Wohnungen für Arme: Kommt in Regensburg der Durchbruch?

Drei Regensburger Stadtratsfraktionen schlagen vor, Leerstand herzurichten und günstig zu vermieten – Vorbild ist Karlsruhe. Dort haben 4000 Menschen mit einem ähnlichen Modell Wohnungen gefunden.
Seit drei Jahren möchte Horst Weigert aus einer verschimmelten Wohnung ausziehen, weil seine Gesundheit leidet. Der Regensburger bezieht Bürgergeld und hat einen Berechtigungsschein für eine geförderte Wohnung. Er sucht mit Anzeigen und auf Immobilienportalen, hat aber bisher keine Zusage erhalten. Viele Privatvermieter legen auf, wenn er am Telefon angibt, dass er Bürgergeldempfänger ist. Seinen echten Namen möchte der 55-Jährige nicht in der Zeitung lesen, weil er Privates preisgibt.
Die Neubaumieten bewegen sich Richtung 20 EuroFlorian Rottke, Brücke-Stadtrat
Dass Mietwohnungen so knapp und teuer geworden sind, ist das wohl größte soziale Problem in der Domstadt. Menschen mit knapper Kasse sind besonders betroffen. Laut einer Studie des Pestel-Instituts fehlen rund 4400 Wohnungen. Das treibt die Mieten in die Höhe. Gleichzeitig stehen etwa 1150 seit einem Jahr oder länger leer – könnte das eine Chance sein? Das glauben die Stadtratsfraktionen von Brücke, Grünen und ÖDP. Sie haben einen Antrag gestellt mit dem etwas sperrigen Titel „Wohnraumakquise durch Kooperation“.
Sie appellieren an die Stadt, ein Programm nach dem Vorbild von Karlsruhe, Göttingen und München zu prüfen. Ein ähnliches Konzept soll für Regensburg erarbeitet werden. Ziel des Programms: Leerstehende oder freiwerdende Wohnungen sollen in Zusammenarbeit mit den Privateigentümern nutzbar gemacht werden – und zwar für Menschen, die wegen ihrer wirtschaftlichen oder sozialen Situation Schwierigkeiten haben, auf dem freien Markt eine für sie bezahlbare Wohnung zu finden.
Besser als Strafandrohung
Zwei wichtige Aspekte, damit das Ganze gelingen könnte: „Dabei werden gezielt Wohnungseigentümer angeworben und intensiv dabei unterstützt, ihren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, während gleichzeitig Mieter begleitet und beraten werden“, schreiben die drei Fraktionen in dem Antrag. Die Initiative ist von Brücke-Stadtrat Florian Rottke ausgegangen. „Wir glauben, dass es Leerstände gibt, wo man konstruktiv mit dem Vermieter mehr erreicht, als wenn man mit Strafe droht“, sagt er. Rottke meint damit die Zweckentfremdungssatzung, die verhindern soll, dass Wohnungen leerstehen oder in Gewerberäume umgewandelt werden. Bei der Wohnraumakquise soll die Stadt Regensburg auf die Immobilienbesitzer zugehen und auch eine Mietgarantie geben. „Die Stadt könnte die Verwaltung des Ganzen übernehmen“, sagt Florian Rottke. Im Antrag heißt es, bei Bedarf solle die Kommune eine Instandsetzung von Wohnungen finanziell unterstützen. Die Caritas könne die Mieter sozialpädagogisch betreuen, meint Rottke. Sie hatte die Sache angestoßen.
Leider ist das mit einem hohen personellen Aufwand verbunden.Martina Groh-Schad, Soziale Initiativen
Der Brücke-Stadtrat verweist auf das Karlsruher Modell. „Dort haben 4000 Leute innerhalb von 20 Jahren eine Wohnung gefunden. Es wäre großartig, wenn uns das gelingen würde.“ Eine Bestandswohnung sei auf jeden Fall günstiger als ein Neubau. „Schließlich bewegen sich die Regensburger Neubaumieten schon Richtung 20 Euro pro Quadratmeter.“
Lob und Zustimmung zum Antrag der drei Fraktionen kommen von den Sozialen Initiativen. „Die Zahlen aus Karlsruhe machen deutlich, wie wirksam es ist, wenn Kommunen, soziale Träger und Privatvermieter zusammenarbeiten, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, sagt Vorsitzende Martina Groh-Schad. „Alle Seiten gewinnen.“ Das Modell erschließe Leerstand, ermöglicht Menschen mit geringen Chancen auf dem Wohnungsmarkt ein sicheres Zuhause und entlastet die kommunalen Unterbringungssysteme. Groh-Schad ist überzeugt, dass durch sozialpädagogische Begleitung und Mietgarantien stabile Mietverhältnisse entstehen.
Nächste Woche im Ausschuss
Dennoch ist das Karlsruher Modell in ihren Augen ein Baustein, der mit einem sehr großen organisatorischen und personellen Aufwand verbunden ist. Der Antrag wird am Dienstag im Planungsausschuss behandelt. Das Konzept könnte Horst Weigert helfen.
Erfolgsmodell aus Karlsruhe
Wohnungsnot: Im baden- württembergischen Karlsruhe mit mehr als 300 000 Einwohnern nahm die Zahl der Wohnungslosen Anfang der 2000er Jahre deutlich zu. Karlsruhe begann, bei privaten Eigentümern dafür zu werben, leerstehende oder frei werdende Wohnungen der Stadt zur Belegung zur Verfügung zu stellen. Eigentümer erhalten einen Zuschuss zur Renovierung.
Zielgruppe: Das waren Wohnungslose. Heute ist die Zielgruppe größer. Menschen, die wegen ihrer Lebenssituation Probleme haben, eine Wohnung zu finden, können potenziell ins Programm aufgenommen werden.
Team Wohnraumakquise: Das sind fünf Sozialarbeiter, die die Bewerber kennen, auswählen und nach dem Einzug im Kontakt bleiben.