Für Kinder, die es nicht geschafft haben: Abensberg bekommt einen Sternenkinderbaum

Tabu brechen: Sonja Stürzl-Rammelmaier und Theresa Daffner wollen der Trauer von Sternenkindereltern mit einer Aktion am Niklasmarkt in Abensberg Raum geben.
Familien, die gemeinsam vergnügt über den Weihnachtsmarkt schlendern: Ein Anblick, der Eltern von Sternenkindern häufig an den eigenen Verlust erinnert, daran, was hätte sein können, würde das eigene Kind leben. Am Niklasmarkt soll jetzt ein ganz besonderer Baum, ein Sternenkinderbaum diesen Familien die Möglichkeit bieten, ihr verlorenes Kind in besonderer Weise in den Fokus zu rücken und ihm zu gedenken.
„Ich will, dass das Ganze sichtbar wird, dass man sieht, das betrifft viele, zu zeigen, wir als trauernde Eltern existieren, wir wollen gesehen werden“, sagt Sonja Stürzl-Rammelmaier , die das Ganze zusammen mit Theresa Daffner organisiert. In Regensburg am Christkindlmarkt gibt es bereits so einen Baum für Sternenkinder. An ihn können Eltern beschriftete Sterne hängen, die an ihre Sternenkinder erinnern sollen. Zwischen Regensburg und München müsse man dann aber schon lange nach einem solchen Baum suchen, wie Stürzl-Rammelmaier mit Blick auf eine interaktive Karte festgestellt hat.
Baum beim Niklasmarkt
Warum also die Idee nicht auch in Abensberg verwirklichen? Die 37-Jährige klopfte bei verschiedenen Stellen an, suchte Unterstützer und legte eine Amazon-Wunschliste an. In der befanden sich unter anderem Sterne aus Plexiglas, die die Eltern mit den Namen des Kindes, mit Daten, mit lieben Worten beschriften und an den Baum hängen können.
Stürzl-Rammelmaier organisiert das Ganze ehrenamtlich und hat sich deshalb sehr über das Engagement ihrer Freunde und Bekannten gefreut, die in Nullkommanichts die Wunschliste leer gekauft hatten. Gefreut hat sie sich auch, dass sie bei Diana Vierthaler von Mia bewegt, die den Niklasmarkt organisiert, mit der Idee vom besonderen Baum auf offene Türen stieß.

Der Baum wird beim Brunnenhof am Niklasmarkt stehen, mitten im Trubel und dennoch etwas geschützt. Im Hintergrund zieht sich eine Feuertreppe nach oben. Die Eltern haben also auch, sofern sie es wünschen, eine Möglichkeit, sich kurz zurück zu ziehen. Der Baum soll dezent geschmückt werden, damit er sich von den anderen Bäumen abhebt. Die Sterne zum Beschriften soll es dann am Imbiss nebenan, bei „da Andi“ geben.
Dass Stürzl-Rammelmaier das Thema so am Herzen liegt, ist indes kein Zufall. Seit einigen Jahren begleitet sie Familien bei ihrem schwersten Gang, nämlich dann, wenn sie sich von ihrem Sternenkind verabschieden müssen. Durch ihr Hobby, die Fotografie, stieß sie auf „DeinSternenkind“, eine Vereinigung von ehrenamtlichen Fotografen, die bundesweit Sternenkinder fotografiert und so den Eltern eine Erinnerung an das Kind schenkt.
Ich hatte ein gesundes Baby, was nicht selbstverständlich ist. Ich habe mich glücklich schätzen können und wollte anderen was zurückgebenSonja Stürzl-Rammelmaier
Sie hatte gerade selbst ein Kind bekommen, das war gerade einmal einen Monat alt, als sie ihren ersten Einsatz hatte. „Ich hatte ein gesundes Baby, was nicht selbstverständlich ist. Ich habe mich glücklich schätzen können und wollte anderen was zurückgeben.“ Für die gelernte Intensivpflegerin, die auch schon in einem Hospiz tätig war und jetzt bei einem Bestatter arbeitet, ist der Tod kein Tabuthema.
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Den Eltern ein erstes und letztes Bild zu hinterlassen, „nur“ zu fotografieren, reichte ihr aber irgendwann nicht mehr. Bald stellte sie fest, dass sie diese Eltern auch stärker emotional auffangen wollte. Die Ausbildung als Begleiterin für Familien beim Frühtod eines Kindes und nach pränatal-medizinischer Diagnose war dann nur eine logische Konsequenz. „Es war mir wichtig, dass ich länger bleiben kann in diesen schweren Stunden.“ Der längste Einsatz, den die Wahl-Offenstettenerin je hatte, war bei einem Mädchen, das in der 40. Schwangerschaftswoche tot zur Welt kam. „Wir haben das Kind gemeinsam gebadet und angezogen. Das hat sich sehr eingeprägt.“
Der Trauer Raum geben
Auch aus diesen Erfahrungen heraus bietet sie einmal im Monat einen Treff für Eltern von Sternenkindern an (siehe Infokasten). Dieser Sternenkind-Elterntreff soll Betroffenen die Möglichkeit bieten, sich unter Gleichgesinnten ohne Scham auszutauschen.
Weniger um Austausch, aber auch ein Stück weit darum, der Trauer einen Raum zu geben, geht es beim Sternenkinder-Baum: Wer möchte, könne auch zuhause einen Stern vorbereiten und ihn an den Baum hängen, so Stürzl-Rammelmaier. Auf Wunsch können die Eltern den Stern dann am vorletzten oder am letzten Tag des Niklasmarktes mit nach Hause nehmen.
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Eines ist Stürzl-Rammelmaier auch sehr wichtig: Der Baum soll nicht nur für jene Eltern gedacht sein, die erst vor Kurzem Sternenkind-Eltern geworden sind. „Ich würde mir wünschen, dass auch jene, den Baum nutzen, die schon länger ein Kind verloren haben, bei denen der Verlust vielleicht jahrzehntelang her ist,“ so Stürzl-Rammelmaier. Denn gerade diese Eltern hatten häufig noch nicht einmal einen Ort zum Trauern, ein Grab, an das sie gehen konnten.
Einmal im Monat ist Treff für Eltern von Sternenkindern
Begriff: Der Begriff Sternenkind bezeichnet Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben sind.
Treff: Der Treff für Eltern von Sternenkindern ist einmal im Monat im Treffpunkt am Bahnhof, und zwar immer um 19 Uhr. Jeder kann kommen und gehen wann er will, versichert Sonja Stürzl-Rammelmaier, und zwar ohne Anmeldung. Der Treff ist zudem kostenlos. Die nächsten Termine sind am 26. November, am 5. Januar und am 24. Februar.
Info: Sonja Stürzl-Rammelmaier ist unter der E-Mail-Adresse momentensammlerin@mein.gmx zu erreichen. Über Unterstützung würde sie sich sehr freuen.