwer, denn viele die bislang in Vier-Zimmer-Wohnungen lebten, suchten sich Drei-Zimmer-Wohnungen usw. Für die Menschen am Ende der Schlange bleibe nichts übrig.
Wohnungslosigkeit nimmt zu
Auch die Mitarbeiter von Josef Bader erreichen regelmäßig Anfragen wegen Wohnungslosigkeit oder drohender Obdachlosigkeit. „Weil Wohnen ein existenzielles Grundbedürfnis ist, sind diese meist sehr emotional.“ Die Ursachen seien vielschichtig: Trennungen, Räumungsklagen, Rauswurf durch Eltern, Tod des Partners, Verwahrlosung oder Sucht könnten zu Obdachlosigkeit führen. „Ohne belastbare Zahlen zu haben, ist die Wahrnehmung dennoch, dass Wohnungslosigkeit bzw. die Bedrohung zunimmt“, so Bader.
Vom neuen Arbeitskreis erhofft sich Josef Bader, „dass er durch Teilnehmer aus den verschiedensten Bereichen und Berührungsfeldern erweitert und ergänzt wird und sich ein lebendiges und aktives Gremium ergibt, dessen Arbeit sichtbar wird und hilft“. Und: Dass sich ein funktionierendes, tragfähiges Netzwerk bildet und „die Zusammenarbeit so gut bleibt, wie sie begonnen hat“. Was es noch bräuchte? Da muss Bader nicht lange überlegen: „Bezahlbaren Wohnraum, mehr sozial geförderte Wohnungen sowie ein generelles Umdenken auf dem Wohnungsmarkt und nicht nur ein Streben nach Gewinn und Profit oft auf Kosten der sozial Schwachen“.
Wohnungsnotfallhilfe der Caritas Kelheim

• Fachberatung: Diese Anlaufstelle der Caritas ist für Menschen aus dem Landkreis Kelheim, die von Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen sind oder akut Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren. Die Leistung des neuen Fachbereichs beinhaltet unter anderem die Beratung bei Mietschulden und Kündigungen sowie bei Räumungsklagen und Zwangsräumungsterminen. Zudem werden Betroffene bei Antragstellungen etwa für ALG II, Sozialhilfe, Wohngeld und Kinderzuschlag unterstützt. Die Fachberatungsstelle vermittelt des Weiteren zwischen Mieter und Vermieter bzw. anderen Beteiligten und vermittelt an weiterführende Beratungsstellen (Suchtberatung, Sozial-Psychiatrischer Dienst, Schuldnerberatung).
• Angebot: Die Hilfe der Caritas ist kostenlos und vertraulich. Cornelia Schönfeld ist Ansprechpartnerin für Betroffene, die ihre Wohnungsnotlage nicht aus eigener Kraft überwinden können.
• Netzwerk: Zudem zählt die Vernetzung zwischen kommunaler Verwaltung, Wohnungswirtschaft, Privatvermietern oder dem Jobcenter zu Schönfelds Aufgaben.
• Termine finden nach vorheriger Vereinbarung statt. Entweder in der Beratungsstelle in Saal, Hauptstraße 45, oder bei den Betroffenen zuhause.
• Wohnweg: Zudem gibt es das Projekt „Wohnweg“ in Saal. Hier stehen zwölf Appartements für Betroffene zur Verfügung. Diese sind aktuell aber alle belegt. Neben den Appartements gibt es eine Gemeinschaftsküche und einen gemeinsamen Wohnbereich. Beides soll den Bewohnern als Orte der Begegnung dienen. Hier können sie zusammen kochen und sich austauschen.
• Kontakt: Tel. (09441) 5007-81, E-Mail: c.schoenfeld@caritas-kelheim.de
• Internet:www.caritas-kelheim.de/beraten-helfen