Jan Böhmermann deckt Kelheimer „Steueroase“ auf – Bürgermeisterin gibt ihm Konter

Beim Begriff Steueroase fällt einem Monaco ein – eher weniger Herrngiersdorf. Doch das „ZDF Magazin Royale“ sieht in dem Ort im Landkreis Kelheim eine Art Steuerparadies. Betriebe zahlten nur geringe Gewerbesteuer, dennoch werde viel eingenommen. Bürgermeisterin Ida Hirthammer ist verärgert, da der TV-Beitrag auf Steuerhinterziehung durch Briefkastenfirmen abzielt.
Das Team um den bekannten Moderator Jan Böhmermann hat in Zusammenarbeit mit der Plattform „FragDenStaat“ 37 deutsche Kommunen als „Steueroasen“ ausgemacht. Das sind „Orte, in denen Unternehmen nur eine sehr niedrige Gewerbesteuer zahlen müssen und in denen zugleich überdurchschnittlich viel Gewerbesteuer eingenommen wird“, heißt es auf der Internetseite steueroasen.watch, welche die Ergebnisse zusammen fasst.
Böhmermann griff in der Ausstrahlung von „ZDF Magazin Royale“ am 14. November 2025 einzelne Kommunen heraus. Vorrangig waren es Orte mit Briefkastenfirmen: An einem baufälligen Bauernhaus der Stadt Lützen (Sachsen-Anhalt) stehen die Namen von 25 Firmen einer Immobiliengruppe. Tatsächlich arbeite dort niemand, man nütze nur die niedrige Gewerbesteuer aus, erklärte Böhmermann sinngemäß.
Auch Promis wie Shirin David im Visier
In Münchner Vororten tummeln sich nach den Recherchen Dutzende Unternehmen an einer einzigen Adresse. Gleich fünf Firmen der Sängerin Shirin David hätten ihren Sitz im brandenburgischen Zossen – in einem Schlossbau, der 123 Firmen eine Adresse bietet. Der Vorteil der Konstrukte: Die Firmen zahlen in solchen Orten weniger Steuern.
„Rund eine Milliarde Euro gehen den öffentlichen Kassen nach Schätzungen jedes Jahr durch Gewerbesteueroasen verloren“, so das Magazin. Auch Herrngiersdorf zähle zu diesen Oasen, weisen Böhmermann und sein Team in einer interaktiven Karte aus. „Die Darstellung in der Karte bedeutet nicht, dass sich ein Unternehmen falsch verhält“, wird angemerkt.
„Ja, wir haben einen geringen Hebesatz für Gewerbesteuern und wir erzielen ein gutes Steueraufkommen“, sagt Bürgermeisterin Ida Hirthammer (WG/FW) unserer Zeitung. Die Einnahmen lägen bei 2,1 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die 24 Gemeinden im Landkreis Kelheim erwirtschaften über diese Abgabe in Summe 52 Millionen Euro. Der Hebesatz in Herrngiersdorf liegt bei 290 Prozent, der Durchschnitt in Bayern steht bei 376 Prozent.

Hirthammer findet es „unfair“, ihre Gemeinde im Kontext mit steuerlichen Schlupflöchern zu nennen. „Das entspricht nicht den Tatsachen. Wir haben keine Briefkastenfirmen. Die Mitarbeiter sind hier tätig.“ Auf steueroasen.watch wird immerhin eingeräumt: „Nicht jede Firma in einer Steueroase ist automatisch eine Briefkastenfirma.“
In der interaktiven Karte sind für Herrngiersdorf 18 Betriebe aufgelistet, darunter die Ropa Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH in Sittelsdorf. „Das ist ein großes und ein erfolgreiches Unternehmen. Mit 500 Mitarbeitern, die vor Ort produzieren und im Umkreis von 30 Kilometern leben. Auch die Wurzeln des Betriebs liegen in Sittelsdorf“, unterstreicht Hirthammer. Unsere Zeitung bat auch Ropa um ein Statement, erhielt aber keine Antwort.
Genannt sind zudem eine Brauerei, Bau- und Handwerksbetriebe sowie Software- und Landwirtschafts-Dienstleister. „Da kenne ich jeden Firmenchef persönlich. Das sind keine Scheinbetriebe“, sagt die Bürgermeisterin. Und von Promi-Firmen – im Beitrag wurde auch Stefan Raab mit einem Sitz in der Steueroase Leverkusen genannt – „wüsste ich bei uns nichts“, setzt sie hinzu.
Bürgermeisterin: „Mich hat niemand kontaktiert“
„Sollte eine Firma die Betriebsstätte in einer Steueroase nur vortäuschen, während die Arbeit in Wirklichkeit in einer anderen Gemeinde erledigt wird, wäre dies eine Straftat: Steuerhinterziehung“, wird auf steueroasen.watch erklärt. „Das ist bei unseren Firmen definitiv nicht der Fall“, so Hirthammer. Sie selbst habe die TV-Sendung nicht gesehen, „aber ich erhielt gleich eine Nachricht, dass Herrngiersdorf als Steueroase genannt ist“.
Die Macher des Magazins berufen sich darauf, „sich durch unzählige Einträge im Handelsregister gewühlt“ zu haben. Und man sei quer durch die Republik gereist. „Mit mir hat niemand Kontakt aufgenommen“, sagt die Gemeindechefin.
Keine Antwort auf Nachfragen beim „ZDF Magazin Royale“
Unsere Zeitung hat sich mit Fragen an „ZDF Magazin Royale“ und „FragDenStaat“ gewandt. Etwa, ob es Hinweise auf Steuerhinterziehung in Herrngiersdorf gebe, warum Betriebe wie Maschinengemeinschaft Labertal oder Fernwärme GmbH erwähnt sind und ob vor Ort recherchiert wurde. „FragDenStaat“, eine „zentrale Anlaufstelle für Informationsfreiheit“, erklärte: „Auf der Karte sind alle Gemeinden abgebildet, die zwei zentrale Kriterien erfüllen: Sie haben sowohl einen stark unterdurchschnittlichen Gewerbesteuerhebesatz als auch ein überdurchschnittliches Gewerbesteueraufkommen pro Kopf.“ Die konkreten Fragen blieben unbeantwortet.
„Uns stehen sicher mehr Mittel zur Verfügung als anderen Gemeinden“, sagt die Bürgermeisterin. Auf der anderen Seite erhalte man aber auch keine Schlüsselzuweisungen. „Wir gehen nicht verschwenderisch mit dem Geld um. Wir investieren in Kindergarten, Grundschule, Straßensanierung und Feuerwehrfahrzeuge.“ Bei jedem Projekt werde die „Sinnhaftigkeit“ geprüft.
Haben sich Jan Böhmermann und sein Team bei Herrngiersdorf vergaloppiert? „Ich hätte mir gewünscht, dass man sich das genauer anschaut. Hier wurde nur rausgepickt, was zum Tenor der Sendung passte. Ich bin schon verärgert“, erklärt die Herrngiersdorfer Gemeindechefin.
Jede Kommune entscheidet selbst
Festsetzung: Die Gewerbesteuer ist eine Unternehmenssteuer auf Gewinne, die von den Gemeinden am Sitz einer Firma erhoben wird. Jede Kommune kann die Höhe selbst festlegen. Das soll wirtschaftsschwachen Regionen bei der Ansiedlung von Betrieben helfen.
Höhe: Der Hebesatz variiert je nach Kommune teils stark. In Deutschland liegt er bei mindestens 200 Prozent. In Herrngiersdorf beträgt er 290, ähnlich niedrig ist er in Train (300) und Ihrlerstein (320). Am höchsten fällt er laut Statistischem Bundesamt in Rohr (430) und Biburg (400) aus.