Teller statt Tonne: Wie Neumarkter Bäcker und Ehrenamtliche Lebensmittel retten

Knackiges Krustenbrot, süße Mohnschnecken, reichlich belegte Sandwiches – die Auslage der Plank-Filiale in der Bahnhofstraße wirkt wie aus dem Bilderbuch. Doch das, was hier verkauft wird, ist eigentlich schon nicht mehr ganz frisch. Und genau darin liegt das Erfolgsrezept: Der Vortag-Laden der Bäckerei bietet Backwaren von gestern zum halben Preis an. Eine von mehreren Neumarkter Ideen gegen Lebensmittelverschwendung.
„Gerade in der heutigen Zeit mit den Krisen weltweit tut es weh, Essen wegschmeißen zu müssen“, sagt Jakob Plank und spielt damit auf ein Problem an, das nicht nur in Neumarkt besteht: Der UN Food Waste Index Report 2024 spricht von 6,5 Millionen Tonnen Lebensmittel, die in Deutschland jährlich im Müll landen – das entspricht etwa 78 Kilogramm pro Person.
Zweites Leben für Gebäck: Vortag-Laden der Bäckerei Plank
Auch in den Filialen der Bäckerei Plank gehen laut dem Geschäftsführer täglich acht bis zehn Prozent der Ware zurück – doch statt in der Tonne landen sie im Vortag-Laden.
Schon am Abend wird sortiert: Alles, was sich länger hält, Brote oder süßes Gebäck etwa, wird nach Neumarkt gebracht und findet dort am nächsten Tag neue Abnehmer.
Für Jakob Plank ist das eine Win-win-Situation: „Unser Gebäck bekommt ein zweites Leben und Menschen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben, erhalten die Gelegenheit, unsere Qualität zu genießen.“
Ich finde das einfach genial! Es ist nachhaltig und es kostet weniger. Ich probiere hier auch Sachen, die ich sonst nicht kaufen würde – einfach, weil es so günstig ist.Kundin
Bei den Kunden kommt das gut an: Am späten Donnerstagvormittag herrscht an der Theke großer Andrang. Eine Frau, die sich mit dem Gebäck des Vortag-Ladens den ganzen Einkaufskorb gefüllt hat, erzählt: „Ich finde das einfach genial! Es ist nachhaltig und es kostet weniger. Ich probiere hier auch Sachen, die ich sonst nicht kaufen würde – einfach, weil es so günstig ist.“ Ein anderer Kunde meint: „Ich finde es gut, dass es hier eine günstigere Alternative gibt für Leute, die nicht so viel geben können“.
Doch nicht alles, was in den anderen 34 Plank-Filialen übrigbleibt, kann im Vortag-Laden verkauft werden. Brot, das sich noch weiterverarbeiten lässt, wird in der Backstube verarbeitet oder an Tafeln sowie Foodsharing-Initiativen gespendet. Was dann noch übrig bleibt, dient als Tierfutter. „Nur was an süßem Gebäck im Vortag-Laden nicht verkauft wird, können wir leider nicht weiterverwerten. Das muss dann weggeschmissen werden“, sagt der Unternehmer.
Künstliche Intelligenz gegen Food Waste
Auch andere Neumarkter Betriebe engagieren sich gegen Lebensmittelverschwendung. Die Bäckerei Feihl setzt neben klassischer Weiterverwertung auf digitale Lösungen.„Seit etwa drei oder vier Monaten nutzen wir eine Software, die mittels Künstlicher Intelligenz eine Prognose abgibt, wie viel Ware wir am jeweiligen Tag brauchen“, erzählt Philipp Feihl.
Das Programm berücksichtige dabei die Erfahrungswerte aus den vergangenen Jahren: „Am Monatsanfang geben die Leute zum Beispiel mehr Geld aus als am Monatsende. Und an einem Samstag ist mehr los als an einem Dienstag.“ Auch, wenn in der Umgebung Großveranstaltungen stattfinden, mache sich das bemerkbar. All diese Faktoren beziehe das Programm in seine Berechnungen mit ein. Wie viel Überproduktion sich dadurch vermeiden lässt, könne Feihl nach so kurzer Zeit allerdings noch nicht genau sagen.
Darum verfolgt die Bäckerei weiterhin einen breit gefächerten Ansatz: „Wir arbeiten täglich mit der Tafel zusammen, kooperieren mit der App Too Good To Go, und aus übriggebliebenem Brot – dem ‚Rebell 36‘ – wird in Zusammenarbeit mit einer Craft-Beer-Brauerei Bier gebraut.“
Mit Foodsharing für Nachhaltigkeit
Ob moderne Software oder Vortag-Laden: Inga Kipfstuhl vom Neumarkter Foodsharing-Netzwerk begrüßt Initiativen wie jene von Plank oder Feihl: „Unser größter Wunsch ist es, dass wir uns eines Tages selbstüberflüssig machen“, scherzt sie.
Ich merke deutlich, dass das Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung in den letzten Jahren gewachsen ist.Inga Kipfstuhl, Neumarkter Foodsharing-Netzwerk
Gemeinsam mit rund 250 Ehrenamtlichen rettet sie Lebensmittel, die sonst in der Tonne landen würden – weil Verpackungen beschädigt sind oder das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Inzwischen kooperieren sie mit mehr als 50 Betrieben – von kleinen Bäckereien bis zu Supermärkten. Zwar gebe es noch immer Unternehmen, die sich aus Angst, das Geschäft zu schädigen, nicht beteiligten, doch Kipfstuhl beobachtet eine positive Entwicklung: „Ich merke deutlich, dass das Bewusstsein für das Thema in den letzten Jahren gewachsen ist.“
Eine Beobachtung, die auch Jakob Plank mit seinem Vortag-Laden bestätigen kann. „Vor etwa 15 Jahren haben wir an einem anderen Standort schon einmal ein ähnliches Konzept versucht. Das hat gar nicht funktioniert“, erinnert er sich. „Der Vortag-Laden hier in Neumarkt aber wurde von Anfang an, also seit Mai 2022, bestens angenommen.“ Und die Erfolgsgeschichte geht weiter: Aufgrund des Andrangs wurden erst Mitte Oktober die Öffnungszeiten verlängert.